10. August 2016

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Mit Apollon nach Siebenbürgen und in die Bukowina

Apollon war der griechische Gott des Lichtes, und Apollon Cristodulo hieß auch der griechisch-stämmige Reiseleiter, der uns auf unserer zwölftägigen Reise durch Siebenbürgen und die Bukowina begleitete. War es das gute Omen dieser Fügung, dass wir die alte Heimat bei strahlendem Sonnenschein, also im besten Lichte – dies auch metaphorisch – erleben durften? 34 Mitglieder der Kreisgruppe Heidelberg – Mannheim waren dem Aufruf ihres Vorsitzenden Hans Rampelt auf diese erlebnisreiche Reise in die alte Heimat gefolgt.
Rampelts geschickt gewählte Route fügte die Reiseziele zu einem bunten Geschichts-Puzzle dieser Landstriche, die unser „mythischer“ Reisebegleiter Apollon äußerst kenntnisreich zu kommentieren wusste. Seine griechische Abstammung bewahrte ihn offenbar vor allzu einseitigen Darstellungen aus sächsischer, rumänischer oder ungarischer Sicht. So eröffneten sich auch manchem vermeintlichen Kenner der Landesgeschichte neue Blickweisen auf die Historie dieser Landstriche.

Symptomatisch für die wechselvolle Geschichte des Landes erwies sich bereits das erste Reiseziel Karlsburg (Alba Iulia). Hier in Apulum hatten bereits Daker und Römer gesiedelt. Ihnen folgten Ostgoten, Gepiden und Slawen, dann Ungarn und Sachsen, ständig bedrängt von den Einfällen der Mongolen, Tataren und Osmanen. Der Papst hatte die Stadt (1009) zum Erzbistum Weißenburg erhoben, und der Habsburger Karl VI. hatte sie später zur uneinnehmbaren Festung ausgebaut. Seither heißt sie Karlsburg. Die neusanierte Pracht seiner im Vauban-Stil erbauten Festungsanlage kann man heute wieder bewundern. Hier hatte 1591 der Sachsengraf Huet die verbrieften Privilegien der sächsischen Siedler neu eingefordert und kurz darauf (1600) Michael der Tapfere die drei historischen Provinzen, Siebenbürgen, Moldau und Walachei erstmalig vereint, bis der endgültige Anschluss Siebenbürgens an Großrumänien 1918 ebenfalls hier entschieden wurde.

Diese Vielfalt geschichtlicher Entwicklung konnten wir in allen weiteren Stationen verfolgen. So war Klausenburg von deutschen Siedlern im 13. Jahrhundert an einer Stelle gegründet worden, wo bereits der Römer Hadrian das Legionslager Napoca errichtet hatte. Für die Ungarn und Rumänen war die Stadt später ein Objekt dauernder Rivalität. Das zeigt sich noch heute in den beiden Achsen der Stadt: der ungarischen, mit Michaelskirche und dem Denkmal von Mathias Rex (Matthias Corvinus), und der rumänischen Achse mit der orthodoxen Metropolit-Kathedrale vor der rumänischen Staatsoper. In Bistritz durfte man die Sanierung der ab­- gebrannten evangelischen Stadtpfarrkirche bewundern und konnte den neuen Turm-Fahrstuhl benutzen, um aus 75 Meter Höhe einen wunderbaren Weitblick auf die sanfte Landschaft des Nösnergaus zu erhaschen. Die Reisenden der Kreisgruppe Heidelberg – ...Die Reisenden der Kreisgruppe Heidelberg – Mannheim vor dem Denkmal von „Mathias-Rex“ in Klausenburg. Foto: Apollon Cristodulo Über den Borga-Pass ging es dann durch die Bârgău-Gebirge der Ostkarpaten nach Câmpulung Moldovenesc. Auf der Kammhöhe des Passes stößt man unerwartet auf das Standbild des irischen Schriftstellers Bram Stoker, der mit seiner Phantasiegestalt des blutsaugenden Vampirs „Dracula“ Rumänien zu schauriger Berühmtheit verhalf. Die waldreiche Landschaft des Buchenlandes bezaubert, auch wenn es vorwiegend Tannen- und nicht Buchenwälder sind, die einen begleiten. Man ist angenehm überrascht von der Sauberkeit und Gepflegtheit der Straßen und Ortschaften. Das Highlight der Bukowina aber sind die berühmten Klöster, die zum Weltkulturerbe gehören. Für jeden Sieg über seine Feinde hatte Stefan der Große die Gründung eines Klosters versprochen. 40 Klöster künden allein von seinen Siegen über Ungarn, Polen und Türken wie auch vom Kunstsinn seiner Gestalter, als Synthese von byzantinischen und gotischen Stilmitteln. Seinem Vorbild folgten die weiteren Herrscher der Moldau, vor allem Petru Rareş. Ihm verdanken wir u.a. das Kloster „Moldoviţa“, dessen Bilderflut auf den Außen- und Innenwänden der Klosterkirche Weltberühmtheit erlangt hat. Man staunt über die Strahlkraft der Farben, die 500 Jahre überdauert haben, über den Formen- und Phantasiereichtum der Gemälde und die großartige Harmonie von Architektur, Malerei und Umgebung. Schwester Tatjana versteht es, mit Charme und Humor, in einem erstaunlichen Deutsch die Botschaft dieser gemalten Predigten des alten und neuen Testaments zu deuten. Wir erfahren auch Einzelheiten über die präferierten Farbnuancen der einzelnen Klöster. Moldoviţa bezaubert mit strahlendem Goldschimmer, in Suceviţa ist es die Grüntönung, die vorherrscht. Hier folgt das Auge gebannt den 32 Stufen der Himmels- oder Tugendleiter, die die Seele zu ersteigen hat, um in den Himmel zu gelangen, oder in den Höllenschlund hinabgezogen zu werden, Warnung genug, um ein tugendsames Leben zu führen, damals wie heute. So folgen wir Apollon gehorsam zum berühmten Blau des Klosters „Voroneţ“ und dann zum vorherrschenden Ziegelrot des Klosters „Humor“. In einer Blumenpracht ohnegleichen präsentiert sich das Frauenkloster „Agapia“ mit über 300 Nonnen. Seine Berühmtheit verdankt es dem Maler Nicolae Grigorescu, der mit jugendlicher Genialität das Klosterinnere be­malte.

Über das Naturwunder der Bicaz-Klamm kehren wir nach Siebenbürgen zurück. Eingeschüchtert laufen wir einige Kilometer durch den spektakulärsten Abschnitt dieser engen Schlucht, den „Höllenschlund“, unter drohenden, schroff aufragenden Felswänden. Der mitgebrachte Klostersegen bewahrt uns offenbar vor dem Einsturz solcher Felsmassen, so wie das schon einmal (1837) geschah, was dann die Entstehung des „Roten Sees oder Mördersees (Gyilkos-See)“ zur Folge hatte. Er befindet sich bereits auf transsilvanischer Seite. Nun durchfahren wir das Gebiet der Szekler, die uns Sachsen als angesiedelte Grenzwächter der ungarischen Krone vorausgegangen waren und eine der drei Standesnationen Siebenbürgens gebildet hatten. So erreichen wir schließlich Kronstadt, den stolzen Vorposten des sächsischen Siedlungsgebietes im Burzenland. Leider liegt das Hotel abseits, im entfernten Predeal, so dass viel Zeit mit Hin- und Herfahrten verloren geht und die Kronstädter kaum Gelegenheit haben, die Orte ihrer Kindheit und ihrer Sehnsüchte aufzusuchen. Da steht noch vieles auf dem Programm. Die Besichtigung der beeindruckenden Kirchenburg von Honigberg wie auch der von Tartlau, die mit ihrem gigantischen Verteidigungsring und den eingebauten Vorratskammern den Superlativ aller sächsischen Kirchenburgen darstellt. In Marienburg nimmt man staunend zur Kenntnis, dass die verfallende Burg des Deutschen Ritterordens wieder aufgebaut wird. Der Gottesdienst in der Schwarzen Kirche mit der Predigt von Christian Reich und dem Orgelspiel von Steffen Schlandt beeindruckt nicht nur die gebürtigen Kronstädter. Vasilică Oltean, Pope der Nikolai-Kirche im rumänischen Schei-Viertel, führt uns anschließend auf schauspielerisch gekonnte Weise die erste rumänische Schulanstalt samt Druckerei des Diaconul Coresi vor Augen. Dann dürfen wir noch das märchenhafte Schloss „Peleş“ in Sinaia besichtigen. Es ist die prunkvolle Sommerresidenz des rumänischen Königs Carol I. aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen und seiner Künstlergattin Carmen Silva, die Rumänien zu einem modernen Staatsgebilde führten. Fehlen darf auch nicht ein Besuch des „Castelul Bran“. Kronstädter Bürger hatten einst die „Törzburg“ als imposanten Grenzposten zur Walachei erbaut. 1920 schenkten sie die Burg der Königin Maria, Gattin des rumänischen Königs Ferdinand I. Heute wird die Burg als „Dracula-Schloss“ vermarktet, weil sie der Beschreibung aus Bram Stokers Phantasie-Roman sehr nahe kommt. Etwas von dem Dracula-Gruselgehabe findet sich noch oben auf der Schulerau, wo wir uns in der „Şura Dacilor“ mit einem zünftigen Abend von Kronstadt verabschieden.

Bei glühender Hitze geht es zum letzten Reiseziel: Hermannstadt. Es wird der Ausgangspunkt für weitere Fahrten, etwa nach Mediasch, Schäßburg und Birthälm, dem alten Bischofssitz der Sachsen. Eine Kutschfahrt führt von Baaßen nach Bonnesdorf. Das Wappen der Moldau an dem riesigen Kirchenbau erzählt eine besondere Geschichte. Stefan der Große hatte einst aus diesem sächsischen Dorf seine Leibgarde rekrutiert und zum Dank den Bau der Kirchenburg vollendet. Der verfallende Bau soll, wie alle sächsischen Kirchenburgen – so die Auskunft Apollons – bis 2030 restauriert werden. Man kann nur hoffen, dass seine göttliche Vision auch eintrifft.

Hermannstadt, die alte Sachsen-Metropole und Kulturhauptstadt Europas (2007), zeigt sich im besten Licht, sofern man den um sich greifenden Verfall in der Unterstadt meidet. Auf dem Kleinen und Großen Ring, rings um Brukenthalschule und Stadtpfarrkirche herrscht ein reges Leben. Junge Leute und ein international buntes Publikum verleihen der alten Stadt ein jugendlich-frisches Erscheinungsbild. Gerne stimmt man da den hoffnungsvollen Worten Apollons bei, der für Rumänien, trotz aller noch existierenden Verwerfungen, eine weitere positive Entwicklung voraussagt. Bei den Gebirgsbauern in Sibiel scheint der Wohlstand bereits eingetreten zu sein. Das kulinarische Angebot beim Abschiedsessen ist jedenfalls grandios.

Im Flugzeug haben wir Zeit, die Reise zu überdenken. 1800 km hatte Busfahrer Vasile Tiţan uns bequem und sicher durch die alte Heimat gefahren. Dabei sind Geist und Herz – und leider auch der Bauch – randvoll aufgetankt worden.

Prof. Heinz Acker

Schlagwörter: Mannheim, Heidelberg, Reise, Siebenbürgen, Bukowina

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