19. Juni 2020

„Erinnerung – Das einzige, was noch bleibt?“: Masterforschung im Haus der Heimat in Nürnberg

Gedanken zu meiner Masterforschung bei der Siebenbürger Heimatrunde im Haus der Heimat: Erinnern ist etwas Individuelles. Jeder von uns hat in seinem Leben unterschiedliche Ereignisse durchlebt und Erfahrungen gemacht, an die man sich erinnert. Auch wenn mehrere Personen das Gleiche durchlebt haben, so ist doch jeder mit einer ganz eigenen Wahrnehmung ausgestattet und hat eine individuelle Perspektive auf die Geschehnisse. Trotzdem hat Erinnerung und das dazugehörige „Sich Erinnern“ auch eine soziale Komponente. Wir erinnern uns mit anderen gemeinsam an Ereignisse, indem wir mit ihnen darüber sprechen, uns austauschen, uns gegenseitig beinahe Vergessenes wieder in Erinnerung rufen und so unsere Vergangenheit immer wieder aufs Neue verinnerlichen. Teilweise schaffen wir uns mit dieser Praxis auch unsere eigene Vergangenheit.
Herzlich aufgenommen in der „Siebenbürger ...
Herzlich aufgenommen in der „Siebenbürger Heimatrunde“, von links: Katharina Hanslmaier, Töchterchen Philomena, Katharina Böhm, Katharina Krech, Stefan Krech, Susanne Sifft. Foto: Wolfgang Gerhard Binder
Im Zuge meiner Masterarbeit am Institut für Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München versuche ich dieses soziale und kollektive Erinnern in Bezug auf Siebenbürger Sachsen zu beleuchten. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf gelebter Erinnerung in der Gemeinschaft und der Frage, wie Erinnerung unter Siebenbürger Sachsen nicht nur individuell, sondern in der Gruppe stattfindet. Nach einem Forschungsaufenthalt in Siebenbürgen besuchte ich in den letzten Monaten verschiedene siebenbürgisch-sächsische Gruppierungen innerhalb Bayerns, da für mich als Ethnologin nicht nur relevant ist, „was Menschen erzählen“, sondern auch, „was sie konkret tun“. Einen besonders intensiven Einblick gewährte mir dabei die „Siebenbürger Heimatrunde“ im Haus der Heimat in Nürnberg. Bei meinen Besuchen im Zeitraum zwischen November 2019 und Februar 2020 eröffneten mir die rund 35 Seniorinnen und Senioren ihre Art und Weise des gemeinsamen Erinnerns: durch das Herausgreifen wichtiger Ereignisse in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen, durch das gemeinsame Austauschen darüber, durch die tiefe Verbundenheit zu Siebenbürgen und allem, was zum dortigen Leben gehört(e), aber auch durch die eine oder andere kritische Perspektive auf die Geschehnisse. Neben dieser intensiven Beschäftigung mit der Vergangenheit wurde ich darüber hinaus jedoch auch Zeugin einer gelebten Gemeinschaft, die in der Gegenwart verankert ist: So wurde viel gesungen, Fasching und Geburtstage gefeiert, gelacht und getanzt. Eine lebensfrohe Runde, in der ein gutes Miteinander zu herrschen scheint und die mit ihrer offenen Art mich zusammen mit meiner kleinen Tochter, die mich bei meiner Forschung oft begleitet, herzlich aufnahm.

Ob Erinnerung wirklich das einzige ist, was noch bleibt – so wie es mir in vielen Gesprächen mit Siebenbürger Sachsen geschildert wurde –, bleibt eine individuelle Frage. Die „Siebenbürger Heimatrunde“ scheint dabei ihren eigenen Weg gefunden zu haben: eine intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und gleichzeitig ein Blick für das Gegenwärtige.

Katharina Hanslmaier

Schlagwörter: Nürnberg, Haus der Heimat, Heimatrunde, Forschung

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