25. Juni 2010

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„Mehr als ein Hobby“

Dass nicht-professionelle Kunst kein Prädikat für mindere Qualität sein muss, das wollte die Ausstellung „Mehr als ein Hobby – Kunst“ beim diesjährigen Heimattag in Dinkelsbühl anhand ausgewählter Arbeiten von Friedrich Eberle, Sigrid Jakob, Brunhilde Martin und Richard Gober veranschaulichen. Aquarelle, Acrylbilder und Intarsien dieser Hobby- bzw. Laienkünstler wurden an den Pfingsttagen im Refektorium des Evangelischen Gemeindehauses St. Paul gezeigt. Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster führte am Pfingstsamstag in die Ausstellung ein.
Schuster suchte zunächst das Ausstellungsmotiv „Hobbykünstler statt ‚hoher’ Kunst" zu legitimieren. Zum einen gebe es für einen Ausstellungsmacher „nichts Befriedigenderes als ‚Künstler zu entdecken’“. Die eigentliche Begründung sei aber, dass die „kleinen“ Landesgruppen des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland - als Mitgestalter des Heimattages 2010 – die Gelegenheit haben sollten, sich selbst zu präsentieren. So habe die Landesgruppe Niedersachsen – Bremen eine Ausstellung von Sigrid Jakob und Brunhilde Martin (Mutter und Tochter) vorgeschlagen. Es sei ihm freilich auch darum gegangen, erklärte der Bundeskulturreferent, einen Kontrapunkt zu setzen gegen eine pauschale „Verteufelung des Kommunismus“. Immerhin hätte es „in Rumänien gerade im Bereich der Bildung – von Schule bis hin zur Erwachsenenbildung – etliches Positives“ gegeben. Im selben Atemzug räumte der Ausstellungsmacher ein, dass dieser Ansatz nur auf einen der ausgestellten Künstler zutreffe, Friedrich Eberle, während die anderen „im Westen unter den Bedingungen des demokratischen Pluralismus zur Kunst gekommen“ seien. Der Einführende wandte sich den vier Künstlern und ihren Werken zu, mit den Aquarellmalern beginnend. Die ausstellenden Künstler Sigrid Jakob, ...Die ausstellenden Künstler Sigrid Jakob, Brunhilde Martin und Friedrich Eberle, flankiert von den Bundeskulturreferenten Klaus Wagner (Österreich, links) und Hans-Werner Schuster (Deutschland). Foto: Josef Balazs Seit 1997 stellt Friedrich Eberle beim Heimattag in Dinkelsbühl seine Ansichten aus Siebenbürgen als Drucke aus. Der Banater Schwabe (1927 in Liebling geboren) ist über seine Ehefrau Waltraut Edith Tausch aus Reußdorf zu seinen siebenbürgischen Motive gekommen. Nach seiner Russlanddeportation zur Zwangsarbeit hat Eberle die Schule der Bildenden Künste in Temeschwar besucht und arbeitete in der Folgezeit als Porträt- und Reklamemaler. Nach seiner Aussiedlung in die Bundesrepublik war er als Schriftenmaler, und nach dem Studium der Werbegrafik als Werbegraphiker in Nürnberg und als Graphiker in einem Architekturbüro in München berufstätig. Hinsichtlich der in Dinkelsbühl ausgestellten Aquarelle (aus den Jahren 1987-2001) merkte der Bundeskulturreferent an, dass sie „an Veduten aus alter Zeit“ erinnerten. Eberle verfolge einen „dokumentarischen Ansatz“, er wolle „die Zeugnisse unserer Kultur festhalten, verewigen, so wie sie – im jeweiligen Moment – sind“. Entsprechend wichtig seien ihm Linie und Kontur, die Details. Seit 1995 hat Eberle regelmäßig ausgestellt (u. a. 2007 im Friedrich-Teutsch-Haus in Hermannstadt im Rahmen des Programms der Europäischen Kulturhauptstadt: Ausstellung „Kirchen und Kirchenburgen in Siebenbürgen. Ort des Glaubens, der Zuflucht und Verteidigung“). Video: Robert Sonnleitner interviewt Friedrich Eberle Sigrid Jakob, 1947 in Gera (Thüringen) geboren, kam mit drei Jahren nach Honigberg, wo sie nach dem Besuch des „Päda“ in Hermannstadt als Erzieherin wirkte. 1983 reiste sie nach Deutschland aus, arbeitete als Beschäftigungstherapeutin bei der Arbeiterwohlfahrt in Salzgitter Thiede. Ende der 1990er Jahre begann sich Sigrid Jakob künstlerisch zu betätigen, unter dem Einfluss ihrer Tochter, wie Schuster betonte. Ihre Lieblingsmotive seien Blumen und Landschaften, die sie in Aquarelltechnik einfängt. Die Werke der Hobbykünstlerin fänden Gefallen, da man diesen „nicht nur die Freude und den Spaß am eigenen Tun, sondern auch die Begeisterung für das Dargestellte“ ansehe. Video: Robert Sonnleitner interviewt Brunhilde Martin Ihre 1970 in Kronstadt geborene Tochter Brunhilde Martin ist in Honigberg im Burzenland aufgewachsen, 1983 in die Bundesrepublik Deutschland ausgereist und heute in Bad Harzburg (Landkreis Goslar) wohnhaft. Seit 2004 ist Frau Martin als Gruppenbetreuerin bei der „Lebenshilfe“ gGmbH tätig, wo sie die Künstlergruppe „Papillon“ gründete. Sie habe „in kurzer Zeit eine beachtenswerte Fertigkeit und Virtuosität in der Aquarellmalerei entwickelt“, so Schuster. Bei ihr „atmet die Farbe osmotisch, zerrinnt, fließt ineinander und verliert sich im Niemandsland des weißen Papiers“. Sie beherrsche das Nass-Nass- ebenso wie das Fast-Trocken-Aquarellieren und sie experimentiere fleißig. Ihre Kunst sei „mehr als ein Hobby“, urteilte der Bundeskulturreferent.

Schließlich wandte sich Schuster Kunsthandwerker Richard Gober zu. 1947, nach der Kriegsgefangenschaft, hat es den gebürtigen Wolkendorfer (Jahrgang 1918) nach Österreich verschlagen. In Vöcklabruck baute der gelernte Kunsttischler (Gewerbeschule in Kronstadt) eine Möbelfabrik auf. Im Rentenalter entfaltete sich Gobers Leidenschaft für die Intarsie (Einlegarbeit in Holz). Diesem Hobby frönt er bis heute – als 92-Jähriger. Hans-Werner Schuster wies in seiner Einführung darauf hin, dass Intarsia ein Kunsthandwerk ist, „das es trotz seiner Blütezeit in Renaissance und Barock nicht geschafft hat, sich als eigenständige Kunstgattung zu etablieren. An diese Blütezeit knüpft Richard Gober mit seinen geglückten Arbeiten an.“ Der Bundeskulturreferent empfahl den Vernissage-Gästen den ausliegenden Bildband von Richard Gober und ein lesenswertes Gober-Porträt von Hans Bergel in dessen Sammelband „Wegkreuzungen. Dreizehn Lebensbilder“.

Christian Schoger

Schlagwörter: Dinkelsbühl, Ausstellung, Kunst

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