23. August 2010

Siebenbürgische Elegien – Lyrikanthologie von Dieter Schlesak

Unter einer Elegie versteht man gemeinhin ein Gedicht mit traurigem Inhalt, sehnsuchtsvoller Stimmung oder in schwermütigem Tonfall. In der griechischen Frühzeit waren Elegien auch Totenklagen, Kriegslieder oder Lieder, die mit Flötenbegleitung zum Wein rezitiert wurden. Das Alte Rom bringt die Liebeselegie hervor durch so berühmte Dichter wie Tibull, Properz und Ovid. Letzterer, der im Jahre 8 n. Chr. nach Tomis (heute Konstanza am Schwarzen Meer) verbannt wurde, beklagt sein Exil am Pontus Euxinus in den „Tristia“. Goethe hingegen lässt nach der Italienreise in seinen „Römischen Elegien“ (1795) die sinnlich-erotische Tradition des Alten Rom wieder aufleben. Auch Schiller hat in seiner Gedankenlyrik „Das Ideal und das Leben“ und „Die Götter Griechenlands“ in elegischer Form den Bruch zwischen der Realität und einem fernen Ideal beklagt. Der Untertitel der vorliegenden Lyrikanthologie von Dieter Schlesak lässt den kundigen Leser an Adolf Meschendörfers berühmte „Siebenbürgische Elegie“ (1927) denken.
Meschendörfers Elegie, die – in Vorahnung der Prüfungen, die auf Siebenbürgens Sachsen noch zukommen sollten – Untergangsstimmung vermittelt: „Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit./ Früh fasst den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit. (…) Völker kamen und gingen, selbst ihr Name entschwand.“ – Dem entsprechend eröffnet dieses Klagelied die vorliegende Sammlung. An den Beginn des Vorworts setzt der Autor und Herausgeber Dieter Schlesak als „Vor Wort“ und Gegenstück die „Siebenbürgische Elegie 1983“ von Annemone Latzina. In deren Gedicht werden Meschendörfers Verse zeilenweise durchbrochen von Adressen der Verwandten aus Westdeutschland, die den beginnenden Exodus der Siebenbürger veranschaulichen.

Der Sammelband besteht aus zwei Teilen, in acht bzw. zehn Kapitel gegliedert, mit Titeln wie „Transsylvanische Todesarten“, „Abschiedsschwere“, „Die Kunst der Wiederkehr“, „Exil“, „Siebenbürgisches Requiem“, „Erinnerung und Mutters Sprache“, „Rote Zeit – Tote Zeit“ etc. Es ist der Versuch, die Vielzahl der Gedichte der 44 Autoren thematisch zu ordnen. Die Texte sind in deutscher, rumänischer, ungarischer Sprache sowie in sächsischer Mundart und in der Mundart der Roma verfasst. Alle Gedichte sind aus der jeweiligen Muttersprache ins Deutsche oder Rumänische übertragen, Schlesaks Gedichte von Cosmin Dragoste und Andrei Zanca. Einige Beispiele seien hier genannt und Schlesaks Eingangsgedicht „Schwach nur“ auszugsweise zitiert: „Schwach nur / ein Echo/ von Nirgendwo// Der Auszug// Geschwärzte Chroniken leuchten/ In Museen// Von Westen her täuschend/ Ein Licht, gekonnte/ Sonnenuntergänge/ Rot/ Freizeit Ferienfreude Und/ Zweihundertfünfzig Sorten Brot// (…) Schön dieses Mutter/ Land// Woher wir kamen/ Vor fast tausend Jahren/ Dort kommen wir wieder an/ Mit Grabsteinen im Gepäck.“

Die teilweise trügerischen Verlockungen des Westens und die Untergangsstimmung der Exilanten werden hier in wenigen Worten bildhaft beschworen. In der sächsischen Fassung lauten die Verse: „Schwach/ Nor an Echo/ (hier fehlt leider die entsprechende Zeile der deutschen Fassung)// Der Auszach// (…) Wohär mar kaamen/ Vur fast tausend Johren/ Do kun mar wedder un/ Mät Grawstienen/ äm Gepäck.“

Das Elegische wird vor allem in den Requiem-Gedichten auf die 80-jährige Mutter („Mein siebenbürgisches Gedächtnis“) und zahlreiche Freunde, gleichfalls Poeten, deutlich, z. B. für W. v. Aichelburg, E. Cioran, P. Schuster, A. Latzina. Der Nachruf auf den von der Securitate in den Tod getriebenen Rolf Bossert hat den Titel „Einem, der nie ankam“ und stellt die Frage: „Was hast du erwartet, Hans im Glück,/ dass noch Leben beginnt?“

Einige von Schlesaks Texten sind schon in dem Gedichtband „Weiße Gegend – Fühlt die Gewalt in diesem Traum“ 1981 im Rowohlt-Verlag erschienen, werden in der vorliegenden Ausgabe um weitere Strophen ergänzt, z. T. mit verändertem Druckbild, darunter „Deutsch in Transsylvanien“ und „Von Nachgeborenen“, nicht zuletzt die Erinnerung „Für O.P.“: „Ossi isst auf russisch sein Gesicht auf/ Dann schwimmts richtig konturlos zu den harten Kernen./ Er isst Naturgesetze auf.“ Darin wird die Rolle des Essens für den in Russland hungernden Oskar Pastior lange vor Herta Müllers „Atemschaukel“ thematisiert. Auch dieses Gedicht wird nach dem Tod des Freundes mit einer zweiten Strophe zum Epitaph, das sein Weiterleben in den Gedichten apostrophiert: „Er starb plötzlich. Er starb unerwartet./ (…)/ Er starb lautlos kurz vor dem Auftritt/ mit Laut Gedichten./ (…)/ Der Tod holte ihn/ vom Schreibtisch. Gedichte blieben dort liegen./ Sie sind seine Stimme. Solange wir leben/ hören wir seine Gedichte mit seiner Stimme.“

Außer Schlesaks Gedichten kommen nur wenige deutsch schreibende Dichter zu Wort: Carmen Elisabeth Puchianu, Christel Ungar und Joachim Wittstock. Die überwiegende Mehrheit der Gedichte stammt von rumänischen Autoren, ein paar von ungarischen (Martha Iszak, Géza Szöcs, Zsófia Balla), eines („Jahreszeit in Hermannstadt“) von Luminiţa Mihai-Cioaba ist in Romanes geschrieben, von ihr ins Rumänische übersetzt und ins Deutsche gebracht von Beatrice Ungar: „Anotimpo ando Sibio“ („Anotimp in Sibiu“/ „Jahreszeit in Hermannstadt“). Ein kurzer Ausschnitt soll die Poesie des Romanes illustrieren: „Akharal ma o Sibio ande reat/ Pe la droma cinora pherde divanuri“ (= Mă cheamă Sibiul în noapte/ Pe străzile înguste şi pline de soapte = „Ruft mich Hermannstadt in der Nacht/ In die engen Gassen voller Flüstern.“) - Aus der großen Anzahl der Elegien in rumänischer Sprache seien hier stellvertretend zwei Beispiele genannt: die Liebeselegie von Maria Gorczyca (geb. 1956): „Weil ich danach dürste dich zu berühren/ Erfinde ich dich/ Seit einiger Zeit/ Aus trostreich/ Resignierenden Gedanken.“, und die Meditation zum Thema Überleben durch Sprache (in Zeiten der Diktatur?) von Eugen Evu (geb.1944): „Ich schreibe, also bin ich“ („Und sag euch, wie ich überleben konnte … Ein Anderer in mir / Entsteht / Zeitlos.“).

Im Ganzen eine neuartige, verdienstvolle Anthologie zeitgenössischer, in Rumänien lebender Autoren, die sich mit dem Zauber und der Melancholie Siebenbürgens, aber auch mit zeitlosen Themen befassen. Für diese Sammlung gebührt Dieter Schlesak Lob und Dank. Der Titel „Transilvania mon amour“ ist zwar zugkräftig und klingt angenehm, weshalb er aber französisch lauten muss, ist nicht unbedingt einleuchtend, auch wenn er die Liebe (zu diesem Landstrich) anspricht. Von den Fotos Peter Jacobis aus dessen Fotoband „Bilder einer Reise“ (2007), welche die Tristesse des Verfalls der Bauwerke in dieser Landschaft illustrieren, hätte man sich mehr gewünscht. (Die kürzlich im Schiller-Verlag, Hermannstadt erschienene Foto-CD-ROM „Stillleben nach dem Exodus – Wehrkirchen in Siebenbürgen“ ist als bilderreiche Ergänzung zur Anthologie zu empfehlen!) Einen Eindruck von der Melancholie dieses Bandes vermittelt das kurze Gedicht „Schlangenvers“ der Ungarin Zsófia Balla (geb. 1949 in Klausenburg, seit 1993 in Budapest): „Hier lebt niemand mehr/ könnte sagen wer hier lebt/ wer schon weg ist könnte sagen/ wo er lebt.“

Konrad Wellmann

Dieter Schlesak: „Transilvania mon amour. Siebenbürgische Elegien/ Elegii ardelene“, Editura hora Verlag, Hermannstadt 2009, 376 Seiten, ISBN 978-973-8226-82-1, Preis: 17 Euro (56 Lei).
Transilvania mon amour.
Dieter Schlesak
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Sibiu/Hermannstadt: Hora Verlag,,
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Schlagwörter: Rezension, Lyrik

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