13. Dezember 2010

Zwielicht in einer Grauzone

Meinungsbeitrag zu Securitate-Verwicklungen rumäniendeutscher Intellektueller von Hellmut Seiler
Es gab in letzter Zeit – seit der Münchner Tagung im Dezember 2009 – einiges zu lesen und zu hören zu Securitate-Verwicklungen rumäniendeutscher Intellektueller, und wenig davon hat zur Klärung dieses Problemkomplexes beigetragen. In diesem Wust von Schuldzuweisungen und Selbstrechtfertigungen zeichnen sich zwei grundsätzliche Konfusionen ab: erstens die zwischen Opfern und Tätern, zweitens jene zwischen Aufklärern und Maulaufreißern, die es in beiden ersteren Lagern gibt. Sie alle hingen im Netz einer spinösen Spinne – eines Geheimdienstes osteuropäischer Prägung. Das aber war kein abstraktes oder sonst wie metapherntaugliches Konstrukt, sondern es waren und sind Menschen, die in der Regel händereibend und feixend den Alltag im Land unserer Herkunft genossen, mitbestimmten und dies bis heute tun.

Zur Verwechslungsmöglichkeit I: Die Opfer haben ebensolche gebracht. Dieser Verzicht auf Vergünstigungen oft rudimentärer Art erforderte Standfestigkeit. Die anderen, die jetzt zum Teil nach und nach bekannt gewordenen Schreibtisch- und „Redaktäter“, haben Vorrechte für sich in Anspruch und dabei in Kauf genommen, den Anvisierten zu schaden. Nicht immer ohne Skrupel. Oder aber sie haben ihnen absichtlich am Zeug geflickt, was das Zeug hielt. Bei allen Unterschieden, was den Eifer und die moralische Verwerflichkeit der mittlerweile Enttarnten betrifft, haben sie etwas gemeinsam, ohne dass es sie etwa verbände: sie kamen mit ihrem Eingeständnis keinen Tag zu früh. Jeder hat bizarrerweise versucht, seine Haut zu retten, nachdem er sie längst zu Markte getragen.

Die Differenzierung im Fall der Konfusion II ist schwieriger. Und doch entlarven sie sich durch ihre Sprachgebung: wehleidig die einen, selbstgerecht die von der Gegenseite. Beiden Typen geht es um ihre kostbare Person, nicht um die Sache. Sie sind in jedem Fall uneinsichtig, großkotzig, sie missbrauchen ein öffentliches Interesse, das sie auf sich allein beziehen. Sie stehlen uns die Zeit. Die Larmoyanz auf der einen, die Beckmesserei auf der anderen Seite werden abklingen. Diese Debatte sollte ohne diese Komponenten weiter geführt werden. Sie darf nicht dazu führen, dass sich Schmus wie Schlieren über den dringend erforderlichen Klartext legt. Bleibende Werte, zumal literarische, werden diese Phase der Aufgeregtheit wohl nicht ganz unbeschadet, aber schließlich doch im Wesentlichen überdauern.

Es liegt mir fern, die Verstrickung rumäniendeutscher Intellektueller herunterspielen zu wollen oder zu verharmlosen. Die Hauptakteure und ursächlich wahren Schuldigen sind sie jedoch nicht. Diese darf man nicht aus den Augen verlieren, wenn Licht in dieses Halbdunkel gebracht werden soll. Das würde nämlich heißen, dass letztlich jene triumphieren, die das verbrecherische Schlamassel angerichtet haben. Feixend, händereibend.

Hellmut Seiler


Der 1953 in Reps geborene Schriftsteller Hellmut Seiler hat bei der Tagung „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ am 7.-8. Dezember 2009 in München über seine eigene Akte berichtetet.

Schlagwörter: Securitate, Schriftsteller, Seiler

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