27. April 2011

Rückblick auf ein künstlerisches Lebenswerk: Erhard Wächter zum 80.

Die alte Weisheit, dass Kunst zunächst und zuallererst Handwerk sei, lässt sich leicht nachvollziehen: Der Bildhauer, der bei der jeweiligen Gesteinsart nicht weiß, wie der Meißel anzusetzen ist, der Maler, der die naturalistisch exakte Perspektive nicht zustande bringt, der Dichter, der die Abwägung der Worte nicht beherrscht, der Komponist, dem Harmonielehre und Kontrapunktik nicht vertraut sind, oder der Intarseur, der die Eigenart der Hölzer nicht kennt, ist undenkbar. „Aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen“, befand Goethe. Eben dies meint das Schlagwort: Kunst kommt von Können.
Der am 27. April 1931 in Kronstadt geborene Erhard Wächter gehört zum Kreis jener Maler und Grafiker, in denen sich Handwerk und Kunst verbinden. Der gelernte Möbelschreiner, der durch Fleiß, Beharrlichkeit und Begabung zum Holzdrechsler, Puppen- und Bühnenbildner wurde, ging ebenso seinen Weg zum Aquarell, zur Zeichnung, zum Linolschnitt. Wer sich etwa seine in den 1950er Jahren in Kronstadt entstandene Intarsienkomposition „Holzverarbeitung“ und die fast ein halbes Jahrhundert später in Weißenburg in der südlichen Fränkischen Alb gemalten Aquarelle mit Stadtansichten vor Augen hält, wird Belege für die Synthese von Handwerk und Kunst in den Händen halten: Die frühe Kronstädter Arbeit ist ebenso ein Beweis für künstlerisch überhöhtes Handwerk, wie die Weißenburger Aquarelle der Beweis handwerklich gediegener Kunst sind.

Erhard Wächter, 2011. Foto: Gerhild Wächter ...
Erhard Wächter, 2011. Foto: Gerhild Wächter
Erhard Wächter ist ein Kind jener Generation, deren Entwicklung im kommunistischen Nachkriegsrumänien deshalb oft unübersteigbare Schwierigkeiten im Weg standen, weil sie der deutschen Minderheit angehörte. Das Ex lex, wie Historiker die Zeitspanne nennen, die Rechtlosigkeit war das Zeichen, unter dem der Bildungsweg der meisten stand. Früh aber waren Könner wie Heinrich Schunn (1897-1984) und Helfried Weiß. (1913-2007) auf den Schüler des Honterus-Gymnasiums der Jahre 1942-1946 aufmerksam geworden; beide Kunsterzieher förderten den Jungen. Erst 1953 gelang es Erhard Wächter, das Abitur abzulegen. Dass dann u. a. ein Künstler vom Format Harald Meschendörfers (1909-1984) in der Grafikklasse der Kronstädter Kunstschule während der Jahre 1954-1956 und 1962-1965 sein Lehrer wurde, war die Gewähr für solide Grundausbildung in diesem Bereich.

Während all der Lehrjahre malte und zeichnete Erhard Wächter in jeder freien Stunde. Kronstadt und die Umgebung boten ihm dabei vorzugsweise die Motive: die alten historischen profanen und sakralen Architekturen der Stadt, die Wälder, Berge und Bäche der dort omnipräsenten Karpatennatur. Wächter verstand sich vor allem als Maler von Landschaften, mit denen er sich bei der Arbeit im Dialog wusste. Schon die frühen Arbeiten weisen ein Charakteristikum auf, das bis heute seine Aquarellmalerei bestimmt: der feinnervige Umgang mit der Wasserfarbe, das lyrische Gespür für die spezifische, dem Aquarell immanente Transparenz des Kolorits und für das Gesetz der Spontaneität, dem sich die Aquarellmalerei dank des zerfließenden Farbenauftrags unterwirft. Dem Kenner zeigt sich in Wächters Arbeiten auch der – mittel- und unmittelbare – Einfluss des Meisters dieses Genres Heinrich Schunn, dessen Landschaftsaquarelle mit siebenbürgischer Thematik bis heute zum Besten ihrer Gattung zählen.
Erhard Wächter: Katharinentor, Aquarell, 1980, 30 ...
Erhard Wächter: Katharinentor, Aquarell, 1980, 30 x 42 cm. Foto: Gerhild Wächter (Bildarchiv Konrad Klein)
Ein Vergleich der vielen in Kronstadt entstandenen Arbeiten mit den nach Wächters Emigration aus Rumänien 1990 in der Kreisstadt Weißenburg entstandenen ist aus mehrfachem Grund reizvoll. Zunächst zeigen die in Weißenburg gemalten Bilder sowohl in der Kompositionsstruktur als auch in der Behandlung der Farbe eine erstaunliche Steigerung der Sicherheit im Zugreifen auf das Motiv. Bilder wie z.B. „Weißenburg, an der alten Stadtmauer“, sind wohl in der künstlerischen Fortsetzung etwa von Bildern wie „Das Katharinentor in Kronstadt“ o.Ä. zu verstehen. Sie sind aber zugleich auch unübersehbare Marken einer qualitativen Entwicklung, die den Reifungsprozess Wächters bezeichnen.

Zu dieser künstlerisch definierten Beobachtung gesellt sich eine solche von biografischer Erheblichkeit: In den Motiven der alten Stadt Weißenburg, die – nach Römersiedlung und Zerstörung – im Mittelalter mit Basteien, Wehrmauern, Toren und Türmen die wesentliche, z.T. bis heute erhaltene Prägung ihres Bildes erhielt, fand Erhard Wächter das fast nahtlose architektonische Kontinuum des mittelalterlichen Stadtkerns seiner Geburtsstadt Kronstadt. Das Weißenburger Ellinger Tor und das Kronstädter Katharinentor, Kirchenbauten in Weißenburg und Kirchenbauten in Kronstadt o.a. atmen den Geist gleichen Lebens- und Kulturverständnisses. Auch die Hügellandschaft um die fränkische Stadt weckt Assoziationen zu jener um die südsiebenbürgische. Straßenbilder, Baumreihen, Weiher, Brücken – Erhard Wächter wurde nicht müde, sie auf seinen Aquarellen und Zeichnungen festzuhalten, nicht anders, als er es vormals in der heimatlichen Umgebung getan hatte. In einem kurzen handschriftlichen Lebenslauf notierte er hierzu:

„Unwillkürlich werden Vergleiche herangezogen, Gemeinsamkeiten festgestellt, und das Gefühl, Verlorenes wiedergefunden zu haben, stellt sich ein. Verstärkt wird dieses Empfinden beim Blick von der Ludwigshöhe oder Wülzburg auf das in der Ebene liegende Weißenburg; dann fliegen die Gedanken nach Kronstadt mit dem Blick vom Zinnen-Berg. Vom Waldspaziergang heimkehrend, grüßen die naturgeschützten Silberdisteln in der gleichen Weise hier wie dort.“

Dass Erhard Wächter mit Ausstellungen in Weißenburg, in denen er Bilder siebenbürgischer und fränkischer Thematik und Herkunft zeigt, auf diese Weise auch zum Kulturboten wechselseitiger Informationsvermittlung wurde, verdient – nicht zuletzt – Erwähnung. Das veranschaulicht, z.B. eine Zahl: In der vom 16. bis zum 24. April 1994 in Weißenburgs Gotischem Rathaus gezeigten Gemäldeausstellung „Von Kronstadt nach Weißenburg. Impressionen aus der alten und neuen Heimat“ fanden sich unter den rund 100 Arbeiten fast 40 solche mit siebenbürgischen Motiven. Aber auch die Anmerkung gehört hierher, dass der in 27 Jahren der Berufstätigkeit am Staatlichen Puppentheater Kronstadts zur allseits geachteten Meisterschaft herangereifte Puppenbildner dem fränkischen Neudrossenfeld die Figuren – Maria, Josef, das Jesuskind, die Heiligen Drei Könige, die Hirten – für eine große Weihnachtskrippe schuf. Christliches Glaubensleben mit Können und starker innerer Anteilnahme gestaltet zu haben – davon zeugen viele Oster- und Weihnachtskarten sowie dekorative Darstellungen in Gemeinschaftsräumen und Kirchen.
Erhard Wächter: Mittelgasse in Kronstadt mit ...
Erhard Wächter: Mittelgasse in Kronstadt mit Martinsberger Kirche und Zinne. Vorne links das Haus des Künstlers. Aquarell, 1975, 30 x 42 cm. Foto: Gerhild Wächter (Bildarchiv Konrad Klein)
Der Weg, den dieser Künstler zurückzulegen hatte, war nicht leicht. Politische Widrigkeiten der Zeit, Hemmnisse in der künstlerischen Ausbildung, finanzielle Engpässe – Erhard Wächter wurde mit all dem in seiner stillen und zurückhaltenden, bescheidenen und klugen Art fertig. Der Achtzigjährige blickt auf eine Lebensleistung zurück, die sich sehen lassen kann und mit der er Anerkennung in weiten Kreisen fand.

Hans Bergel

Schlagwörter: Geburtstag, Maler, Kronstadt

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