14. November 2011

Zum 200. Geburtstag von Franz Liszt

Die Jahre 1846-47 spielten nicht nur in der Biographie Franz Liszts (1811-1886) eine besondere Rolle. Auch in Siebenbürgen spürte man bereits, dass sich in der Gesellschaft die politische Situation zuspitzt, ohne aber die Folgen für diese Entwicklung ahnen zu können. Für Liszt wurde es die letzte und längste Konzertreise seiner Virtuosenlaufbahn. Er wollte diesmal aber nur in kleineren Orten der Provinz seiner ungarischen Heimat konzertieren, weit weg vom Lärm der Metropolen und den Salons und Sälen seiner aristokratischen Gönner. In Szekszárd feierte man am 22. Oktober 1846 seinen 35. Geburtstag, danach ging die Reise weiter über Temeswar, Lugosch, Arad, Hermannstadt, Straßburg am Mieresch (Aiud), Klausenburg, Bukarest, Jassy, Kiew, Czernowitz bis Konstantinopel.

In Hermannstadt

Nach Liszts Konzert am 20. November 1846 im Hermannstädter Redoutensaal brachte eine ungarische Zeitung aus Klausenburg die Nachricht: „Liszt ist tot. Er ist nicht mehr. In Hermannstadt, am 20. November, hat man ihn begraben…“ Über mehrere Monate dauerte die folgende Schlammschlacht zwischen deutschen und ungarischen Zeitungen Siebenbürgens und man könnte aus heutiger Perspektive fast ironisch feststellen, die Revolution sei um zwei Jahre zu früh ausgebrochen. Wegen Franz Liszt? Nur wegen eines Klavierkonzertes? Ja. Der ausschlaggebende Moment war wirklich ein einziges Musikstück: der Rákoczi-Marsch, den Liszt in vielen seiner Konzerte als Zugabe geben musste. Die ungarische Zeitung Mult és jelen versuchte etwas gezwungen, aber trotzdem objektiv darüber zu berichten: „Der König des Klaviers gab im Tanzsaal der Stadt [Hermannstadt] ein Konzert, welches mit dem größten und lautesten Erfolg aufgenommen wurde. Aber es passierte etwas, was man tatsächlich bedauern kann. Am Ende des Konzertes bei den Zugaben wurden zwei Themen mit lautem Rufen vorgeschlagen: Der ‚Erlkönig‘ von den Sachsen und den ‚Rákóczi‘ von den Ungarn. Liszt schätzte den letzten Vorschlag höher ein und spielte dieses Stück. In den Applaus, der reichlich gespendet wurde, mischten sich auch Pfiffe, was Liszt offenbar unangenehm berührte. Die sächsische Abordnung fühlte, daß ein Mißgriff verübt wurde. Am nächsten Tag suchte eine Delegation Liszt auf und drückte ihr Bedauern aus. Zugleich ersuchte die Delegation Liszt, noch ein Konzert zu geben, wofür sie ihm 600 Gulden zusicherten, was aber der Künstler ablehnte.“

Anscheinend ist Liszt in eine Falle getappt, die von seinen Begleitern und seinem Sekretär Belloni nicht wahrgenommen wurde. Bei seiner Ankunft am 18. November 1846 in Hermannstadt wurde er im Römischen Kaiser von einer Delegation des vor wenigen Jahren gegründeten Musikvereins herzlich begrüßt und auch einige Musiker machten ihre Aufwartung dem berühmten Meister, dessen Name auch in Siebenbürgen bereits allseits bekannt war. So berichtete der Siebenbürgische Bote noch am gleichen Tag über die erfolgreichen Konzerte der deutschen Pianistin Sophie Bohrer in Hermannstadt und erwähnt Liszts Werke, die an diesem Abend gespielt wurden: die Norma-Phantasie und die beiden Bearbeitungen von Schubert-Liedern Erlkönig und Ave Maria. Der Berichterstatter konnte in den von der Pianistin vorgetragenen Liszt-Werken nichts Wertvolles entdecken: „im Übrigen kann ich den Liszt’schen Musikstücken durchaus keinen Geschmack abgewinnen. Außerordentliche sich anhäufende Schwierigkeiten, über deren Ausführung man staunen muss; nichts aber von dem nothwendig geistigen Zusammenhang, den ein Kunstprodukt, soll es solches sein, durchaus haben muss.“ Dieselbe Zeitung machte davor sowohl für das Konzert von Sophie Bohrer wie auch für Franz Liszt Werbung und schrieb, dass an den Ecken „unserer geräuschlosen Straßen“ die Namen dieser beiden Musiker prangen: „Es gilt! Hören wir! Genießen wir! Sobald sieht unser Hermannstadt Meister Liszt und Fräulein Bohrer nicht wieder.“
Liszt-Statuette von Dantan, 1840 ...
Liszt-Statuette von Dantan, 1840
Der Konzertbericht im Satellit des Siebenbürger Wochenblattes ließ nicht lange auf sich warten. Obzwar sich darin das Lob in Grenzen hielt, ist keinerlei Anlass bezüglich Protesten oder politischer Polemik zu entnehmen: „Das Concert fand Freitag statt und eine geraume Zeit vor dem Anfang strömte alles in den Saal um nur einen guten Platz zum Hören und Sehen zu bekommen. In der Mitte des Saales, auf einer Erhöhung, standen 2 Pianos, auf denen Liszt abwechselnd spielte. Bei seinem Eintritt in den Saal erhob sich ein ungeheures Geklatsche und man stimmte ein stürmisches Éljen und Lebehochrufen an. Eine Anzahl Magnaten, Grafen und Barons umgab den Virtuosen, und man kann ohne Übertreibung behaupten, dass die höchsten Staatsbeamten kein glänzenderes Geleite haben können. Liszts Spiel lässt mehr Staunen und Bewunderung als Zufriedenheit und Befriedigung im Zuhörer zurück. Man hat gar nicht Zeit, alles zu erfassen, denn kaum lässt er im Piano sich hören, so folgt plötzlich ein starkes Donnern, so dass alle Töne sich verwischen und das Ganze wie ein Wirrwar erscheint.“

Ungar und Weltbürger

Kennt man die sozialpolitischen Zustände Siebenbürgens jener Zeit, kann man auch die Reaktionen der deutschen Blätter und Kulturkreise Siebenbürgens verstehen, wenn z.B. in einem Feuilleton des Siebenbürger Boten festgestellt wurde: „Hermannstadt ist in Gefahr; das Deutschtum in Siebenbürgen ist verloren! Ein Heer zieht gegen sie zu Felde – ein Heer von Journalisten. Sie hat sich unterfangen, dem Klavier-König Liszt Ferencz seinen Hochmuth gegen die Zuhörerschaft übel zu nehmen und nicht zu gestatten, dass er auf diese mit Gewalt, wie auf die harmlosen Tastenkasten losschlage.“ Als diese Zeilen veröffentlicht wurden, befand sich Liszt bereits auf dem Weg nach Kiew und Konstantinopel. Doch vergessen hat er seinen Hermannstädter Aufenthalt keineswegs.

Das Siebenbürger Wochenblatt brachte am 24. Dezember 1846, also nach Liszts Ankunft in Bukarest, eine ironische Bemerkung bezüglich der drei ungarischen Magnaten aus dem Gefolge des Künstlers: „Franz Liszt ist am 16. Dec. in Bukarest in Begleitung von drei Siebenbürger Kavaliere, welche sich in der Gesellschaft des genialen Künstlers so gefallen, dass sie sich nicht von ihm trennen zu können scheinen, angekommen.“

Unbekanntes Lisztwerk von einem Hermannstädter entdeckt

Es mussten viele Jahrzehnte nach Liszts Tod vergehen, bis Béla Bartók um 1930 den Hermannstädter rumänischen Musikwissenschaftler und Diplomaten Octavian Beu in einem deutsch geschriebenen Brief von der Existenz einer bisher unbekannten Liszt-Rhapsodie in Weimar mit rumänischen Motiven aufmerksam machte. Beu zögerte nicht lange, reiste nach Weimar, fand diese 20. Rhapsodie in g-Moll und nannte sie eigenwillig „Rumänische Rhapsodie“. Wahrlich, es ist eine Rhapsodie, die sich größtenteils auf rumänische Volksmusikthemen stützt, die Liszt in den langen Nächten bei Musik und Wein dieser letzten Konzerttournee notiert hat. Mitten im Stück kommt aber ein Tanz vor, den er mit „Hermannstädter“ überschrieben hat. Mit dieser Rhapsodie hat Franz Liszt Hermannstadt ein bleibendes musikalisches Denkmal gesetzt.

Das Thema „Franz Liszt in unserem Land“ beschäftigte Octavian Beu so sehr, dass er dazu ein Büchlein in rumänischer Sprache verfasst hat, das bei Krafft & Drotleff in Hermannstadt um 1933 erschienen ist. Aus seinem Besitz stammt auch eine vom französischen Bildhauer Jean Pierre Dantan gefertigte Statuette aus dem Jahre 1840, die für ein Liszt-Denkmal vorgesehen war. Dieses Kunstwerk, das sich in Privatbesitz befindet, konnte bei der Liszt-Ausstellung 2011 im Haus der Heimat, Stuttgart, einige Wochen bestaunt werden.

Dr. Franz Metz

Schlagwörter: Liszt, Geburtstag, Porträt, Musiker

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