5. Dezember 2011

Kronstädter Künstlerin wiederentdeckt: Margarete Depner

Die österreichische Historikerin, Journalistin und Ausstellungskuratorin Dr. Lisa Fischer hat am 22. März 2011 in Wien ihr neues Buch vorgestellt, das von Kunstkritikern als kleine Sensation gewertet wird. Es handelt sich um die Wiederentdeckung einer Kronstädter Künstlerin, deren Bilder und Graphiken bisher kaum bekannt waren und bei der Verwandtschaft am Dachboden lagerten, wo sie den Interessierten nicht zugänglich waren. Es ist nun das Verdienst Fischers, die Funde gesichtet und zum Teil restauriert zu haben, so dass sie in Buchform als Reproduktionen erscheinen konnten.
Das Buch erhebt nicht den Anspruch einer Monographie, eines Gesamtwerks, so wie das vorangegangene Veröffentlichungen zu siebenbürgisch-sächsischen Künstlern waren: Trude Schullerus (2005), Eduard Morres (2006) oder Grete Csaki-Copony (2009). In ihm wird zwar kurz das beachtliche bildhauerische Werk angesprochen, das aber in einem gesonderten Band näher untersucht werden soll.

Der vorliegende Band ist eigentlich eine Gemeinschaftsarbeit. Neben der Herausgeberin sind an seinem Zustandekommen noch zwei weitere Autoren beteiligt: die ebenfalls in Wien lebende Kunsthistorikerin Dr. Sabine Plakolm-Forsthuber und Dr. Gudrun-Liane Itu vom Hermannstädter Forschungsinstitut. Während Fischer für das Vorwort, den einleitenden Teil und die grundlegende Studie zeichnet („Margarete Depner – Meisterin des Porträts“, bis S. 74), analysiert Itu Depners Oeuvre im Lichte der siebenbürgischen und rumänischen Kunst („Margarete Depner – eine Porträtkünstlerin par excellence“, bis S. 104). Forsthuber schließlich eruiert den Standort Depners in einem größeren Zusammenhang („Margarete Depner – eine wiederentdeckte Malerin der Moderne und der europäische Kontext“, bis S. 131).
Margarete Depner: „Drei Generationen“, Öl, 80 x ...
Margarete Depner: „Drei Generationen“, Öl, 80 x 105 cm.
Sämtliche Beiträge werden durch zahlreiche Kohlezeichnungen, Lithografien, aber auch Fotos aus Depners bildhauerischem Werk aufgelockert. Im Anhang finden wir ein Gedicht von Adolf Meschendörfer, in dem er die Göttlichkeit ihrer Bilderwelt suggeriert. Die folgende „Biografische Übersicht“ in Form eines tabellarischen Lebenslaufs enthält die wichtigsten Lebensdaten und ein Verzeichnis ihrer Exponate in deutschen und rumänischen Museen. Vor der Farbtafel-Sammlung befinden sich noch ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis, Kurzbiografien der drei Autorinnen und ein Register der Personennamen. Die bereits erwähnten Farbabbildungen geben einen umfangreichen Einblick in die Ölmalerei der Künstlerin, in ein Genre, das sie nach Meinung der Fachwelt als Vertreterin der klassischen Moderne ausweist. Über Depners künstlerisches Credo erfahren wir Näheres aus einem von ihr verfassten Artikel, der 1930 in den „Kronstädter Gärten“ erschienen war und hier abgedruckt ist (S. 13-17). Desgleichen enthalten Fischers Untersuchungen zahlreiche Zitate der Künstlerin („Wir malen nicht so, wie wir malen wollen, sondern wie wir malen müssen“, „In der Kunst ist alles Gnade – nichts Verdienst!“, S. 14). Depner bewahrte sich über die historischen Zäsuren hinweg einen zeitlos erscheinenden Stil, wie Fischer feststellt, und ließ sich weder vom Nationalsozialismus noch vom sozialistischen Realismus vereinnahmen. In dem vorher erwähnten Artikel formulierte das Depner so: „Das Schönheitsideal der Kunst wird in jedem Zeitabschnitt einer jeden Kultur wechseln, stets ein anderes sein – der menschliche und formale Wahrheitsgehalt derselben aber wird über Ewigkeiten hinweg derselbe bleiben“. Und diesem Credo ist Depner bis ans Ende ihrer kreativen Periode treu geblieben. Treu geblieben ist sie auch ihrer Heimat und ihrer Vaterstadt Kronstadt, wo sie im September 1970 beerdigt wurde.

Für die Fachwelt mögen die drei Abhandlungen aufschlussreich und lesenswert sein, für den Laien und Kunstinteressierten sind vor allem die qualitativ ansprechenden Reproduktionen ein ästhetischer Genuss, so dass das Buch uneingeschränkt empfohlen werden kann. Etliche Druckfehler, die sich eingeschlichen haben, tun der Qualität keinen Abbruch. Fazit: Eine Präsentation, die sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen kann!

Dr. Wolfgang Knopp


Lisa Fischer: „Wiederentdeckt. Margarete Depner (1885-1970). Meisterin des Porträts der Siebenbürgischen Klassischen Moderne“, Wien Köln Weimar (Böhlau Verlag) 2011, 143 Seiten, 43 Farbabbildungen, Preis: 29,90 Euro, ISBN 978-3-205-78618-4.

Schlagwörter: Rezension, Künstlerin, Kronstadt, Malerei

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Neueste Kommentare

  • 05.12.2011, 13:12 Uhr von seberg: "Wiederentdeckt" ist zumindest etwas übertrieben angesichts der vielen früheren "Wiederentdeckungs" ... [weiter]

Artikel wurde 1 mal kommentiert.

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