12. Januar 2012

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„Auslandsdeutsche, Volksdeutsche, Rumäniendeutsche“

Zum Thema „Auslandsdeutsche, Volksdeutsche, Rumäniendeutsche“ fand in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen vom 4. bis 9. Dezember 2011 eine gemeinsame Seminarveranstaltung des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V. (VDA) und des „Heiligenhof“ statt. Die Tagung zielte darauf ab, die unterschiedliche Entwicklung der verschiedenen deutschen Minderheiten auf rumänischem Gebiet zu verfolgen, aber auch die politische Vertretung und die Rolle der Deutschen im heutigen Rumänien zu beleuchten. Mit den Referenten waren es 35 Teilnehmer, darunter zwei VDA-Mitglieder, die sich diesen Höhepunkt der Rumänien-Aktivitäten des VDA nicht entgehen ließen.
Über die Geschichte der Deutschen in Rumänien referierte Dr. Anneli Ute Gabanyi. Die Politikwissenschaftlerin ging davon aus, dass sich im Jahre 1930 knapp 750000 rumänische Staatsbürger (4,1% der Bevölkerung) zu ihrer deutschen Herkunft bekannten und auf verschiedene deutsche Siedlergruppen aufteilten: Siebenbürger Sachsen, Banater und Sathmarer Schwaben, Bessarabiendeutsche, Buchenlanddeutsche, Dobrudschadeutsche, Landler, Durlacher, Deutschböhmen, Steyrer, Temeswarer und Zipser und weitere kleinere Gruppen unterschieden sich hinsichtlich ihrer Herkunftsgebiete, des Zeitpunkts ihrer Einwanderung, ihrer Siedlungsgebiete und ihrer historischen Entwicklung. Nach der letzten Volkszählung von 2002 kann die Zahl der Angehörigen der deutschen Minderheit noch mit 60000 (0,3% der Gesamtbevölkerung von ca. 21 Millionen) angenommen werden. Die Gründe für diesen starken Rückgang der Zahl der Angehörigen der deutschen Minderheiten liegen in den Umwälzungen und Folgen des Zweiten Weltkriegs und den Repressionen, denen die Minderheit in der kommunistischen Diktatur Rumäniens ausgesetzt war.

Mit der Geschichte der zahlenmäßig größten Gruppe der deutschen Siedler, der Siebenbürger Sachsen, beschäftigte sich der stellvertretende Leiter des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch. Er zeichnete dabei ein sehr positives Bild ihrer geschichtlichen Leistungen, die zu einer eigenen „siebenbürgischen“ Identität führten, die sich von einer „deutschen“ Identität vor allem dadurch unterschied, dass sie im Zusammenleben mit anderen Völkern nur Vorzüge erblickte. In ihrer Geschichte seien auch schon früh wesentliche Demokratieelemente wie das Widerstandsrecht zu finden, die in den Verfassungen der allgemeinen deutschen Geschichte erst relativ spät verankert worden seien, bemerkte der Referent.

Auch über die anderen Gruppen der deutschen Minderheit erhielten die Seminarteilnehmer über Referate und Filmaufnahmen wesentliche Informationen. So legte die Theologin und Historikerin Dr. Cornelia Schlarb dar, dass die Bessarabiendeutschen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ihr Siedlungsgebiet gelangten und es 1940 wegen der „Heim ins Reich“-Aktion der Nationalsozialisten und der in Polen vorgesehenen Neuansiedlung wieder aufgeben mussten. In ihrem Selbstverständnis verstanden sich die Bessarabiendeutschen nicht als „Rumäniendeutsche“, sondern eher als „Schwarzmeerdeutsche“, weil sie vom russischen Zaren ins Land geholt worden waren.

Johann Seiler, ein pensionierter Lehrer aus Nordrhein-Westfalen, zeichnete mittels seiner persönlichen Erinnerungen an den Beginn seiner Lehrerlaufbahn bei den Zipsern ein beeindruckendes Bild von der dortigen Situation. Die Dobrudschadeutschen, denen das Schicksal der Bessarabiendeutschen nicht erspart blieb, wurden von Ulrich Feldmann dargestellt anhand seiner eigenen Familiengeschichte. Schließlich behandelte die Volkskundlerin Dr. Irmgard Sedler die Geschichte und Besonderheiten der Gruppe der ca. 4000 protestantischen Landler, die im Zuge der Gegenreformation im 18. Jahrhundert aus Österreich nach Siebenbürgen gelangten. Das Bemerkenswerte an ihrer Migration war, dass es sich um eine der ersten Zwangsdeportationen in Mitteleuropa gehandelt hat.

Warum die deutsche Bevölkerung Rumäniens mit Ausnahme der Buchenland-, Bessarabien- und Dobrudschadeutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs Rumänien nicht verlassen musste, erläuterte der stellvertretende Direktor des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Dr. Mathias Beer. Im Unterschied zu Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn, denen im Potsdamer Abkommen die beantragte Vertreibung der Deutschen aus ihren Staaten von den Alliierten gewährt wurde, hatte Rumänien dies nicht beantragt. Beers Vortrag machte deutlich, dass ein vergleichbares Vorgehen Rumäniens zu einer Vernichtung der deutschen Minderheit geführt hätte und aus Angst vor einer dann zu starken ungarischen Minderheit davon Abstand genommen wurde.

Prof. Dr. Hans Klein, Mitbegründer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, berichtete über Arbeit und Probleme der Vertretung. Auch wenn die deutsche Minderheit es noch nicht geschafft habe, ein für alle Minderheiten in Rumänien geltendes Minderheitengesetz zu erreichen – der Grund liege wahrscheinlich in zu weitgehenden Forderungen der ungarischen Minderheit –, funktioniere in der Praxis der Umgang mit den Minderheiten gut, weil Rumänien ziemlich tolerant sei. Die Akzeptanz der Deutschen sei allgemein gut und besonders groß in Hermannstadt, wo Bürgermeister Klaus Johannis sehr gute Arbeit geleistet habe und auch bei der rumänischen Bevölkerung seit Jahren große Anerkennung finde. Insgesamt müsse aber auch gesagt werden, dass das Forum an seinen Grenzen arbeite und Ermüdungserscheinungen beim vorhandenen Personal festzustellen seien, weil es nicht nur zu wenig Menschen gebe, die das Forum unterstützten, sondern auch die Zahl der Angehörigen der deutschen Minderheit weiter abnehme. Eine Zukunftsperspektive habe das Forum dennoch, wenn alle Dialogpartner – die rumänische Mehrheitsgesellschaft und die deutsche Minderheit – darin übereinstimmten, dass für Rumänien kein einheitlicher Nationalstaat, sondern nur die Anerkennung seiner verschiedenen Nationalitäten das Staatsziel sein könne. Dieser Anerkennung dienten alle Seminarbeiträge, auch die hier nur am Rande erwähnten Beiträge zur rumäniendeutschen Literatur, die durch den Schriftsteller Johann Lippet vertreten wurde und der Veranstaltung den Esprit verlieh, der zur siebenbürgischen Identität zu gehören scheint.

Helmut Graff

Schlagwörter: VDA, Bad Kissingen

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