30. Januar 2012

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Zum Briefwechsel Manfred Winkler – Hans Bergel

Vor vollem Haus wurde im Spätherbst 2011 in Berlin im eleganten Festsaal der Botschaft Rumäniens ein aus mehreren Gründen als einmalig zu bezeichnendes Buch vorgestellt: eine Auswahl aus der Korrespondenz der Jahre 1994-2010 zwischen dem jüdisch-deutschen Lyriker Manfred Winkler und dem Schriftsteller und langjährigen Chefredakteur dieser Zeitung, Hans Bergel: „Wir setzen das Gespräch fort ... Briefwechsel eines Juden aus der Bukowina mit einem Deutschen aus Siebenbürgen“, Frank & Timme Verlag, Berlin. Die Germanistin Alexandrina Panaite hatte die Einführung gesprochen, Bergel für die Lesung einiger Briefe aus dem 350 Seiten umfassenden Band viel Beifall erhalten. Anstelle einer Rezension veröffentlichen wir den – gekürzten – Einführungstext.
Anlass dieser Veranstaltung ist ein ungewöhnliches Buch: 124 zum Großteil umfangreiche Briefe zweier Autoren, die beide in Rumänien geboren wurden und von denen der eine, Manfred Winkler, seit 1959 in Israel, der andere, Hans Bergel, seit 1968 in Deutschland lebt. Die beiden wurden nach ihrer Bekanntschaft in Bukarest 1956 binnen Kurzem zu Freunden und blieben es trotz einer Unterbrechung von 38 Jahren bis heute. Erst 1994 kam die Verbindung wieder zustande, Besuche in Israel und Deutschland folgten – und eine Korrespondenz, deren Reichtum an Ideen zu literarischen, politischen, philosophischen, religiösen und anderen Fragen zumindest in der Literatur Südosteuropas nicht ihresgleichen hat.

Der Sohn eines Rechtsanwaltes in der Bukowina, Winkler, und der Sohn eines Kreisschulrates in Siebenbürgen, Bergel, teilen sich einander nicht nur über die unterschiedlichsten Fragen grundgescheit und gebildet mit, sie tun es auch ohne Rücksicht auf Tabus egal zu welchen Fragen. Da die beiden eloquent formulieren können, werden die Briefe zum literarischen Genuss. In einer Zeit des Aussterbens der Briefkultur führen der Jude Winkler und der Deutsche Bergel vor, was dabei verloren geht. Dass in den Briefen auch ihre Persönlichkeit sichtbar wird, erhöht den Reiz der spannenden Lektüre: Winkler (*1922), der Meditierende, der Weise von fast biblischer Souveränität, der Passive („das Wunderkind der hebräischen Lyrik“, 1962), Bergel (*1925), der Offensive, sprachlich präzis konturierende Essayist, der sich ironisch-selbstironisch und furchtlos äußert („Siebenbürgens repräsentativster Schriftsteller“, 2011). Nicht selten geraten die Briefe zum gedanklichen Feuerwerk in Fragen der Welt-, Kunst- oder Politikbetrachtung.Manfred Winkler (r.) und Hans Bergel; November ...Manfred Winkler (r.) und Hans Bergel; November 2011 in Israel. Der Leser stößt bei jedem Gegenstand, über den der Jude und der Deutsche diskutieren, auf ungewohnte Aspekte und Gedanken. Egal ob Winkler sich über die im stalinistischen Machtbereich ermordeten Autoren auslässt – seine Eltern kamen in sibirischer Deportation zu Tode – oder Bergel sich am Beispiel der Simone de Beauvoir und des großen Knut Hamsun generell zum politischen Versagen der Intellektuellen Fragen stellt, ob Winkler den israelisch-arabischen Zwist zu erklären versucht oder Bergel eine geistreiche Analyse dieses Zwistes vornimmt. Ob von Goethe, vom Philosophen Émile Cioran, von Gott, der christlichen Kirche oder von der Landschaft des Gardasees die Rede ist, ob Winkler in brillanter Manier über Paul Celan nachdenkt oder Bergel nüchtern jede Illusion bezüglich der Lage der Deutschen in Siebenbürgen ablehnt – der Leser sieht sich jedesmal ausholender, unkonventioneller Sichtweise gegenüber, die keinem Thema ausweicht. Wenn Winkler über das Paradoxe als Ausgang seiner lyrischen Kreation schreibt, fasziniert er den Leser nicht weniger als wenn Bergel – auf Wunsch des Freundes – im ausführlichsten der 124 Briefe mit völlig unerwarteten Feststellungen über die aktuelle Aufarbeitung der Securitate-Akten schreibt – er muss es wissen, denn mit rund 10000 Blättern seiner Securitatepapiere hat er Einblick in die Materie wie kaum einer seiner Landsleute. Mit Schonungslosigkeit setzen sich beide mit dem Zustand Europas auseinander, mit Problemen der Literatur und ihrer Bewertung. Dann wieder ist es aufregend zu lesen, was Winkler zu einem Telefongespräch zwischen dem Romanautor Boris Pasternak („Doktor Schiwago“) und Stalin schreibt, oder wie Bergel für sich Scholochows Betrug am wahren Autor des Romans „Der stille Don“ entdeckte, was Winkler über Bergels Roman „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006) sagt oder was Bergel auf seiner Reise 1997 durch Israel notiert. Usw. Die Themenfülle ist unerschöpflich.

Einmalig an dem Buch ist auf alle Fälle der Umstand, dass ein Jude und ein Deutscher in dieser Unbelastetheit, in diesem Ton warmherziger Freundschaft und Ungespreiztheit miteinander korrespondieren, was nach der Shoa, dem Holocaust, beileibe nicht die Regel ist. Die Historikerin und Germanistin Renate Windisch-Middendorf – Autorin der guten Bergel-Bio­graphie „Der Mann ohne Vaterland“ (2010) – betonte in ihrem ausführlichen Nachwort die Sympathie und das Vertrauen, mit dem sich die beiden nach 38 Jahren einander mitteilen. So wird die Lektüre dieser Briefe zum vielfachen Gewinn: Neben ihren Informationswert – von dem jeder Leser unabhängig vom Bildungsgrad profitieren kann – tritt die Qualität des sprachlichen Ausdrucks und die einnehmende Atmosphräre der gegenseitigen Zuneigung, nicht zuletzt auch die gedankliche Kühnheit in heiklen Fragen. Es ist nicht übertrieben, wenn der Verlag auf dem Werbezettel über dies Buch schreibt, es sei „ein einzigartiges Dokument geistigen Austauschs“. In der deutschsprachigen Literatur Südosteuropas, nicht zuletzt in Transilvanien und im Banat gibt es nichts Vergleichbares. Bezeichnend für die emotionale Voraussetzung, unter der diese Briefe geschrieben wurden, erscheint mir der Schlusssatz aus Bergels erstem Brief vom 11. Mai 1994 an Winkler – geschrieben nach 38 Jahren, in denen die beiden nichts voneinander wussten: „Lieber Manfred (...) Ich schlage vor, wir setzen das Gespräch fort – wo waren wir 1956 stehen geblieben?“

Die vielen Bilder geben dem Buch auch die visuelle Anschaulichkeit, darunter Kopien handschriftlicher Briefe von Günter Grass, vom Philosophen Constantin Noica und den beiden Autoren. Die ausgiebige Fußnotenliste im Anhang konkretisiert und bereichert den Inhalt der Briefe, deren Auswahl von Manfred Winkler und Hans Bergel gemeinsam vorgenommen wurde.

Alexandrina Panaite


Manfred Winkler/Hans Bergel: „Wir setzen das Gespräch fort. Briefwechsel eines Juden aus der Bukowina mit einem Deutschen aus Siebenbürgen.“ Herausgegeben und mit einem Nachwort von Renate Windisch-Middendorf. Mit Kurzbiografien und Werkverzeichnis. Frank & Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur, Berlin, 350 Seiten, Harteinband, zahlreiche Bilder, 28,00 Euro, ISBN 978-3-86596-381-9.

Schlagwörter: Rezension, Briefwechsel, Bergel

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