4. Februar 2012

Oh Jammer im Harbachtal - Fetzen und Farben

Stimmt die Tendenz, das Auf und Ab? – Eindeutig. 2008 präsentierte der siebenbürgische Filmemacher Günter Czernetzky „Fanal – Finale Fragmente im Nösnerland“, 2009 „Hoffnungsschimmer im Alten Land“, 2010 „Die gute alte Zeit im Unterwald“ und nun, 2011, seine neueste DVD: „Oh Jammer im Harbachtal“. Wie gewöhnlich bei Czernetzkys Produktionen wird wieder schonungslos und ungeschminkt aufgezeigt, was viele unserer Landsleute nicht wahr haben wollen: die blanke Realität.
Eine Realität, die vielen weh tut. Eine Realität, die nolens volens zum Vergleich auffordert zwischen heute und früher, zwischen Sachsen und den anderen in Siebenbürgen wohnenden Ethnien, zwischen Siebenbürgen und Deutschland, zwischen den eigenen Erwartungen und dem vor Ort Aufgefundenen. Und das alles vermittelt in vielfältigen inhaltlichen und darstellerischen Variationen durch Studenten der Fakultät für Journalistik der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt. Das Projekt von Günter Czernetzky, mit diesen jungen Menschen zusammen zu arbeiten, bleibt für alle ein großer Gewinn: Die jeweiligen Kurzfilme sind für sich genommen kleine, fünf bis zehnminütige Kunstwerke junger Rumänen über prägnante Ausschnitte heutigen Lebens in sächsischen Orten im Harbachtal, Orte, in denen früher Siebenbürger Sachsen noch tonangebend waren, wo ihr Fortgang heute beklagt wird, wo oft Jämmerliches, ansatzweise manchmal auch Hoffnungsvolles dargelegt wird.
Nach dem aussagekräftigen Einstiegsbild (eine junge, blond eingefärbte Zigeunerin aus Kirchberg blickt – mit ihrem Kind im Arm – sehnsuchtsvoll durch den sich nach links bewegenden Schriftzug OH JAMMER) gleiten fast idyllisch mehrere Kühe und Büffel durchs Bild, von einer rumänischen Volksweise begleitet. Es reihen sich anschließend zwölf sehenswerte Einzelbeiträge aneinander: „In ALZEN geht die Sonne auf“ titelte Liana Coman-Sipeanu ihren geglückten Beitrag zu Alzen. Wie auch bei den meisten anderen Ortsfilmen werden zunächst einige historische Grunddaten zum Ort vorgetragen, mit entsprechenden Bildern untermalt, bei denen die Kirche bzw. die Kirchenburg nicht fehlen darf. Rumänisch ist fast durchgehend die gewählte gesprochene Sprache (oft auch von Deutschen verwendet) – leider ohne deutschen Untertitel (ein altes Manko bei Günter Czernetzkis DVD-Serie).

Zentrales Motiv des Beitrags ist ein sächsischer Ball mit Volkstanzaufführung in Alzen im Sommer 2011 und das Thema Heimweh. Während die Zahl der „Ganzjahressachsen“ in Siebenbürgen schwindet, nimmt die Zahl der „Sommersachsen“ noch zu, ebenso die der in besonderem Maße Heimatverbundenen, die mehr und mehr in ihren Heimatdörfern Heimatortstreffen, Bälle etc. organisieren. Die Bindung der ausgewanderten Sachsen an ihre Orte, an ihre siebenbürgisch-sächsische Identität ist stark.

„Die Sackgasse in Bekokten“ von Florentina Ionesi stellt die heutige Erinnerung unserer rumänischen „Nachfolger“ an die Siebenbürger Sachsen in den Mittelpunkt. Ihr Weggehen wird generell bedauert, ihre Qualitäten – streng geregeltes Leben, Disziplin, Fleiß, Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, ihr Gemeinschaftsleben – wie in den meisten weiteren Filmbeiträgen zum Teil überschwänglich gelobt: „Wir haben gute Wirte verloren, nun sind die Zigeuner da, der Niedergang ist überall sichtbar.“

Dass bei Daniel Mihăilescu („Ein Sommersachse in Henndorf ... macht noch keinen Frühling“) zunächst die Kirchenburg und die kunsthistorisch wertvollen Henndorfer Stollentruhen erwähnt werden, ist nur recht und billig. Die tiefe Bindung zu Henndorf verrät das Ehepaar Gottschling, typische Sommersachsen in einem von wirtschaftlichem Niedergang und der Anwesenheit zahlreicher Zigeuner geprägten Dorf. „Im Winter wäre es hier nichts für uns“, sagt Martin Gottschling, während Dina Stanciu meint: „Wie schön war es, als die Sachsen hier lebten. Es war sehr gut. Jetzt, seht selber, Unkraut, Elend. Wir sind hier vergessen und verloren.“ In „Lot und seine Töchter in Kirchberg“ breitet Martiana Liliana Rus die ganze frühere sächsische Pracht und das heutige (Zigeuner)elend kontrastreich aus. Während Familie Sava im Drottleffschen Haus alles Wertvolle von den Sachsen aufbewahrt, vegetiert am Dorfrand in miserablen Zuständen die Zigeunerfamilie von Ion Magut (zwölf Kinder zwischen 11 und 27, acht Enkelkinder, Ehegattin tot, ein Schwiegersohn im Gefängnis, weitere wohl nicht vorhanden). Kinderlächeln und Zigeunerlied machen wehmütig. Oana-Maria Mladin nimmt sich in „Behinderte Familie in Schönberg“ des harten Schicksals der Familie Maurer an: Er, Banater Schwabe (?), versucht, in Deutschland arbeitend, seine behinderte Ehegattin Anuţa und deren Tochter durchzubringen, sie wehrt sich gegen örtliche Anfeindungen („Hier sind die Menschen anders – ein Haufen Verrückte!“). Britta Seidner kümmert sich in „Die Heiligen von... Jakobsdorf“ um den inzwischen weit bekannten 86-jährigen Ungläubigen Johann Schuff, den sie umfassend zu Wort kommen lässt und der klar formuliert: „Wie ein totes Getier will ich vergehn, spurlos will ich vergangen sein.“ Ein wiederkehrendes Thema auch in Florentina Gabriela Voicus „Hundertbücheln hinter Gottes Angesicht?“: Sommersachse Heinrich Martini („Jetzt kommen wir wenigstens im Sommer nach Hause“) und nach 1945 hier angesiedelte Rumänen beklagen die aktuellen Zustände („Die Sachsen waren fleißig, sie waren Wirte. Es sind nicht mehr die früheren Verhältnisse, es ist leer ohne sie“). Die Autorin fasst am Ende zusammen: „Die Sehnsucht nach den Sachsen und der Jammer der Armut herrschen nun hier.“ Nicht anders sieht es in Elena Dumitrescus „Neithausen in Trümmern“ aus: Der Sachse Walter Gunesch und die Zigeunerin Maria Florea betrauern den Niedergang: „In diesem Dorf verflechten sich die Sehnsucht nach der Vergangenheit mit dem Jammer der Gegenwart.“ Marius-Iulian Moga thematisiert in „Die Türme von Leschkirch“ sehr eindringlich den Verfall des wertvollen historischen Ortskerns mit Kirche und Geburtshaus von Gubernator Samuel von Bruckenthal und fragt, ob es vielleicht ein Fünkchen Hoffnung für deren Rettung gibt. Ovidiu Cobzaru stellt am Beispiel „Roseln ist arbeitslos“ das Problem der Massenarbeits- und Perspektivlosigkeit rumänischer Orte durch die Auswanderung der jungen Menschen und das Zurückbleiben der übergroßen Zigeunerfamilien in den Vordergrund. „Es scheint, Roseln bewege sich seinem Ende zu!“ lautet das trübe Filmfazit.

Diesem düsteren Bild folgt im Beitrag „Seht her! Es ist möglich in Propstdorf!“ von Bianca-Alexandra Lupu der Lichtblick: Dr. h.c. Barbara Schöfnagel von der Stiftung AUSTRIA PRO ROMANIA zeigt, was möglich ist, wenn mit einem intelligenten Konzept, Geld und westlichem Know-how ein Dorf aus dem Verfallsrausch aufgeweckt wird. Der richtige Neubeginn mit renovierten Gebäuden, mit dem Burgladen, mit dem Speckturm als besondere touristische Attraktion lässt sich sehen. Ist Probstdorf ein Modell für andere siebenbürgischen Orte?

Nach dem Hoffnungsstrahl folgt sofort das nächste Ungemach in Zied. Der Titel des Films „Zied – Rettung in letzter Minute?" von Octavian Dragota weist wohl auf einen frommen Wunsch hin. Die Jugendstilschule, die Kirche, der Park in der Ortsmitte, sie tragen schwer am fortschreitenden Verfall. Das zunächst letzte Motiv der DVD, das rauschende, dahinfließende Wasser, untermalt mit einer schwermütigen rumänischen Weise, ordnet sich in den Gesamttenor von flächendeckendem Jammer und zartem Hoffnungsschimmer der Filmbeiträge ein.

Die Bonus-DVD mit den drei überzeugenden Filmen „Urzeln in Agnetheln“ 1990 (Filmmaterial von Frieder Schuller), ein auch hoch politischer Streifen, „Auf den Spuren eines (Agnethler) Pfarrers“ (Film von Günter Czernetzky 1992), eine aussagekräftige Recherche zu Pfr. Edmund Graeser (1897-1961) und einige zeitgeschichtlich wertvolle Szenen von einer heutzutage in Siebenbürgen typischen Hochzeit in Jakobsdorf von 1993 (Ausschnitt aus dem Film „Wunden“ von Günter Czernetzky) runden die DVD ab. Die Filme der DVD sind professionell erstellt, sie machen neugierig, sind sehenswert. Fazit: Harbachtal Jammertal? – Jein.

Horst Göbbel

Die DVD kann zum Preis von 15 Euro bei Günter Czernetzky, c/o Schubert, Fritschestr. 77, 10585 Berlin, E-Mail: gunterczernetzky [ät] aol.com, Mobiltelefon (nur im Notfall): (0179) 1176456, bestellt werden.

Schlagwörter: DVD, Czernetzky, Harbachtal

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Neueste Kommentare

  • 11.04.2012, 10:19 Uhr von orbo: @Günter Czernetzky: "Die "Macher" (außer Britta Seidner) sind keine Siebenbürger Sachsen. Die ... [weiter]
  • 10.04.2012, 13:30 Uhr von Augustus: S.g. Herr Csernetzky, Sie bieten eine DVD zum Kauf an und werben um Verständnis für die Macher, ... [weiter]
  • 10.04.2012, 12:17 Uhr von Czernetzky, G.: Guenter Czernetzky Liebe Sb-Freunde, seht Euch doch erstmal diese Studentenfilme an, dann reden ... [weiter]

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