17. August 2012

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Zu Hans Bergels „Ausgewählten Gedichten“

Die literarische Produktivität des 87-jährigen Hans Bergel ist erstaunlich. Nach den erfolgreichen Bänden mit Erzählungen „Die Wildgans“ und „Am Vorabend des Taifuns“ – beide 2011 – und dem mit höchstem Lob bedachten Winkler/Bergel-Korrespondenzband „Wir setzen das Gespräch fort“ plant Bergels Berliner Verlag noch für dieses Jahr einen Band mit Übersetzungen aus rumänischer Lyrik und einen Band mit Essays; für 2013 ist die Herausgabe der Tagebücher Bergels der Jahre 1995-2000 in mehreren Bänden vorgesehen. Als bisher letztes Buch erschien vor Kurzem der Lyrik-Band „Der schwarze Tänzer“.
Zwar bestreitet Bergel im Briefwechsel mit Manfred Winkler (B. 18, S. 55-56) vehement, ein Lyriker zu sein. Doch die rund 150 „Ausgewählten Gedichte“ lassen das als „Falschaussage“ erscheinen. Vom hermetischen Gedicht („Vor einem überwachsenen Grabstein“, S. 20) über episch ausladende freie Rhythmen („Massada“, S. 61-63) bis zur traditionellen Reimstrophe in Zyklen („Vier Variationen zum Thema Herbst“, S. 21-24) bewegt sich Bergel auf mehreren Ausdrucksebenen. „Bald leicht, bald tief, hart und sanft trifft die Lyrik Hans Bergels den Leser“, heißt es im Klappentext. So verschieden voneinander die Sprachbehandlung in den Gedichten ist, sie sind durchwegs von dem geprägt, was wir „Poesie“ nennen. In der Winkler/Bergel-Korrespondenz ist darüber von Bergel zu lesen: „Meine Erfahrung im Umgang mit der Sprache lehrte mich, dass der Versuch der Entkleidung der Sprache von der in ihr liegenden Musikalität einer Eigengesetzlichkeit der Sprache entgegenwirkt.“ (B. 24, S. 82.) Und in der Tat: Die Gedichte dieses Bandes bestechen zunächst durch Melodie und Rhythmus. Doch da sie immer etwas haben und den Leser „am anderen Ufer“ absetzen, werden sie zugleich durch ihre Thematik lesenswert, abgesehen davon, dass ihre „geografische Spannweite“ ein Faszinosum darstellt: „Kanadischer Sommer“ (S. 100), „Namibwüste“ (S.124), „Bukarest im Sommer 2000“ (S. 49), „Ägäische Tetralogie“ (S. 112-118) mögen als Beispiele dafür dienen.

Umschlag des neuen Lyrikbandes von ...Umschlag des neuen Lyrikbandes von Hans Bergel mit dessen handschriftlichem Entwurf des Gedichtes „Corrida de toros“ (S. 81) Im Mittelpunkt des Bandes stehen die vier „Israelischen Trilogien“ (S. 64-80), die mit ihren biblischen Stoffen von Moses über Hiob bis Jesus und der bohrenden Frage nach Gott Gegenstand philosophischer Exkurse in Buchumfang sein können. Die gedanklichen Dimensionen dieser zwölf Gedichte reichen weit über die gewohnten Felder der Lyrik hinaus. Schon nur das Gedicht „Anrufung“ (III, 3; S. 74-75) bietet in seiner sprachlichen Disziplin und gedanklichen Kühnheit Anlass zu umfassenden Interpretationen (es erschien auch in hebräischer Übersetzung in einer Jerusalemer Literaturzeitschrift, wie ebenfalls die ganze Trilogie I; S. 58-63).

Bergel kehrt auch in diesen Gedichten immer wieder zu den Wurzeln: zur siebenbürgischen Herkunft zurück – nicht nur im erschütternden letzten Gedicht des Bandes, „Mutterland“ (S. 146), sondern auch im ungemein stimmungsvollen „Brief aus den Südkarpaten. Meiner fünfjährigen Tochter Hildegard“ von 1956 (S. 36), in „Kronstadt 1993“ (S. 132), „Sankt-Annen-See in den Ostkarpaten“ (S. 49) u. a. Unvergleichlichen Ausdruck verleiht er seiner/unserer bald eingegestandenen, bald geleugneten Siebenbürgensehnsucht im Gedicht „Der östliche Wind“ (S. 42): Es geht um die Gestalt eines Reiters, dem der „östliche Wind“ mit solcher Kraft „im Herzen haust“, dass er ihm durch die Pußta, durch die Karpaten bis nach Siebenbürgen folgt.

Und natürlich darf der Hinweis auf die in diesem Band enthaltenen, vom mediterranen Süden angeregten Gedichte nicht fehlen; über sie schrieb die Literaturhistorikerin Prof. Dr. Mariana Lăză­rescu in der klugen Studie „Hans Bergels Italienbild“ (veröffentlicht 2011 in Wien).

Der Band „Der schwarze Tänzer“ des Autors großer Romane Hans Bergel sei den Freunden der Dichtung empfohlen!

Bernd Appelt


Hans Bergel: „Der schwarze Tänzer“. Ausgewählte Gedichte. Edition Noack & Block, Berlin, 2012, Paperback mit Schutzumschlag, 153 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-86813-008-9, erhältlich im Buchhandel.

Hans Bergel: Der östliche Wind


Der östliche Wind hat mich zerzaust,
er hat mir so lange im Herzen gehaust,
bis ich den Hengst gesattelt und ritt.
Der Falbe nahm mich im Sturmlauf mit.

Und als ich die Pußta durchritten hab
bei Nacht und Mondschein in ruhigem Trab,
da hatt ich den Wind in meinem Gesicht,
den östlichen Wind im Mondenlicht.

Und als ich nach Siebenbürgen kam,
da war mir, als ob’s mir den Atem benahm.
Die Goldene Bistritz ritt ich entlang,
der östliche Wind in der Seele mir sang.

Doch als ich die Berge um Kronstadt sah,
da war mir sein Raunen wie Mutterlaut nah.
Ich legt’ mich ins Gras und träumte tief,
dass mich der östliche Wind heimwärts rief.
Der schwarze Tänzer: Ausgewähl
Hans Bergel
Der schwarze Tänzer: Ausgewählte Gedichte

Edition Noack & Block
Taschenbuch
EUR 16,80
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Schlagwörter: Rezension, Lyrik, Bergel

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