16. August 2012

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Joachim Wittstocks Erzählung „Karussellpolka“ neu aufgelegt

Welcher Autor wünscht sich nicht eine solche Würdigung und erneute Begegnung mit seinem Buch, 33 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Karussellpolka? Mit allen Zensurvermerken versehen, mit Ergänzungen und Korrekturen des Originalmanuskripts ausgestattet, eingebettet in literaturkritische Kommentare und Leserstimmen und sogar eingeleitet durch eine Studie eines Altbischofs ist eine solche Neuauflage ein Beispiel für den kritischen Umgang mit den Praktiken der kommunistischen Verlage. Joachim Wittstock, 1938 in Hermannstadt geboren, Autor einiger Gedichtbände und Romane, seit 1971 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gesellschaftswissenschaften in Hermannstadt tätig, hat mit seiner großen Erzählung einen Text vorgelegt, der in der Tat einer vielschichtig angelegten, erneuten Interpretation bedarf.
Mehrere Gründe sprechen für eine sorgfältige Einordnung des Textes in die Geschichte der rumäniendeutschen Literatur. In erster Linie gehe es, wie Christoph Klein in seiner einleitenden Studie anmerkt, „um die Bilanz der gegenwärtigen Probleme im Wissen um die Vergangenheit und im Blick auf die Zukunft.“ (S. 6) Die Bilanz der Gegenwart, das sei „die Bedrohung der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft durch den repressiven Staatsapparat“, das Wissen um die Vergangenheit, das sei der Reifenschwinger, der während des in der Erzählung beschriebenen Urzelfestes im Jahre 1975 mit seinem kunstvoll vorgeführten Brauch wesentliche Bestandteile einer frühneuzeitlichen Legende in eine Gegenwart transportiert. Dieser Brauch sei das Symbol für die Solidarität mit einer gegenwärtigen Gemeinschaft, die eingedenk von vergangenen Seuchen nun auch das Unheil im Blick auf die Zukunft verhindern soll. Vorausgesetzt, sie identifiziere sich mit dem Reifenschwinger, der von ihnen eine vorbehaltlose Unterstützung fordere, wenngleich gemunkelt werde, er sei mit dem Teufel im Bunde.

Und der rätselhafte Titel der Erzählung? Die Karussellpolka, die in der Handlung nur eine Nebenrolle spielt? Unter Verweis auf Rainer Maria Rilkes Gedicht „Jardin du Luxemburg“, in dem das Karussell zu einer Metapher für eine ausweglose psychologische Situation werde, erinnert Klein an eine Konfliktsituation, die Rat suchende Personen mithilfe von Seelsorge wie auch durch eingehende Konsultation bewältigen könnten. Und eine Gemeinschaft, die unter dem Zugzwang steht, anstehende Konflikte im Blick auf die Zukunft zu bewältigen? Der Autor biete angesichts der allgegenwärtigen Desorientierungsmuster keine Lösungen an, sondern schildere Situationen auf allen Ebenen menschlicher Beziehungen. Dennoch gebe es Botschaften, die in der Erzählung in einer Reihe von offen dargelegten Maximen, wie Handeln, sein Leben aufs Spiel setzen oder Überwindung der Trägheit, aber auch in verklausulierten Fragen der beiden Protagonisten HH und Eva zum Tragen kommen.

Und der Autor? Er gesteht in seiner Vorbemerkung zur Neuauflage der Erzählung unter der vieldeutigen Überschrift „Urzeln immerfort“, dass er sich erst durch eigenes Erleben des Urzelfestes und durch seine intensiven ethnologischen Forschungen an die Deutungen der symbolträchtigen Handlungen herangetastet habe. Und der Leser, der im Vergleich zu der von der Verlagszensur arg gerupften und oft entstellten Erstpublikation zu der nunmehr vorliegenden „Originalfassung“ (auch sie ist stilistisch überarbeitet worden!) sich dem „schwierigen Vergnügen“ der Lektüre dieses Buches hingibt? Soll er zuerst die Kommentare zum Textgehalt und zum literaturkritischen Echo lesen (Horst Fabritius)? Soll er die Lesefrüchte der wissbegierigen Agnethlerin Helga Lutsch genießen?

Der von den vielen kritischen Kommentaren beeinflusste Rezensent empfiehlt zwei Arten von Lektüre. Für den am Brauchtum der Siebenbürger Deutschen interessierten Leser: eine aufmerksame Lektüre all jener Passagen, in denen die jahrhundertealten Bräuche beschrieben werden, und … dem Erzähler „folgen“, der sich hinter den handelnden Personen versteckt und ­dennoch mit klugen Kommentaren manche Einsichten vermittelt. Für den an dem literarischen Gehalt der Erzählung Interessierten ist eine andere Lesart zu empfehlen. Die zahlreichen, von der Zensur gestrichenen Passagen, die in der Neuauflage abgedruckt sind, erweisen sich als Fundgrube für die manifestierte Furcht der kommunistischen Behörden vor uneingeschränkter Kommunikation ihrer Staatsbürger, vor der quellenkritischen Aufarbeitung geschichtlicher Prozesse, denen die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft ausgesetzt war, vor der Weitergabe von entideologisierten Informationen, vor den möglicherweise „geheimen Botschaften“ der Protagonisten. Auch aus diesem Grunde ist die ursprünglich zerpflückte Textgestalt nunmehr im Vergleich mit ihrer wieder hergestellten Fassung eine willkommene Lektüre für die Oberstufe eines Gymnasiums und natürlich auch für die emigrierte Lese-Gemeinschaft der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen. Sie sollte ihre Lektüre mit Walter Fromms Besprechung der Karussellpolka aus dem Jahr 1978 (S. 152-156) beginnen, in der die Handlung der Erzählung und die Figuren beschrieben werden. Und sie sollte sich nicht abschrecken lassen durch die Aussage: „Der Autor tut sich schwer beim Sagen der Wahrheit.“ Kein Wunder, die Ausgabe war ja so voller Löcher, dass der Leser sicherlich oft verärgert das Büchlein beiseite schob. Nun hat er die Gelegenheit, das Urzelfest in vollen Zügen zu genießen, vorausgesetzt, er folgt dem Reifenschwinger, ohne an den Teufel zu glauben!

Wolfgang Schlott


Joachim Wittstock: „Karussellpolka. Erzählung“, 2. berichtigte Auflage, hora Verlag, Hermannstadt 2011, 176 Seiten, Preis: 13,50 Euro, ISBN 978-973-8226-98-2.
Karussellpolka. Erzählung
Joachim Wittstock
Karussellpolka. Erzählung

hora Verlag

176 Seiten
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Schlagwörter: Rezension, Erzählung, Wittstock

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