29. Dezember 2012

„National Geographic“ entdeckt Siebenbürger Sachsen

„Am descoperit în Ardeal o ţară străină. Şi m-am îndrăgostit de Siebenbürgen“ – „Ich habe im ‚Ardeal‘ ein fremdes Land entdeckt. Und ich habe mich in Siebenbürgen verliebt.“ Das schreibt der stellvertretende Chefredakteur von „National Georgraphic România“, Cătălin Gruia. Wussten Sie, dass es eine rumänische Ausgabe von National Geographic gibt? Ich zumindest habe es bis vor wenigen Wochen nicht gewusst. Sowohl das monatlich erscheinende Heft als auch das vierteljährliche Magazin Traveler wird in insgesamt 15 Ländern und elf Sprachen verlegt – und eben auch in Rumänisch.
Das ganzseitige Titelfoto des Oktober-Hefts 2012 der „National Geographic România“ zieht den Blick jedes Siebenbürger Sachsen sofort in seinen Bann, zeigt es doch zwei Sächsinnen beim Bockeln, eine Arbeit des Malers Robert Wellmann aus dem Brukenthalmusuem. Es führt zur Titelgeschichte über „Saşii Ardeleni – Saga unei civilizaţii în trei părţi: colonizarea, splendoarea şi declinul“ („Die Siebenbürger Sachsen – Saga einer Zivilisation in drei Teilen: Kolonisation, Glanzzeit und Niedergang“). Cătălin Gruia, der für den Text verantwortlich zeichnet, hat anderthalb Jahre für diese und eine weitere Reportage recherchiert, ist eigens nach Ibăneşti im Kreis Mieresch gezogen und hat viel Zeit vor Ort und in der Reener Stadtbibliothek verbracht. So viel Zeit für ein einziges Thema zu bekommen, ist ein seltenes Reporterglück – und so ist das, was er und der Fotograf Bogdan Croitoru auf den Spuren der Sachsen in Siebenbürgen entdeckten, zu einem Geschenk für die Leser und die Autoren geworden. 26 Seiten umfasst der ausführliche und reich illustrierte Beitrag über das Kommen, die kulturellen Errungenschaften und schließlich den Weggang der Sachsen, den auch ein sächsischer Autor kaum objektiver, dokumentierter und zugleich einfühlsamer hätte schreiben können. Der rumänische Leser erhält ein von ideologischen Verzerrungen freies Bild der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und, soweit das auf dem knappen Raum eines Magazinbeitrags möglich ist, ihrer Wesenheit. Großformatige Bilder von höchster Qualität runden das Geschriebene zu einem äußerst lesenswerten Beitrag ab.

Als Pendant dazu bietet die Herbst-Ausgabe 2012 des Magazins National Geographic Traveler einen umfassenden Querschnitt durch das Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen als Reiseland. Mit einer Aufnahme der Hermann­städter Stadtpfarrkirche verspricht das Titelblatt im Heft „Transilvania – 17 descoperiri săseşti“ (Siebenbürgen – 17 sächsische Entdeckungen), zu denen – wer hätte es gedacht – der unselige Geist des Grafen Dracula nicht gehört; vielmehr stehen die Siebenbürger Sachsen und ihr geistiges und materielles Erbe im Mittelpunkt.

Der Beitrag, dessen Text auch Cătălin Gruia verfasst und Ciprian Biclineru illustriert hat, zeigt, dass die ernsthafte Suche nach den wichtigsten Hinterlassenschaften der Sachsen und ihrer Volksseele von Erfolg gekrönt wurde. Einem doppelseitigen Foto der Kirchenburg in Arkeden folgen insgesamt zehn Seiten mit vielen guten Bildern mit 17 kurzen, sehr prägnant formulierten Beiträgen. „Wanderungen im Herzen Siebenbürgens“ führen durch das Kokelgebiet und ins ­Harbachtal, „Gemul de rubarbă de la hambarul alimentar“ – „Rhabarbermarmelade aus dem Lebensmittelspeicher“ hat das Dorf Keisd zum Ziel und informiert über die Stiftung Mihai Eminescu Trust. Es folgen Abstecher in die Heltauer Kirchenburg und auf die Rosenauer Burg und die dortige, zu kulturellen Veranstaltungen genutzte Höhle. Hinter dem Titel „Transilvanian Brunch“ verbirgt sich eine Einladung zum zünftigen Schlemmen im Harbachtal. „Das Prozessionskreuz und sächsische Märchen“ führt ins Museum der Kirchenburg Heltau. Weiter geht’s zu „Wollsocken aus Deutsch-Weißkirch“, den Hütten des Siebenbürgischen Karpatenvereins (SKV) in den Südkarpaten sowie zu „Ceramică săsească şi baumstriezel“ – Sächsische Keramik und Baumstriezel. Nicht fehlen durften natürlich die Kirchenburg in Birthälm und die Kirche in Mönchsdorf. Ein Landhotel in Honigberg wird ebenso vorgestellt wie die Gesellenherberge in Hermannstadt und die Gräfenburg in Kelling. Ein Spaziergang entlang der Mauern von Kronstadt, geschichtliche Fragmente in den Siebendörfern und ein Exkurs über die kürzlich mit großem Aufwand renovierte, älteste spielbare Orgel des Landes in Reps runden diese bemerkenswerte Publikation ab.

Abschließend sei der Autor Cătălin Gruia noch einmal zitiert: „Bis 2010 war ich eher selten in Siebenbürgen und wusste wenig über diesen Landstrich. Die anderthalb Jahre, die ich dort wohnte, zählen zu den glücklichsten meines Lebens.“ Auch wir möchten hier eine herzliche Einladung zum Lesen aussprechen und hoffen, dass sich möglichst viele zu einer Reise nach Siebenbürgen auf den Spuren unserer Vorfahren animieren lassen.

Hansotto Drotloff


„National Geographic“ ist im Büchercafé Erasmus, Hermannstadt, E-Mail: erasmus@buechercafe.ro, deutsche Festnetznummer: (02 28) 90 91 95 57, zum Preis von 4,50 Euro pro Heft plus Versand zu bestellen.

Schlagwörter: Zeitschrift, Rumänien, Siebenbürger Sachsen, Kultur, Brauchtum

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Neueste Kommentare

  • 30.12.2012, 15:47 Uhr von gero: Und plötzlich hat man uns alle lieb. [weiter]

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