15. März 2026
Geologe, Fotograf und Buchautor: Nachruf auf Dr. Alfred Karl Schuster
Am 14. Januar ist Alfred Schuster („Fred“ oder „Fredi“) fast 89-jährig in Clausthal-Zellerfeld gestorben. Seine letzten Jahre waren von Krankheit geprägt, abgesehen davon aber, hat er ein erfülltes Leben gehabt. Diese Erfüllung hatte zwei Seiten, denn einerseits hat er in seinem Heimatland Rumänien und andererseits, nach seiner Aussiedlung auch in Deutschland vieles erreicht.

Am 10. April 1937 wurde er in Hermannstadt geboren. Sein Vater, Fritz Schuster, und dessen Bruder, Wilhelm Schuster, waren Mitinhaber der Wurstfabrik ihres älteren Bruders Rudolf Schuster. Während die Brüder bei Pflegefamilien aufwuchsen, kam Fritz in ein Waisenhaus. Alle drei haben es aber trotzdem in ihrem Leben durch harte Arbeit, Fleiß und Begabung zu etwas gebracht. Bei der Nationalisierung in den Jahren 1948-1949 wurde ihnen vom kommunistischen Regime Rumäniens alles weggenommen, da sie zur „Ausbeuterklasse“ gehörten! Plötzlich standen sie mittellos da und mussten sich ihren Lebensunterhalt irgendwie verdienen. So absurd und ungerecht können Schicksalsfügungen manchmal sein. Fred Schusters Cousin, ein Sohn Wilhelm Schusters, war der bekannte deutsch-rumänische Schriftsteller Paul Schuster (1930-2004).
In Hermannstadt machte Alfred am Brukenthal-Gymnasium im Jahre 1956 sein Abitur. Wie alle Hermannstädter war er viel in den Bergen. Bestimmt hat sich ihm irgendwann während dieser Jahre in einem Moment die Frage gestellt, was das für „Steine“ sind, aus denen die steilen Felshänge bestehen. So hat sich dann bei ihm sein Interesse für die Geologie entwickelt. Obwohl er fast fünf Jahre älter war als ich, kannte ich ihn schon damals, denn unsere Eltern waren befreundet. Nach dem Militärdienst studierte er 1959-1964 in Klausenburg/Cluj-Napoca an der Babeş- Bolyai-Universität Geologie. Anschließend arbeitete er über zwei Jahre im Rahmen eines Erkundungsunternehmens (geologische Explorationen), um danach in die Forschung zu wechseln – an das „Institut für Geologie und Geophysik Rumäniens“ (Institutul de Geologie si Geofizică al României) in Bukarest. Hier traf ich ihn wieder und wir waren selbstverständlich vom ersten Moment an freundschaftlich verbunden. Da er etwas älter war als ich und schon mehr Erfahrung hatte, konnte ich von ihm auch einiges lernen. Er half mir immer, wenn ich ihn um Rat bat.
Fred Schuster hat in Rumänien ausschließlich in den Südkarpaten geologisch gearbeitet und geforscht. Dabei hatte er außer seinem geologischen Hammer immer einen Fotoapparat bei sich. Das Fotografieren entwickelte sich so zu seiner zweiten Leidenschaft, gleichzeitig wurde er immer „professioneller“. Strukturgeologisch betrachtet bestehen die Südkarpaten aus zwei tektonischen Großeinheiten – dem „Danubikum“ oder „Autochton“ und darüber liegend das „Getikum“, das aus der Getischen und den Supragetischen Decken besteht. Fredis Arbeitsgebiete befanden sich in beiden Einheiten, daher hatte er einen guten Überblick. 1969 publizierte er zusammen mit C. und O. Draghici eine petrografische und mineralogische Beschreibung der im Olteţ-Gebiet gelegenen Graphit-Lagerstätten des Danubikums. Schon 1972 veröffentlichte er eine anspruchsvollere Arbeit über die Entwicklung des Danubikums, in der er gleichzeitig Entwicklungsprozesse der gesamten Südkarpaten darstellte. Es folgten weitere Publikationen über bestimmte petrographische Aspekte (Skarne des oberen Olteţ Tals 1973) oder, zusammen mit H. Savu eine Arbeit über die Petrologie und Geochemie von Granit-Massiven des Danubikums (1976, 1977). Er kartierte auch die Metamorphite des Getikums im Rahmen von 1:50.000 Blättern des Geologischen Instituts, z. B. „Voineasa“ (Savu H., Schuster A. C. 1975) und „Mălaia“ (Savu H., Schuster A. C., Szàsz. L. 1977). Zudem erschien eine Publikation über den Metamorphismus und die Struktur der „Sebeş-Lotru Serie“ zwischen Voineasa und Vidra See, Lotru Gebirge, Savu H., Schuster, A. K. (1979).

Am Clausthaler Institut war er auch in der Lehre tätig und betreute mit Erfolg Diplomarbeiten. Immer wieder wurde er auch für die schönen Fotos, die er in der Mineralien- und Gesteinssammlung und auch in der paläontologischen Sammlung des Instituts anfertigte, bewundert. Im Herbst des Jahres 1990, kurz nach der „Wende“, als man plötzlich „in den Westen“ fahren durfte, kam ich zusammen mit meinem Institutskollegen Tudor Berza in die Bundesrepublik; dabei besuchten wir auch Fredi. Ich werde nie die Gastfreundschaft vergessen, die uns Inge und Fred damals zukommen ließen! Er hatte die Verbindung zum Geologischen Institut in Bukarest zu keiner Zeit unterbrochen. Außerdem hatte er jedes Mal, wenn ich ihn um eine Publikation bat, die in Bukarest nicht erhältlich war, sie mir sofort mit der Post geschickt – damals gab es ja noch kein Internet. Immer wieder kam er auch auf Besuch nach Rumänien. Wir trafen uns dann jedes Mal. Einmal ist er sogar zu mir nach Brezoi (mittlerer Teil der Südkarpaten) ins Gelände gekommen und es waren sehr schöne Stunden. Am folgenden Tag rief mich jedoch der Securitate-Offizier des Ortes zu sich und fragte mich, was „der Ausländer“ von mir wissen wollte und warum ich ihm vom Besuch nicht berichtet hätte. So waren die Zeiten damals, man lebte in einer kommunistischen Diktatur, Westeuropa war Feindesland. Ich brachte das geologische 1:50 000 Blatt „Mălaia“, dessen östliche Grenze ganz nahe an Brezoi liegt, und zeigte ihm, dass mein Gast aus dem kapitalistischen Deutschland einer der Autoren dieses Blattes war, wobei ich ihn fragte, was für Geheimnisse ich dem Besuch aus dem Westen hätte verraten können. Damit beruhigte er sich, sagte mir aber, dass immer, wenn ich so einen Besuch habe, ihn unbedingt darüber benachrichtigen müsse. Mit diesen Leuten war nicht zu spaßen.
Das Clausthaler Institut betrieb in Brasilien ein Forschungsprojekt, das sich mit der Genese der präkambrischen itabiritischen Eisenerzlagerstätten des Eisernen Vierecks in Minas Gerais befasste. So gelangte Fred Schuster auch nach Südamerika. Eine andere Welt als die Karpatengeologie! Für einen guten Geologen spielt so etwas eigentlich keine Rolle. In der Tat forschte er gleich mit Erfolg und fotografierte natürlich auch fleißig. In einigen Publikationen, die zu diesem Thema in bedeutenden wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen, ist er Koautor.
In Clausthal war er sowohl vor als auch nach seiner Pensionierung im Jahre 2002 zusätzlich auch als geologischer Gutachter tätig. Seine Pensionierung war jedoch alles andere als ein „Ruhestand“. Er blieb sehr aktiv, lebte aber jetzt seine fotografische Leidenschaft aus und befasste sich auch mit anderen Themen, wie mit der Geschichte der Geologie Siebenbürgens, ebenso auch mit der des Banats und der Marmarosch: „Geologische Forschung im südöstlichen Karpatenraum bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts“, erschienen in „Danubiana Carpatica. Die Erschließung der Karpaten, Bd.8 (55), 2014. S. 155-210; De Gruyter Verlag Oldenburg“. Er hat dabei sehr umfassend und oft bis ins Detail recherchiert, wobei es ihm gelungen ist, eine Publikation von außergewöhnlichem geologisch-historischem Wert zu schreiben.
In gleichem Maße hat er den Kontakt zum Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e. V. Heidelberg, Sektion Naturwissenschaften gesucht und im Laufe der Jahre bei den Tagungen in Gundelsheim oft Vorträge gehalten und in der Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde (39, 2016, S. 143-162), zusammen mit seinem Sohn Frank auch publiziert, beispielsweise „Die touristische Erschließung des Fogarascher Gebirges in den Südkarpaten“. In einem anderen Vortrag, „Nicht nur Gold im Goldenen Viereck. Geologie und Bergbau im Siebenbürger Erzgebirge im 18./19. Jahrhundert“, erklärte und beschrieb er die Vererzungen im Westgebirge.
Alfred Schusters Persönlichkeit war ebenso komplex, wie auch originell. Immer war er für Überraschungen gut und zu neuen Herausforderungen bereit. Weil ihn die Frage beschäftigte, auf welchen Wegen unsere Vorfahren, die Siebenbürger-Sachsen, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus der Rhein-Mosel Gegend bis „in das Land hinter den Wäldern“ (Transsylvanien) kamen, hat er sich diesbezüglich, soweit es ging, dokumentiert, sich dann aufs Fahrrad geschwungen und ist auf den Spuren der deutschen Einwanderer von Luxemburg etwa 1.700-1.800 km bis nach Hermannstadt gefahren. Diese Fahrt hat er sich auch noch zu seinem 70. Geburtstag geschenkt! Aber das ist noch nicht alles – er hat anschließend auch ein wunderbares Buch darüber verfasst („Alte Wege nach Siebenbürgen“, Schiller-Verlag Hermannstadt-Bonn, 2011), in welchem er seine Fahrt erklärt und seine Erlebnisse beschreibt, wobei alles auch geographisch und historisch erfasst ist.
In seiner Liebe zu den Bergen und seiner Leidenschaft für die Fotografie erreichte er einen anderen Höhepunkt. Es gelang ihm nämlich, zahlreiche seiner herrlich schönen Fotografien (vorwiegend schwarz-weiß), die er zwischen den Jahren 1960 und 1980 in den Südkarpaten gemacht hatte, in einem Bildband zu veröffentlichen („Südkarpaten – Welt der Hirten“, Papierflieger-Verlag, Clausthal-Zellerfeld, 2016). Die einführenden und begleitenden Texte sind auch in rumänischer und englischer Sprache abgefasst. Das Vorwort schrieb Dr. Erika Schneider und die Einführung sein Sohn Dr. Frank Schuster. Alfred Schuster hat diesbezüglich auch sehr erfolgreiche Vorträge gehalten, in denen er seine Karpatenfotos geistreich und auch mit Humor vorstellte. Dies geschah etwa in Gundelsheim und im bayerischen Glonn in der Klosterschule. In diesem Bildband ist eindeutig auch seine künstlerische Ader gut erkennbar. Neben den außergewöhnlich schönen Landschaften hat er die Menschen nicht vergessen – die rumänischen Hirten.
Dr. Horst Peter Hann
Schlagwörter: Nachruf, Kultur, Geologie, Fotografie, Hermannstadt
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