2. Januar 2013

Dagmar Dusils neue Prosatexte: "Wie die Jahre verletzen"

Leben mit dem Erlebten. Dagmar Dusil veröffentlichte im Johannis Reeg Verlag eigene Prosatexte unter dem Titel „Wie die Jahre verletzen“. „Als Kind musste Renate oft alte Strickjacken auftrennen ... War die Strickjacke aufgetrennt, befand sich die ungezähmte Wolle in einem Knäuel. Es war ein zeitloses Knäuel, das neuer Bestimmungen harrte“ (S. 88). Dieses Bild steht für Dagmar Dusils Darstellungsweise. Es gibt da keinen Erzählfaden, der chronologisch eine Geschichte abspult. Altbekannte Rituale eines vergangenen Lebens in Siebenbürgen werden vielmehr mit Erfahrungen des Neuanfangs in Deutschland verknüpft, vorbewusste Kindheitserlebnisse bis hin zu dunklen Vorahnungen von Krankheit und Tod zu einem einzigartigen Muster verwirkt.
Der Leser dieser 18 knappen Texte, auch der nichtsiebenbürgische, wird hineingezogen in eine Welt ständiger, tiefgreifender Umstürze, die Angst, Beklemmung auslösen; diese können nur mit einer höchstsensiblen Wahrnehmungsfähigkeit überhaupt zur Sprache gebracht und so bewältigt werden. Ein rumänisches Sprichwort wird dem Ganzen als Motto vorangestellt: Nu aduce anul ce aduce ceasul - etwas schwerfällig übersetzt: Der Augenblick kann mehr Veränderungen bringen als ein Jahr: Das Nacheinander wird zum Nebeneinander, ja zum Ineinander.

Man kennt Dagmar Dusil als Verlegerin bei Johannis Reeg, als Übersetzerin der lyrischen Prosa der heute in den USA lebenden rumänischen Dichterin Ioana Ieronim, aber auch als Verfasserin eigener Lyrik und Kurzprosa. „Blick zurück durchs Küchenfenster“ ist bereits in neunter Auflage erschienen, „Die Hermannstädter Miniaturen“ wurden erst kürzlich in der Siebenbürgischen Zeitung als eine eigene Gemütstopografie“ (Folge 18 vom 15. November 2012, Seite 6) gewürdigt. In dieser Stadt ist die Autorin 1948 geboren und somit Zeitgenossin umwälzender Erlebnisse, wobei die eigene Kindheit im Hermannstadt der 50er Jahre wohl die prägendsten sind. Nicht zufällig steht daher der umfangreichte Text „Bilder einer Kindheit“ im Zentrum des Buches. In den neun Texten davor richtet sich der Blick zurück auf die Zeit des Krieges, auf die unmittelbare Nachkriegszeit.

Aus der Perspektive des Kindes wird hier gestaltet. Das Kind fügt Brocken von Gehörtem und kaum Verstandenem in seiner Erinnerung zusammen zu Texten über die Nazizeit, Krieg, Gefangenschaft, Deportation, Zwangsarbeit, Enteignung. Über diese Themen sprechen auch heute noch Siebenbürger, sooft sie zusammenkommen. Der Leser erkennt häufig gebrauchte Formulierungen wieder. Ein Beispiel: „Und die jungen Leute, die noch nichts vom Leben wussten und ahnungslos in den Krieg gingen, sich freiwillig meldeten. Und dann diese unselige Schlacht bei Stalingrad. Der Einmarsch der Russen in Rumänien, der die Wende brachte. Und dann fluchen sie über den Kommunismus.“ (S. 70)

Das Kind erlebt Angst in mannigfacher Ausprägung. Es fühlt sich bedrängt durch Hunger und Not, durch die Fremden in unmittelbarer Nähe, fühlt sich umgeben von Lüge und Verrat. Die Aussagen der Erwachsenen verschleiern die unheimliche Wirklichkeit. Die Autorin mischt klischeehafte Formulierungen mit Sprichwörtern, hinterfragt Wörter und tastet sich so zur Wahrheit vor. Mit für die Siebenbürger Sachsen typischen Denkklischees, typischen Lebensgewohnheiten, typischen Ausdrücken schafft die Autorin eine faszinierend bedrohliche Atmosphäre. Nicht immer ist dabei klar erkennbar, ob es sich nicht doch um von der Autorin selbst unbewusst übernommene Klischees und Abweichungen von der hochsprachlichen Norm handelt.

Im zweiten Teil des Bandes geht es um die Suche nach Orientierung in einer für den aus Siebenbürgen nach Deutschland Ausgereisten verwirrenden Welt: Krankheit, Verrat, Missbrauch, Trennung, Tod - auch hier gibt es Bedrohliches; die alten Wertmuster sind als Richtschnur auf verworrenen und verwirrenden Lebenspfaden unbrauchbar. Das erleben eine Studentin, eine angehende Ärztin, eine Wissenschaftlerin und andere ratlose, verletzte Erwachsene. Der Blick geht auch jetzt zurück und fragt nach dem Schicksal der deutschen Lehrerin im Kommunismus, nach dem des rumänischen Flüchtlings in Deutschland, der jungen rumänischen Zwangsprostituierten. Traumhaftes, Märchenhaftes, lyrisch verdichtet, all das setzt die Autorin ein, um Erlebtes begreifbar zu machen. Wir kennen ein solches Vorgehen auch von Herta Müller; noch deutlicher ist die Verwandtschaft dieser Texte mit Ioana Ieronims lyrischer Prosa. Dagmar Dusil schreibt in „Wie die Jahre verletzen“ kein verklärendes Erinnerungsbuch, es ist vielmehr, wie die Autorin in ihrem Vorwort zum Band formuliert, „die Wunde all der Fragen ohne Antwort. (...) Dagmar Dusils vorliegender Band ist denn auch ein Beweis für das fortwährende Interesse, das ein derartiger Knotenpunkt der Geschichte darstellt“ (S. 9).

Ein schmaler Band, ansprechend schön gestaltet. Er sei zu eingehender Lektüre empfohlen. Der Leser sollte ihn in kleinen Schritten, sozusagen in kleinen Schlucken zu sich nehmen wie ein kräftiges Getränk. Es wird ihn hineinziehen in eine Welt, die auch seine ist, selbst wenn er nicht aus Siebenbürgen kommt. Das Vorwort sollte er erst danach lesen. In seinem überbordenden Essaystil versperrt es möglicherweise den Zugang zu dieser schlichten, bewegenden Prosa. Sie wirkt aus sich selbst.

Brigitte Stamm

Dagmar Dusil: „Wie die Jahre verletzen. Prosatexte“, Johannis Reeg Verlag, Bamberg 2012, 133 Seiten. Preis 13,50 Euro zzgl Versand, ISBN 978-3-937320-39-7.
Wie die Jahre verletzen: Prosa
Dagmar Dusil
Wie die Jahre verletzen: Prosatexte

Johannis Reeg Verlag
Taschenbuch
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Schlagwörter: Rezension, Prosa, Hermannstadt

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