7. April 2013

Wie Aufarbeitung wirkt - belastend, doch befreiend

Bad Kissingen – Sie habe mehr gegeben als versprochen, befand Studienleiter Gustav Binder in seinem Fazit zur Frühjahrstagung des Evangelischen Freundeskreises Siebenbürgen e.V. (EFS), die vom 8. bis 10. März in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen stattgefunden hat. Mehr als 70 Seminarteilnehmer waren ein deutlicher Beleg für die Zugkraft der gewählten Thematik: „Die siebenbürgisch-sächsische Gesellschaft in Rumänien von 1920 bis 1980 – Kontinuitäten und Diskontinuitäten“.
Die ursprüngliche Grundidee war, die 1930er-Jahre in Siebenbürgen in den Mittelpunkt des Wochenendseminars zu stellen. Das Tagungskonzept wurde mit Dr. Ulrich A. Wien, dem Vorsitzenden des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL), der „Denkfabrik der Siebenbürger Sachsen“ (Gustav Binder), erarbeitet. Dr. Wien empfahl, auch die Folgeentwicklungen der 1930er-Jahre zu thematisieren, die Kontinuitäten wie die Diskontinuitäten. Beide Facetten wurden in sieben Vorträgen, einer Lesung und einem Film präsentiert und anschließend diskutiert. Der folgende Tagungsbericht von Hannelore Baier wurde in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien vom 19. März 2013 veröffentlicht.

Größtenteils junge Forscher wagten einen Blick von außen auf das Geschehen. Jene, die die Zeit erlebt haben, ergänzten das Gesagte durch Blicke von innen und erwiesen sich dabei nicht als Feinde der Gegenwartshistoriker, als welche die Zeitzeugen von diesen meist empfunden werden, sondern als „komplementäre Disputanten“ (Dr. Wien). Die historischen Ausführungen bereicherten der Streifen „Die Lebenden“ von Barbara Albert (Wien/Berlin), die einer mit Siebenbürgen verknüpften Lebensgeschichte nachging, sowie die Lesung des 2010 mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis ausgezeichneten Hermannstädter Schriftstellers Joachim Wittstock, der in vielen seiner Werke historische Fakten literarisch verarbeitet hat. Zum Tagungsthema stellte Wittstock zwei der Realität entwachsene literarische Gestalten der 1940er-Jahre vor, um das „Lücken reißen, Lücken schließen“ zu veranschaulichen. In „Ascheregen“ hatte er die gesellschaftliche Diskontinuität in der Familie von Bischof Friedrich Müller-Langenthal geschildert, die durch die Deportation in die Sowjetunion gerissene Lücke in dem Roman „Bestätigt und besiegelt“ veranschaulicht.
Die zeitgeschichtlich ausgerichtete ...
Die zeitgeschichtlich ausgerichtete Frühjahrstagung des Evangelischen Freundeskreises Siebenbürgen e.V. in Bad Kissingen verzeichnete eine unerwartet hohe Teilnehmerzahl. Foto: Egbert Schlarb
Zwei der Referenten stellten ebenfalls Bischof Friedrich Müller in den Mittelpunkt ihrer Beiträge, wobei sie dessen Securitate-Akte auswerteten. In dem Vortrag „Stalinstadt und Region Stalin als Laboratorium der Elitendemontage“ ging Thomas Şindilariu, Archivar der Honterus-Gemeinde Kronstadt – Kronstadt trug in den 1950er-Jahren den Namen Stalinstadt– auf die Art und Weise ein, wie die Securitate die kirchlichen Wahlen durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM) aus den Reihen der Pfarrer manipuliert hat. 1951/52 war die Absetzung und Verhaftung von Bischof Müller geplant, im Jahr danach wurde dann davon abgesehen. Eine Rolle dabei dürften sowohl das Ausschalten der „Moskau-Fraktion“ der Kommunistischen Partei (Ana Pauker, Vasile Luca und Teohari Geogescu) als auch die Intervention von Dr. Petru Groza zu Gunsten Müllers gespielt haben, so dass er bis an sein Lebensende (1969) der Bischof der Evangelischen Kirche A.B. blieb. Wie Şindilariu weiter vortrug, war das Landeskonsistorium von IMs durchsetzt. Bei der Wahl des Nachfolgers von Müller habe die Frage nicht mehr gelautet, ob ein IM, sondern welcher gewählt werden solle. Angriffsflächen hatten Müllers Widersacher unter anderem in dessen nationalsozialistisch geprägten Aussagen gefunden, die zusammengetragen worden waren.

Die Attacken und die Absetzungsbemühungen koordiniert hatte der Germanist und Securitate-Major Heinz Stănescu, 1951 Abteilungsleiter der Securitate-Sektion, der die Beobachtung der Kultus-Gemeinschaften unterstellt war. Diesen Sachverhalt stellte Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte im südöstlichen Europa (IKGS), aufgrund derselben Akte fest. Das Motiv für die Bestrebungen, Müller aus dem Amt zu entfernen, war vermutlich sein unermüdlicher Einsatz für die gesellschaftlichen Belange seiner Gläubigen. Die vorgestellten Erkenntnisse müssen als vorläufig betrachtet werden, denn gefunden wurden in dem von der CNSAS (in Bukarest ansässige Behörde zur Aufarbeitung der Securitate-Akten; die Redaktion) übernommenen Archiv vorerst nur rund 1 000 Blatt fassende vier Dossiers zu Müller aus der Zeitspanne 1944 bis 1953.

Die Politik vor und nach 1944/45

Bevor die beiden Referenten sich auf den ehemaligen Bischof fokussierten, wurde die politische Lage in Siebenbürgen seit dem Ersten Weltkrieg und die NS-Verstrickung der Evangelischen Kirche erörtert. Der österreichische Historiker Florian Kührer-Wielach verglich die Parteienpolitik der Rumänen und der Siebenbürger Sachsen in der Zwischenkriegszeit und kam zum Schluss, dass Ende der 1930er-Jahre die letzten Fäden des Bandes, das es um alle Söhne Siebenbürgens nie gegeben habe, durchtrennt wurden. Der Theologe Dr. Paul Brusanowski (Hermannstadt) ging auf die Voraussetzungen für die antisemitische Stimmung in Rumänien und die Verbindungen der orthodoxen Kirche mit der Legionärsbewegung ein. Dirk Schuster, Doktorand am Religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig, referierte über das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ (1939 in Eisenach gegründet) und dessen Außenstelle in Hermannstadt. Dieses war von der Evangelischen Landeskirche in Rumänien getragen worden. Pfarrer Andreas Scheiner, damals Hauptanwalt, war der Leiter des Institutes, Pfarrer Ekkehard Lebouton der Geschäftsführer; betrieben wurde nicht Theologie, sondern Propaganda, an den Tagungen nahmen Pfarrer und Lehrer teil, so Schuster. Auf die 1943 ausgetragene hermeneutisch-theologische Diskussion um den von Lebouton angestoßenen antisemitischen Diskurs innerhalb der Evangelischen Kirche in Rumänien ging der Theologe Dr. Ulrich Wien (Universität Landau) ein.

Die Verfasserin dieses Berichtes stellte die Politik Bukarests gegenüber den Rumäniendeutschen nach 1945 vor und bemerkte, dass die Diskontinuität in deren Behandlung manche Kontinuität in der Einstellung der deutschen Gemeinschaften begünstigt habe. Der kritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit sei nach 1945 nicht möglich gewesen, nach der eigenen Verantwortung und Verirrung wurde und werde nicht gefragt, das Mitläufertum gerechtfertigt. In den Jahren des Nationalsozialismus und des Kommunismus seien die Rumäniendeutschen der staatlichen Willkür ausgesetzt gewesen. Dessen ungeachtet stelle sich die Frage. ob man, wie zumeist dargestellt, ausschließlich Opfer gewesen sei.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit, so eine Erkenntnis dieser Tagung, ist unangenehm, aber letztlich befreiend. Es lohne sich, an dieser Problematik dran zu bleiben, meinte Dr. Raimar Kremer, der Vorsitzende des Evangelischen Freundeskreises Siebenbürgen e.V. Zustandekommen können dabei so bemerkenswerte Veranstaltungen wie dieses von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Seminar in Bad Kissingen.

Hannelore Baier

Schlagwörter: Vergangenheitsbewältigung, Securitate, Tagung, Bad Kissingen, Kirche

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