22. September 2013

Apathie und Paranoia/Patrick McGuinness’ Roman „Die Abschaffung des Zufalls“

Mit einem Flugzeug der Tarom, das einer „aus Raum und Zeit gefallenen Kapsel“ gleicht, verlässt der Ich-Erzähler in Patrick McGuinness’ Debüt „Die Abschaffung des Zufalls“ den Londoner Flughafen Heathrow, um nach Bukarest zu fliegen und dort eine Stelle anzutreten – um die er sich nie beworben hat. Otopeni, der Flughafen der rumänischen Hauptstadt, eröffnet ihm eine andere Welt: „Dieser Flughafen war ein Ort der ewigen Ruhe, des ewigen Transits, ein Mittel des Übergangs, wie das Flugzeug, das ich gerade verlassen hatte.“ Von einem anderen Ort der Ruhe und des Übergangs – der Beerdigung seines Vaters – kommt er gerade, den schwarzen Anzug trägt er noch. Auf wenigen Seiten skizziert McGuinness diese ungewöhnliche Reise und entlässt seinen Erzähler an einen bizarren Ort, an dem der Zufall abgeschafft ist, der Schwarzmarkt blüht und kein Mensch mehr dem anderen traut: Bukarest im April 1989.
Mit dem Taxi lässt sich der Erzähler, ein 21-jähriger Akademiker, in die von der Universität zur Verfügung gestellte Wohnung im Viertel Herăstrău bringen, an deren Tür noch das Namensschild seines Vorgängers hängt. Dieser Dr. Belanger muss die Stadt sehr überstürzt verlassen haben, denn seine Kleidung hängt noch im Schrank, es gibt Schallplatten, Bücher, Telefon, Fernseher und Videorekorder, Kühlschrank und Vorratsraum sind gefüllt. So schlüpft der Erzähler in Belangers Leben wie in einen Handschuh, der ihm wie angegossen passt; er übernimmt dessen Job, Wohnung und auch seine Geliebte – obwohl er das erst später erfährt. Der britische Kollege Leo O’Heix, der ihn in Empfang nimmt und gleich in die Welt der westlichen Diplomaten und hohen Parteifunktionäre einführt, verdingt sich weniger als Englischdozent denn als „größter Schwarzhändler Bukarests“ und schreibt nebenbei ein Buch über die Hauptstadt, deren ursprüngliches Gesicht nach und nach vom „Genossen Führer“ Ceauşescu zugunsten überteuerter sozialistischer Protzbauten ausradiert wird.

Die erste Amtshandlung des Protagonisten besteht darin, ein Empfehlungsschreiben für eine Studentin zu unterzeichnen, die er – welch Wunder am ersten Arbeitstag – nicht kennt, ja, die noch nicht einmal für das Fach Englisch an der Universität eingeschrieben ist. „Sie haben sich gerade als unersetzlich erwiesen“, lobt ihn hernach sein Chef, Fakultätsleiter Prof. Ionescu, seines Zeichens Oberst der Securitate, was ihn allerdings auch nicht vor den Tentakeln des willkürlichen Systems bewahrt. Cilea Constantin ist die Tochter des stellvertretenden Innenministers, studiert eigentlich Musik und kann das Stipendium für den zweiwöchigen Aufenthalt in London gut gebrauchen, um Kleidung, Musik und Parfüm einzukaufen, von denen ihre Altersgenossen nur träumen können; in Rumänien gibt es lediglich „Sardellenkonserven aus Nordkorea, Flaschen mit lausigem jugoslawischem Sliwowitz oder Brote, die nur aus Kartoffelstaub zu bestehen schienen“, außerdem „Sardinen oder Schuhcreme, und beides unterschied sich ganz sicher nicht im Geschmack (...), Basketballschuhe aus China und Wegwerfkameras aus der DDR“. Die leidenschaftliche Affäre zwischen Dozent und Studentin währt nicht lange, aber es reicht, um dem namenlosen Erzähler einen Einblick in das Leben und die Machenschaften der politischen Hautevolee Rumäniens zu gewähren. „Alles war doppeldeutig, und deshalb wusste man nie, was man erfasst hatte: die wahre Bedeutung oder ihre Kehrseite.“

Mit dem früheren Parteifunktionär und heimlichen Dissidenten Sergiu Trofim schreibt er dessen Autobiographie in zwei Ausführungen: Die eine, auf Linie gebrachte ist für den Staatsverlag in Bukarest bestimmt, die andere, unzensierte wird außer Landes geschmuggelt und erscheint zeitgleich in Paris, was für einen Eklat sorgt. Dass der junge Engländer sich mit dem Kontakt zu einem Aufrührer ebenso wenig Freunde macht wie mit der Rolle als Fluchthelfer, die ihm mehr oder minder aufgezwungen wird, ist ihm klar, aber anscheinend hat er keine andere Wahl. „Man hatte das Gefühl, zwangsweise an einem Gesellschaftsspiel mit einem unendlich großen Brett teilzunehmen, dessen Spieler nie wechselten.“ Wie die Figuren in diesem Spiel zueinander in Beziehung stehen, enthüllt Patrick McGuinness im Lauf der Geschichte. Am Ende, im Dezember 1989, herrschen „Apathie und Paranoia“, die der Erzähler als Symptome des auseinanderbrechenden Systems identifiziert, und es wird klar: Es hat zwar ein Umsturz stattgefunden, doch geändert hat sich eigentlich nichts. „Ein neues Bordell, aber die alten Huren“, wie Leo O’Heix bemerkt.

Patrick McGuinness wurde 1968 als Sohn einer Belgierin und eines Engländers in Tunesien geboren und hat in Venezuela, Iran, England, Belgien und Rumänien gelebt. Er ist Professor für Französisch und Komparatistik in Oxford und wohnt mit seiner Familie in Wales. Sein Roman „Die Abschaffung des Zufalls“, dessen Originaltitel „The Last Hundred Days“ (Die letzten hundert Tage) um einiges treffender ist als das deutsche Pendant, war für den Man Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis, nominiert. McGuinness lebte in den 80er Jahren, in denen sich die Stimmung bis zur Revolution hochschaukelte, selbst in Bukarest und konnte beim Schreiben auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Durch die Wahl eines jungen, unerfahrenen Westeuropäers als Ich-Erzähler wird das Absurde des rumänischen Totalitarismus besonders deutlich, so dass man die eher nüchterne Sprache des Romans als notwendigen Kontrast zu den abstrusen Ereig­nissen sehen kann. Lyrisch wird es, wenn McGuin­ness in Beschreibungen der Stadt schwelgt, und so ist „Die Abschaffung des Zufalls“ nicht nur eine Satire, sondern auch eine Ode an das alte Bukarest, das „Paris des Ostens“.

Doris Roth


Patrick McGuinness, „Die Abschaffung des Zufalls“, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2012, 448 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 978-3-552-05580-3.

Schlagwörter: Buch, Rezension, Rumänien, Umbruch 1989, Roman

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