7. November 2013

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Verdrängter und vergessener Holocaust in Rumänien

Simon Geissbühler: „Blutiger Juli. Rumäniens Vernichtungskrieg und der vergessene Massenmord an den Juden 1941“. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich 2013, 229 Seiten, 26,90 Euro
Der Verfasser der hier zu untersuchenden Arbeit, Simon Geissbühler, ist Historiker und promovierter Politologe, zugleich Experte für osteuropäische Geschichte und Politik, seit 2000 in schweizerischem diplomatischem Dienst. Er hat mehrere Bücher und Fachartikel zur Geschichte des osteuropäischen Judentums publiziert. In dem vorliegenden Buch beschäftigt er sich mit dem Holocaust in Rumänien, wobei er sein Augenmerk auf die ländliche Nordbukowina und den Norden Bessarabiens richtet. Es sind jene Gebiete, die Rumänien 1940 nach einem Ultimatum der Sowjetunion dieser hatte abtreten müssen und die es im darauf folgenden antisowjetischen Krieg an der Seite Deutschlands im Juli 1941 zurückeroberte. Der Verfasser hebt hervor, dass es in den 1941 rückeroberten Ortschaften zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung kam, die von der nichtjüdischen Bevölkerung der jeweiligen Ortschaften, der rumänischen Armee und den rumänischen Gendarmen begangen wurden. Noch bevor das rumänische Militär erschien, begann die lokale rumänische und ukrainische Bevölkerung mit der Ausplünderung der Juden und verübte dabei zahlreiche Massaker. Sie lieferte zugleich die Juden an die rumänischen Soldaten aus, worauf Frauen von diesen massenweise vergewaltigt sowie Männer, Frauen und Kinder kaltblütig erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden. Geissbühler sieht in dem „breit verankerten und starken, zunehmend eliminatorische Züge annehmenden Antisemitismus“ Rumäniens der Zwischenkriegszeit den „wesentlichen“ Antrieb für diese Massenmorde. Der Antisemitismus war besonders durch die Organisation der „Eisernen Garde“, auch „Legionäre“ genannt, verbreitet und angeheizt worden. Gegen Ende der dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre, so Geissbühler, gewann ein radialer Rassediskurs an Einfluss. Die Juden wurden als minderwertige Rasse abgestempelt, als „Wanzen“, die man mit „Stumpf und Stiel ausrotten“ müsse, wie General Ion Sichitiu, 1941/42 Landwirtschaftsminister, meinte. Dieser „eliminatorische Antisemitismus“ war nicht ein deutscher Import.

Geissbühler hat das grausame Geschehen zahlenmäßig in verschiedenen Ortschaften auf Grund von Zeugenaussagen, Erinnerungen und den wenigen schriftlichen Quellen rekonstruiert. Dabei stellt er fest: „Die ‚Säuberung‘ der wieder eroberten Gebiete von Juden war eindeutiges Ziel der rumänischen Führung und wurde durch Dutzende kleinerer und größerer Massaker, die sich zu einem flächendeckenden Judenmord ausweiteten […] zum Teil erreicht. Die Juden wurden für die Abtretung dieser Gebiete an die Sowjetunion verantwortlich gemacht und zu Verrätern abgestempelt. Der Massenmord an den Juden 1941 in diesen Gebieten vollzog sich zugleich mit dem von Deutschland initiierten Holocaust in den von deutschen Armeen eroberten Gebieten im Osten. Es gab dabei weder quantitativ noch qualitativ einen Unterschied zwischen dem von Deutschland und dem von Rumänien verübten Massenmord an Juden.“ Die Schätzungen der Zahl der jüdischen Opfer der Massaker im Sommer 1941 in der Nordbukowina und in Bessarabien schwanken zwischen 20.000 und 50.000. Geissbühler hat 43.500 errechnet.

Nach den Massakern vom Juli 1941 begann die Ghettoisierung und dann die Deportation der überlebenden Bukowiner, bessarabischen und anderen Juden nach Transnistrien, wo fast 200 kleinere und größere Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslager eingerichtet wurden. Wenn auch die Deportation nach Transnistrien mehr Juden überlebten als in den deutschen Konzentrationslagern, starben doch Zehntausende auf den Deportationsmärschen, an Krankheiten und Hunger oder durch Totschlag und Erschießung. Insgesamt sind im Vernichtungsbereich Rumäniens nach verschiedenen Angaben 250.000 bis 410.000 Juden rumänischer und sowjetisch/ukrainischer Herkunft umgebracht worden.

Trotzdem wurde in der rumänischen Öffentlichkeit und in der Geschichtsforschung Rumäniens der Holocaust tabuisiert. Ich habe in Rumänien Geschichte studiert und Geschichte unterrichtet, weder in den Vorlesungen an der Hochschule noch in den Lehrbüchern war von der Mitschuld Rumäniens am Holocaust die Rede. Es wurden bestenfalls die Konzentrationslager in Transnistrien und die Deportation der Juden aus Nordsiebenbürgen in Vernichtungslager durch die Ungarn (!) erwähnt. Erst seit der Wende von 1989/90 gibt es in der Forschung Ansätze über die Judenverfolgung. Vor allem über den Holocaust an den Juden in Nordsiebenbürgen sind beachtenswerte Bücher erschienen. So wurde aus Anlass der Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Errichtung der Synagoge von Bistritz (2006) das Buch „Martiri sub steaua lui David“ (Märtyrer unter dem Stern Davids) in rumänischer und englischer Sprache von Ion Moise und Titus Zagrean herausgegeben. Die Autoren wollen die rumänische Öffentlichkeit auf die lange Zeit verschwiegene Verwicklung Rumäniens an dem Holocaust aufmerksam machen und antisemitisches Verhalten bekämpfen. Juden aus Israel werden aufgefordert, nach Bistritz zurückzukehren, sie würden vor allem als Investoren geschätzt werden. Mittlerweile liegen auch andere Bücher über die Geschichte der Juden auf. In verschiedenen Ortschaften wurden Gedenktafeln an die Märtyrer aufgestellt. Die Schuld für die Verbrechen an den Juden in Nordsiebenbürgen kann man natürlich auf die Ungarn abschieben und diese sogar beschuldigen, auch für den Holocaust an Rumänen verantwortlich zu sein. Also doch eine gewisse Relativierung der rumänischen Schuld?

Man kann aber Geissbühlers These zustimmen, dass in Rumänien in der Wahrnehmung des Holocaust in der Nordbukowina und in Bessarabien „noch immer die Strategie des Nicht-Wissen-Wollens dominiert und dass ‚revisionistische‘ Positionen in gewissen Kreisen relativ verbreitet sind“. Man kann sogar negationistische Einstellungen feststellen. Nach Geissbühler gibt es in Rumänien bei der Vermittlung von Informationen über den Holocaust an den rumänischen Schulen und Universitäten noch immer Defizite. Die öffentliche Meinung über den Holocaust sei geprägt von „Halbwissen und bewusster Verdrängung“.

Geissbühler hat in letzter Zeit die Ortschaften der Massenmorde in der ländlichen Nordbukowina und Nordbessarabien besucht, die seit dem Zweiten Weltkrieg zur Ukraine und der Republik Moldau gehören. Juden leben heute noch in den Städten Bălţi und Edineţ, aber sonst in keinen anderen Ortschaften dieser Region. Die Einwohner – Rumänen und Ukrainer – können und wollen sich nicht an die einst zahlreichen jüdischen Mitbürger erinnern, der Verfasser spricht daher von „erinnerungsleeren Orten“. In ihnen gibt es heute kaum Spuren der früheren jüdischen Präsenz, kaum Mahndenkmale an die Massenmorde, die jüdischen Friedhöfe und Synagogen sind verwahrlost. Fazit des Verfassers: „Der Holocaust ist für viele in Osteuropa nicht ein (mediales) Dauerthema, von dem man sich irgendwann ‚genervt‘ abwendet, sondern ein Tabu oder schlicht eine Erfindung.“ Das trifft in diesem Fall auf die Ukraine und die Republik Moldau zu.

Der Verfasser geht leider nicht auf das Schicksal der außerhalb der genannten Gebiete lebenden Juden, im Kernland Rumänien in den Grenzen von 1940 ein. Bloß das Pogrom in Jassy im Juni 1941, dem über 10.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, wird erfasst. Ein gesamtes und ein genaues Gesamtbild über die Judenverfolgung in Rumänien fehlt. Die Juden wurden hier zwar auch verfolgt, beraubt, es gab verschiedene Pogrome, so in Bukarest, aber in diesem Teil Rumäniens kam es zu keinen Massendeportationen, trotz diesbezüglicher Absprachen mit Deutschland. Es gibt die Meinung, die Juden seien zunächst durch horrende Bestechungsgelder an hohe politische und militärische Kreise Rumäniens und auch an den deutschen Gesandten in Bukarest, Manfred von Killinger, der Vernichtung entgangen. Als dann 1943/44 Rumänien geheime Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten führte, stoppte Antonescu die Judendeportation, um, wie es heißt, bei den Verhandlungspartnern und der Weltöffentlichkeit ein entgegenkommendes Verhalten zu erreichen. Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass relativ viele, über 300.000 Juden in Rumänien den Holocaust überlebt haben, sogar Juden aus den Nachbarländern in Rumänien Zuflucht fanden und von hier durch Vermittlung des Roten Kreuzes nach Palästina ausreisen konnten.

Michael Kroner

Schlagwörter: Rezension, Holocaust, Rumänien, Geschichte

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