10. November 2013

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Dracula, ein Monster der Ökonomie?

War der transsylvanische Dracula ein homo oeconomicus, fragt sich Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem 2013 veröffentlichten Buch „Ego“, in dem er nach den Ursachen der Finanzkrise sucht und auf viele überlieferte Quellen der Literatur, Soziologie und Wirtschaft zurückgreift.
Das neunte Kapitel trägt die Überschrift „Blutkreislauf“ und beginnt mit dem Satz: „In unserem Kopf tragen wir eine ganze Menge Ungeheuer mit uns herum.“ (Seite 94) Zu diesen Monstern zählt der Autor Gruselgestalten aus der Literatur des 19. Jahrhunderts wie Frankenstein, Nosferatu sowie den von Bram Stoker zum Monster hochstilisierten Dracula. Neu und vielleicht für manchen Leser überraschend ist jedenfalls die Sicht, das diese dem walachischen Herrscherhaus entlehnte Hauptfigur des Romans von Stoker, Schirrmacher zufolge, ein „Monster der Ökonomie“ sein soll. Das lässt aufhorchen. Mit der von der Ökonomie der Bank von England heraufbeschworenen bankenkritischen Literatur, die im 19. Jahrhundert von England aus auf dem Kontinent bekannt wurde, hatte der ursprüngliche Fürst der Walachei, Vlad Ţepeş, wohl wenig gemein.

„Er ist ein transsylvanischer Investor, der mit Kisten voller Devisen aus aller Welt reist, in London über einen beunruhigend großen und auf Kredit finanzierten Immobilienbesitz verfügt und die Rolle der ‚Bank of England‘ übernehmen möchte.“ So beschreibt Schirrmacher Graf Dracula, der in einem Schloss in den Karpaten residiert. Die damalige Zeit im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts war eine Zeit der wirtschaftlichen Krise wie wir sie gegenwärtig auch erleben. Die Parallele, die Schirrmacher hier zieht, handelt von den Geschöpfen, die diese Krise hervorbrachten oder eine herausragende Rolle spielten. Dracula reist in Stokers Buch nach London, „dem Finanzmittelpunkt der damaligen Welt“. Sein Vampir-System wird von Schirrmacher mit einem Unternehmen verglichen. Mir ist nicht bekannt, ob es überliefert ist, dass der echte Vlad Ţepeş bis London kam. Vlad, der Pfähler, hatte ein „System“ aufgebaut, um seine Feinde auszurotten und das hatte mit Blutvergießen zu tun. Wie uns die Geschichte der Walachei überliefert, ließ der Fürst Vlad Ţepeş, genannt Dracul, seine Feinde köpfen und auf Pfahlspitzen aufspießen. Die Metapher wurde von Bram Stoker, der wohl schon Frankensteins Monster kannte, verwendet, um den weltbekannten Roman „Dracula“ (1897) zu schreiben. Seit dessen Erscheinen wird diese Assoziation stets mit dem heutigen Transsylvanien hergestellt. Das England von 1890, als Stoker, selbst hochverschuldet, seinen Roman schrieb, hatte 250 Privatbanken. Es war der Anfang der Ökonomisierung des Denkens. „Ökonomische Agenten“ haben dies vorbereitet, zu ihnen gehörte auch Dracula, der als abschreckendes Monster ein System schaffte, dem sich die Menschen unterworfen haben. Die Fortsetzung dieses Systems ist für den Autor Schirrmacher die von ihm sogenannte „Nummer 2“, das Alter Ego des Menschen, der Computer, das sogenannte digitale Modell eines Menschen in den Algorithmen. Es ersetzt die Nummer 1, den eigentlichen Mensch, das eigene Ego – in der Zukunft.

Der Rechtsanwalt Jonathan Harker, eine der Hauptfiguren in Stokers Roman, reist nach Transsylvanien, um die finanziellen Angelegenheiten für seinen Mandanten, Graf Dracula, zu klären. Er ist ahnungslos als er in dem ihm unbekannten Land mit seiner Postkutsche eintrifft und in einem verlassenen Schloss in den Karpaten den merkwürdigen Hausherrn kennenlernt. Stoker selbst hat die Region nie bereist, er verfasste seine Reiseberichte von der Fahrt Harkers nach Siebenbürgen inspiriert von Tagebüchern, Reisebeschreibungen und vielleicht auch von der Legende des walachischen Grafen Ţepeş (1431-1476). Bram Stoker selbst kam auf seinen Reisen bis Budapest, aber nicht weiter. Seine Hauptfigur, Graf Dracula, reist jedoch nach London, um dort sein Unwesen als Blutsauger zu treiben. Das Buch mit dem Vampir Dracula ist doch eher eine Horrorgeschichte denn ein finanzpolitisches und ökonomisches Gesellschaftspanorama der englischen Klasse im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dracula bewegt sich in einem ökonomischen Kreislauf, er hatte ein System geschaffen, das das Monopol auf den Kreislauf beanspruchte. Der ökonomische Kreislauf, der begann, das Sein zu bestimmen, beanspruchte auch das „Blut des Menschen“, um seinen Kreislauf zu dominieren. So wurde daraus die Vampirgeschichte, eine Metapher auf die Finanzkrise, die Banker und Broker der Wallstreet in New York, die durch undurchsichtige Geschäfte auch die jüngste Wirtschaftskrise 2008 hervorgerufen haben.

Frank Schirrmacher stellt in seinem Buch „Ego. Das Spiel des Lebens“ eine Kreislaufparallele dar, die in der Gegenwart des digitalen Zeitalters mit den Computern, die fast jeder zu Hause hat, gelungen ist. „Damit das geschehen konnte, musste der Strom durch die elektronischen Adern des Computers fließen, und die Menschen mussten sich durch PC und Handy an den Kreislauf selbst anschließen.“, so Schirrmachers Schlussfolgerung. Zu dem herausgearbeiteten „System“ wurde der passende Mensch dazu „ausgedacht“ (S. 99): „Dieses große Sozialexperiment mit dem Menschen der Zivilgesellschaft begann zuerst mit der Automatisierung des Parketthandels der Finanzmärkte“ (S. 100). Die neue Ära begann. Ihre Vorbereiter waren zahlreich. Schirrmachers „Nummer 2“, das zweite Ego des Menschen, dem er auf dreihundert Buchseiten folgt, indem er anhand von historischen Stoffen, neuesten Forschungsergebnissen und Publikationen eigene Thesen entwickelt, ist das Alter Ego der sogenannten „Nummer 1“ – der Mensch. Dem „Zeitgeist-Surfer“ Schirrmacher ist es mit diesem Buch wieder einmal gelungen, alte Theorien zu bündeln und neue zu entdecken. Außer über Dracula erfährt man im Buch viele Details über die geheimen Netzwerke, die Machenschaften der Banker und der digitalen, globalen Vernetzung. Obwohl das Buch gespickt ist mit zahlreichen Namen von Wissenschaftlern, Soziologen, Ökonomen, liest es sich zeitweise wie ein Agententhriller aus britischer Schublade.

Katharina Kilzer


Frank Schirrmacher: „Ego. Das Spiel des Lebens“, Karl Blessing Verlag 2013, 352 Seiten, Preis 19,99 Euro; E-Book für 13,00 Euro; Hörbuch-CD, Verlag Random House Audio 2013, 13,99 Euro, ISBN: 978-3-89667-427-2.9
Ego: Das Spiel des Lebens
Frank Schirrmacher
Ego: Das Spiel des Lebens

Karl Blessing Verlag
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Schlagwörter: Buch, Dracula, Wirtschaft, Finanzen

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