28. Januar 2014

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Schweiz und Siebenbürgen – ein Zwillingspaar im Westen und Osten Europas

Als Journalist und Historiker aus der französischen Schweiz habe ich immer – noch bevor ich zu den Geheimnissen Siebenbürgens vorgedrungen bin – gedacht, es müsste eine gewisse Verwandtschaft zwischen der Schweiz und den Sieben Burgen geben. Oft geht einem die Wahrheit urplötzlich auf, eh man sich’s versieht.
Auf einem Streifzug durch die Gässchen der Hermannstädter Unterstadt betrat ich die Asyl-Kirche auf dem Hof des Altenheims und erfuhr zu meinem Erstaunen, dass die beiden Einrichtungen 1292 urkundlich erwähnt worden und seither ohne Unterbrechung „in Betrieb“ sind. Bei derselben Gelegenheit lernte ich, dass die Anwesenheit der Siebenbürger Sachsen seit 1185 dokumentiert ist, und machte mir bewusst, dass die Schweizer Eidgenossenschaft auf den „Ewigen Bund“ zurückgeht, den die Bauern von Uri, Schwyz und Unterwald 1291 geschlossen haben! Dabei rühmen wir Schweizer uns mit dem Alter unserer Institutionen. Ich verspürte den Wunsch, mehr zu erfahren, und erlebte erneut einen Schock, als mir gesagt wurde, dass der sächsische Name der Gegend, in der ich mich niedergelassen hatte – in einem Dorf in der Nähe Hermannstadts, am Fuß der Karpaten – Unterwald lautet. So viele Kilometer zurückzulegen, um aus einem Unterwald in den anderen zu gelangen, das ist fürwahr ein Treppenwitz der Weltgeschichte.

Aber was ich noch alles entdeckte! Mitte des 12. Jahrhunderts ruft ein magyarischer König Menschen aus dem Westen des Heiligen Römischen Reiches in die siebenbürgische Hochebene mit dem Ziel, das Gebiet – von den neuen Siedlern gerodet und urbar gemacht – zu einem Bollwerk gegen die Angreifer aus dem Osten und zu einem Wachposten für die Karpatenpässe zu machen. Und die deutschen Bauern werden von den politischen und wirtschaftlichen Vorteilen angelockt: Sonderrechte, freie Selbstverwaltung, Bodenzuteilung. Die Kirche in Rom leistet auch ihren Beitrag: Zisterziensermönche aus Burgund bauen neben Hermannstadt an der Einmündung zum Roten-Turm-Pass die herrliche Kerzer Abtei (1202). Fast zur gleichen Zeit (1211) gründen die rastlosen Ritter des Deutschen Ordens 100 Kilometer weiter östlich, in der Nähe zweier strategisch wichtiger Pässe, die den Weg zum Schwarzen Meer eröffnen, ihre Marienburg. Nichts anderes tun die Menschen seit 1200 in den Mittleren und Helvetischen Alpen: Die freien Bauern roden die Täler von Gotthard und Simplon sowie andere Gebirgspässe. Ein fieberhaftes Schaffen, das für den soliden Wohlstand spricht, der Eu­ropa ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung beschert.

Im Mittelalter schaffen sich die Schweizer und die Sachsen am Rande des Feudalsystems stabile republikanische Institutionen. Die Dörfer oder bäuerlichen Gemeinschaften hängen von den Städten ab, die ihrerseits von Patrizierfamilien regiert werden. Die Städte strukturieren den Hoheitsbereich der „Sieben Burgen“, die wir in der Schweiz Kantone genannt haben. Bis zu Napoleon nannte sich die Schweiz „Bund der Dreizehn alten Orte“. Gemäß typisch mittelalterlicher Mentalität wuchs ihnen eine protokollarische Gerichtsbarkeit zu: Hermannstadt, Kronstadt und Bistritz entsprechen Uri, Schwyz bzw. Unterwald.Das Zentrum von Mediasch mit der ...Das Zentrum von Mediasch mit der Margarethenkirche. Foto: Dudas Die in Zünften organisierten Handwerker und Kaufleute beherrschen das Wirtschaftsleben und entscheiden über die Außenbeziehungen. Die Lokalpolitik wird im Gemeinderat gemacht, die Landespolitik im Landtag, die demokratisch funktionieren. Eine eingehendere Besichtigung der Schwarzen Kirche in Kronstadt gewährt Einblick in die demokratischen Züge dieses Gemeinwesens. Schweizer wie Sachsen haben ein Patriziat, aber keinen Adel. Siebenbürgen ist jedoch komplexer als die Schweiz, wo die Ethnien in vier getrennten Gebieten leben, deren Grenzen seit der Zeit Karls des Großen nicht mehr verschoben worden sind. Die Sachsen hingegen beteiligen sich nach der Lösung der Probleme innerhalb der „Sieben Burgen“ neben den Vertretern des ungarischen Adels (Erdély) und der Szekler am siebenbürgischen Landtag. Das rumänische Siebenbürgen wird zu jener Zeit wegen seiner „schismatischen“ orthodoxen Religion im katholisch regierten Land nicht zum politischen Leben zugelassen. Für einen Schweizer ist diese gegenseitige Durchdringung und Verflechtung der Einwohner im multiethnischen Siebenbürgen nicht leicht zu verstehen.

Die Revolution, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Katholizismus in seinen Grundfesten erschüttert und den Protestantismus begründet, die Reformation, geht von Deutschland und der Schweiz aus (Luther, Zwingli, Calvin). Wenige Monate nachdem der siebenbürgische Landtag 1542 die Hoheit des Sultans anerkannt hat, überzeugt der Humanist Johannes Honterus von Kronstadt aus die Sachsen, dem Papst den Rücken zu kehren und Luther zu folgen – was sie in großer Geschlossenheit tun. Magyaren und Szekler hingegen bleiben zum Teil römisch-katholisch, ein anderer Teil wird calvinistisch oder unitarisch. An der Reformationsmauer in Genf steht der Name des siebenbürgischen Fürsten Stefan Bocskai. Die Schweizer Städte unterstützen die siebenbürgischen Protestanten durch Stipendien für Studenten. Allerdings – und hier liegt der große Unterschied zwischen den beiden Ländern – verhindert ein Toleranzbeschluss der im Landtag vertretenen Stände, dass Siebenbürgen die Schrecken von Religionskriegen erleben muss wie die Schweiz, Deutschland und Frankreich. Um sich einen Eindruck zu verschaffen von den tiefgreifenden religiösen Veränderungen zum Ende des Mittelalters in Siebenbürgen und dem Drama, das die Reformation für den katholischen Bischof von Weißenburg bedeutet hat, muss man sich vor Augen halten, dass allein in den von Sachsen bewohnten Gebieten an die 240 mit Ringmauern befestigte Kirchen/Kirchenburgen evangelisch geworden sind. Erbaut zumeist von den zunächst römisch-katholischen Siedlern wie jene in Kerz oder Mühlbach, sind sie nach dem großen Tatareneinfall von 1241 befestigt und dann mit gotischen und barocken Elementen geschmückt worden; zahlreiche Altäre und Orgeln stammen aus dem 18. Jahrhundert. Diese Kirchen, die seit dem massiven Exodus der Sachsen in der Mehrzahl verlassen sind, stellen einen kolossalen architektonischen und religiösen Schatz Rumäniens dar. Leider ist er bedroht.

Besonders fasziniert mich an der Ähnlichkeit zwischen der Schweiz und Siebenbürgen, dass diese beiden Länder nie eigentlich deutsch gewesen sind. Die Deutschländer, die sich zum Deutschland der Angela Merkel zusammengefunden haben, grenzten an die Schweiz, Österreich (mit Ausnahme der Nazizeit) und Siebenbürgen. Westliches und östliches Deutschtum. Es reicht von Genf bis Kronstadt. Als ich nach Hermannstadt kam, eine ehemals deutschsprachige Stadt, die jetzt Rumänisch spricht, war ich verblüfft von einer typisch deutschen, etwas schwerfälligen Architektur, die mich sofort an Lausanne erinnerte, die französischsprachige Stadt, die im Lauf der Geschichte vom Kanton Bern aus kolonisiert wurde.

All diese Parallelen lassen sich argumentativ untermauern. Für die Schweiz im Herzen Westeuropas auf der Achse zwischen Mittelmeer und Nordsee war der Bestand jener winzigen eurasischen Halbinsel ein Geschenk des Himmels. Dennoch sind die beiden Länder bis zu Napoleon im Gleichmaß durch die Jahrhunderte gekommen. Ein jedes mit seinen Eigenheiten: Während Siebenbürgen stets ein Mosaik der Völker und Religionen war, blieb die Schweiz bis zu Napoleon deutsch. Die Französisch oder Italienisch sprechenden Einwohner wurden erst 1815 eingebürgert. Danach trennten sich die Wege der beiden Länder. Das heftige Erwachen des Nationalbewusstseins machte Bevölkerungsgruppen (Magyaren, Sachsen, Rumänen) zu Feinden, die bis dahin in mehr oder minder gutem Einvernehmen auf gemeinsamer Scholle gelebt hatten, ohne sich allzu heftig in die Quere zu kommen. Es musste erst zu den nationalistischen und kriegerischen Schrecken des 20. Jahrhunderts kommen, ehe ein großer Teil der Magyaren und fast alle Deutschen Siebenbürgen verließen. Dieser Wahnsinn steht auch heute noch einem Föderalismus im Weg, durch den sich die Schwierigkeiten der Koexistenz von Rumänen und Magyaren beheben ließen.

Auf ihrem Weg in die Moderne hat sich die postrevolutionäre Schweiz nach einem halben Jahrhundert zögerlichen Abtastens 1847 einen Bürgerkrieg mit politischem und religiösem Hintergrund „gegönnt“, in dem die radikalen protestantischen Fortschrittskräfte der Städte gesiegt haben. Nationalistisch gesinnt wie alle Welt zu jener Zeit, sahen sie klugerweise davon ab, die Besiegten, die katholische und konservative Landbevölkerung zu demütigen. Sie hatten sogar die Eingebung, gemeinsame mythische Vorfahren zu erfinden, weder Bauern noch Städter, weder katholisch noch protestantisch, sollen sie weder Deutsch noch Französisch gesprochen haben, geschweige denn Italienisch. So kam es, dass ich in der Schule lernte, meine in Tierfelle gekleideten Vorfahren hätten in Pfahlbauten an den Ufern von Seen gelebt. Das passte wunderbar, denn die Schweiz mag zwar für ihre Berge berühmt sein, aber sie hat auch 1400 Seen. Irgendwie schade, dass es nicht auch in Siebenbürgen Pfahlbausiedlungen gegeben hat.

Gérard Delaloye

(Aus dem Französischen von Georg Aescht)

Schlagwörter: Siebenbürgen, Schweiz, Geschichte

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