23. April 2014

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Etymologischer Spaziergang (2)

Mein Freund und Klassenkamerad Dr. Hans Hager, Kinderarzt in Köln, mit dem ich in Hermannstadt von der Volksschule an bis zum Bakkalaureat in die Schule gegangen bin, hat mich kürzlich angerufen, um mich nach der Etymologie des in unserer Mundart geläufigen Wortes „Stanitzel“ zu fragen, die er im einschlägigen Lexikon von Duden als unbekannt und im „Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache“, das nach Friedrich Kluge, dem Bearbeiter der ersten Ausgabe (1881), auch „der Kluge“ genannt wird, gar nicht hatte finden können.
Ich konnte vorerst nur sagen, dass dieses Wort mit der Bedeutung „Papiertüte“ (Schriftdeutsch) in den bairischen und österreichischen Mundarten mit der gleichen Bedeutung wie in unserer Mundart gebraucht wird und dass ich einen böhmischen Ursprung vermute. – Ich machte mich auf die Suche, fand auch im neu aufgelegten etymologischen Lexikon der Edition Kroner keine Erwähnung, wurde aber im Grimmschen „Deutschen Wörterbuch“, dem „Grimm“, fündig: Das Wort Stanitzel (österreichisch) oder Starnitzel (bairisch) leite sich von italienisch carnuccio ab, das über Scharnitzel zu Sta(r)nitzel geworden sei.

Mein Freund Dr. Giuseppe Dolei, Germanistik-Professor in Catania/Sizilien, den ich telefonisch befragte, kannte das Wort carnuccio nicht, fragte mich aber nach den im Grimm verzeichneten Quellen des Wortes, und da stand, dass das Wort im Florentinischen des 17. Jahrhunderts dokumentiert sei. Er zog in der Uni-Bibliothek das Grande Dizzionario de la Lingua Italiana, Turin, zu Rate und fand dort das Wort carnuccio als „außer Gebrauch“, mit der Bedeutung „kleiner Behälter (auch Glas) für Pulver, auch Schießpulver und für Flüssigkeiten“, etymologisch im Italienischen ungeklärt.

Jetzt hätten wir die Etymologie von „Stanitzel“ im Siebenbürgisch-Sächsischen aus dem Österreichischen entlehnt. Die Richtigkeit der Ableitung carnuccioStanitzel finde ich noch erhärtet durch die Version „Schkarnutz“, die meine aus Kärnten stammende Mutter öfters anstelle des üblichen „Stanitzel“ verwendete.

Wir erinnerten uns, vom „Stanitzel“ angeregt, dass in unserer Kindheit die Greislerin in der Hermannstädter Wiesengasse (Grimm: Greißlerist die Bezeichnung für einen Viktualienhändler) Frau Hanusch hieß und dass sie die Stanitzel „im Handumdrehen“ aus einem quadratischen Packpapier konisch drehte, das im Stapel, auf einen „Spagat“ (Bindfaden) aufgefädelt, an einem Nagel in ihrem Geschäftchen hing: blauviolettes Packpapier, zur linken Hand, für Weißmehl, „Kukuruzmehl“, Grieß oder Zucker.

Herrlich, dass so frühe Erinnerungen, nur durch ein Wort angetippt, noch nach mehr als achtzig Jahren aus der Tiefe auftauchen können!

Roland Phleps


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Schlagwörter: Etymologie

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