15. Dezember 2014

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Gedenktage 2014 aus der siebenbürgisch-sächsischen Musik

Auch in diesem Jahr standen einige siebenbürgisch-sächsische Musiker – Komponisten, Interpreten, Musikpädagogen, Musikwissenschaftler – auf der Gedenkliste, und wieder fällt auf, dass wir im Element Migration – wie überhaupt in der siebenbürgischen Musikgeschichte – ein durchgängiges Merkmal zu sehen haben. So zählen wir zu den Protagonisten des Musiklebens in Siebenbürgen und der siebenbürgischen Musikgeschichte nicht nur die gebürtigen Siebenbürger, deren zentraler musikalischer Wirkungsbereich sich in ihrer Heimat abspielte (nachdem sie von ihrem Studium im westlichen Ausland zurückgekehrt waren), sondern auch diejenigen, die in Siebenbürgen geboren wurden, ihre Karriere aber früher oder später ins Ausland (nach Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Ungarn, Rumänien oder Amerika) verlegten, genauso wie auch diejenigen, die aus deutschsprachigen Gebieten Zentral- und Osteuropas (Deutschland, Österreich, Zips, Böhmen, Slawonien oder Dalmatien) nach Siebenbürgen kamen, sich hier innerhalb eines überraschend gut aufgestellten, lebhaften, vielgestaltigen, intensiven und anregenden Musiklebens ihr Wirkungsfeld aufbauten und – wie der aus dem nordböhmischen Aussig stammende Hermannstädter Organist, Dirigent und Komponist Franz Xaver Dressler zu formulieren pflegte – „zu Siebenbürger Sachsen wurden“. Freilich gingen von den Eingewanderten ihrerseits zu allen Zeiten – bis nach Kriegsende 1945 – entscheidende neue Impulse aus, sie brachten „frischen Wind“ nach Siebenbürgen.
Die diesjährigen Gedenktage führen uns wieder die Tatsache des Musikers als „wanderndes Wesen“ vor Augen, denn wieder sind unter den Musikern, an die wir in diesem zu Ende gehenden Jahr ehrend und dankbar zurückdenken, alle erwähnten Spielarten vertreten.

Anna Simonis, geboren am 17. November 1832 in Hamruden bei Reps, gestorben am 10. Januar 1914 in Paris, erhielt ersten Klavierunterricht von ihrem älteren Bruder Georg, danach vom Organisten in Deutsch-Kreuz. Sie erregte elfjährig mit ihrem Klavierspiel zunächst in der näheren Umgebung, ab 1847 auch in Bukarest Aufsehen. Als Insassin eines Bukarester Pensionats für Bojarentöchter wurde sie im Klavierspiel weitergebildet. Sie heiratete 1849 den türkischen Generalgouverneur in Bukarest, den späteren siegreichen Feldmarschall im russisch-türkischen Krieg, Omer Pascha. Von Wiener Lehrern erhielt sie in Bukarest weiteren Klavierunterricht. 1852 ließ sie sich mit ihrem Mann in Konstantinopel nieder. Nach einem Zerwürfnis verließ sie ihn und ging nach Paris, wo ihr jüngerer Bruder, Johann, beim Klavierbauer Erard arbeitete. Sie heiratete Otto Baron von Braunecker, einen magyarisierten Adligen aus dem Banat. Nach dessen Tod lebte sie für ihre sechs Kinder und ihre Kunst als Pianistin. Sie wurde bekannt als Klavierlehrerin und Komponistin.

Josef Eisenburger, geboren am 8. August 1864 in Schäßburg, gestorben am 4. November 1929 in Bistritz, war ein Nachkomme des namhaften Schäßburger Bürgermeisters Martin Eisenburger. Seine umfassenden musikalischen Kenntnisse als Komponist erwarb er sich autodidaktisch. Er wirkte als Turn- und Musiklehrer an der Bistritzer Mädchenschule und als Turnwart des Bistritzer Turnvereins, wurde bekannt durch die Einführung der rhythmischen Gymnastik, als Förderer des Bistritzer Musiklebens und nicht zuletzt durch seine Kompositionen. Er schrieb Lieder für Singstimme und Klavier, Mundartlieder im Volkston, Musik zu gymnastischen Reigenaufführungen, Tänze und Märsche. Sein größter Erfolg wurde der Märchenreigen „Die Wundergeige“ mit hunderten von Aufführungen in allen siebenbürgischen Städten und vielen Dörfern, was ihm die Apostrophierung „Siebenbürgischer Anzengruber“ eintrug. Musikalische Volksstücke aus seiner Feder sind „Der Dorfdrachen“, „Heimgekehrt“, „Im Schweiße deines Angesichts“ und „Der Amerikaner“. Eisenburger gab auch zwei Hefte mit Kinderliedern nach Richard Dehmel unter dem Titel „Muttertändelei“ heraus.

Erich Müller von Asow wurde am 31. August 1892 in Dresden geboren, er starb am 4. Juni 1964 in Berlin. Nach seinem Studium der Musikwissenschaft in Leipzig nahm er Tätigkeiten als Regisseur und Musikkritiker in Leipzig, Dresden und Berlin auf, wonach er Dozent und Direktor am Pädagogium der Tonkunst und Leiter der Musikabteilung am Mitteleuropa-Institut in Dresden wurde. Ab 1945 lebte er als freier Musikwissenschaftler in Berlin, wo er das Internationale Musiker-Brief-Archiv gründete und leitete und sich als Musikpublizist und Lexikograph einen Namen machte. Von 1926 bis Kriegsbeginn hielt er sich wiederholt in Siebenbürgen auf, um musikhistorische Forschungen zu betreiben. Er publizierte eine Anzahl von Aufsätzen zur siebenbürgischen Musikgeschichte.

Fritz Schuller, geboren am 30. Januar 1894 in Michelsberg bei Hermannstadt, gestorben am 5. November 1939 in Brenndorf bei Kronstadt, beigesetzt auf dem Hermannstädter Zentralfriedhof, war Pfarrer, Dichter und Liederkomponist. Er studierte Theologie in Marburg, Leipzig, Wien und Zürich. Als Pfarrer in Hermannstadt, Leschkirch, Reußmarkt und Brenndorf war er wegen seiner Rednergabe beliebt und geschätzt. Einem weiteren Umkreis aber wurde er durch seine anrührenden und z.T. humorvollen Gedichte und volkstümlichen Lieder auf eigene Mundarttexte bekannt. Die Lieder verbreiteten sich in ganz Siebenbürgen, einige wurden wie Volkslieder gesungen und sind der mittleren und älteren Generation noch heute geläufig, wie beispielsweise „Bäm alde Kirschbum“ oder „Der Burchbärch äs mät Blome vol“.

Friedrich Edler von Bausznern wurde am 2. Dezember 1891 als Sohn des Komponisten mit siebenbürgischen Wurzeln Waldemar Edler von Baußnern in Mannheim geboren. Er starb in Bad Nauheim am 15. Dezember 1964. Nach seinem Studium der Theologie, Philosophie, Mathematik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Marburg, Jena und Danzig wurde er Pfarrer im ostpreußischen Rastenburg, danach Dozent für Hymnologie und Kirchenmusik in Stolzenberg in Pommern, zuletzt Seelsorger und Geistlicher in Schleswig, Neumünster und Rockenberg. Er war sehr aktiv in der Volksliedpflege und im Rahmen der „Meißnertage“ (auf dem Hohen Meißner bei Kassel) und gab Volkslieder und geistliche Lieder heraus.

Victor Bickerich, am 23. Februar 1895 in Lissa in der Provinz Posen (heute Leszno/Polen) als Sohn eines Predigers, Kirchenhistorikers und Schriftstellers geboren, gestorben am 18. Mai 1964 in Kronstadt (Siebenbürgen), stammte er aus einer herausragenden Pastorenfamilie Lissas. Er studierte an der Universität und an der Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin. Sein Orgellehrer war der berühmte Fritz Heitmann. Bickerich begann seine musikalische Laufbahn als Kantor und Organist an der Kreuzkirche in Lissa und als Musiklehrer am dortigen deutschen Gymnasium. 1921 wurde er auf seine Bewerbung hin vom Kronstädter Presbyterium als Nachfolger Rudolf Lassels in das Amt des Organisten, Musikdirektors und Gymnasialmusiklehrers der Evangelischen Stadtpfarrgemeinde in Kronstadt (Siebenbürgen) gewählt. Er trat diese Ämter im April 1922 an, worauf ihn auch der Kronstädter Musikverein noch im selben Jahr zu seinem Chormeister berief. Bickerich baute den seit dem Tode Lassels verwaisten Schülerkirchenchor (einen Knabenchor) neu auf und unternahm mit ihm Konzertreisen, auch Auslandstourneen. In der Kronstädter Schwarzen Kirche veranstaltete er regelmäßige „Motetten“, die nach einem Jahr die Bezeichnung „Abendmusiken“ erhielten. In den Nachkriegsjahren, nach der vom neuen rumänischen Regime erzwungenen Auflösung des Knabenkirchenchors wurden die Abendmusiken durch die heute noch existierenden sommerlichen Fünf-Uhr-Konzerte ausschließlich mit Orgelmusik ersetzt. Bereits 1924 dirigierte Bickerich in Kronstadt als südosteuropäische Erstaufführung die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Als Verehrer Bachs gründete er 1933 den Kronstädter „Bach-Chor“, mit dem er große Vokalwerke aufführte. 1935 leitete er auch die denkwürdige Bukarester Erstaufführung der Bachschen Passion und veranstaltete das erste „Siebenbürgische Bach-Fest“. Mit Mozarts Requiem ging er 1937 auf eine große Deutschlandtournee. Als Nachfolger von Paul Richter übernahm Bickerich 1935 zusätzlich die Leitung des Kronstädter Philharmonischen Orchesters. Zugleich unterrichtete er ab 1928 am Städtischen Konservatorium. 1962 zog er sich nach einer Aufführung der Matthäus-Passion von Heinrich Schütz aus dem Konzertleben zurück. Bickerich war nicht nur die musikalische, sondern auch eine geistige Autorität Kronstadts. Seine universelle humanistische und umfassende künstlerische Bildung, Intelligenz und Kunstverstand sowie geistiger Anspruch, sein inneren Gesetzen folgendes, auf Genauigkeit, Gründlichkeit und Ernst gerichtetes künstlerisches Wollen und eine gewissermaßen über seiner Musikernatur stehende, auf das Geistige konzentrierte Grundhaltung machten ihn zugleich zu einer starken Erzieherpersönlichkeit. Er förderte und prägte – mit Ausstrahlungen in das rumänische Altreich – entscheidend das Musikleben seiner Wahlheimat. Die kirchenmusikalische Praxis in Kronstadt hatte durch ihn ein bis heute nicht übertroffenes künstlerisches Niveau erreicht. Auch trat er im Sinne der Berneuchener Bewegung für eine musikalische Neuordnung des Gottesdienstes ein. Kompositionen sind nur wenige von ihm überliefert. Von seinen zahlreichen musikhistorischen Vorträgen sind einige in schriftlicher Form erhalten, darunter eine Geschichte der Orgelmusik in Siebenbürgen, eine Studie über siebenbürgische Orgeln, eine Geschichte des Kronstädter Musiklebens und eine Biographie Paul Richters. Das Musikleben Kronstadts und ganz Siebenbürgens hat ihm vieles zu danken. Im Bereich der oratorischen Musik, vor allem derjenigen Bachs, ist ihm auch das rumänische Musikwesen verpflichtet.

Ella Nikolaus, geboren als Tochter des Mediascher Musikvereinsleiters, Musiklehrers, Dirigenten und Komponisten Andreas Nikolaus (1879-1948) am 31. Dezember 1904 in Weidenbach bei Kronstadt, studierte Gesang an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Wien, begann ihre Solistenkarriere am Deutschen Landestheater in Hermannstadt, setzte sie erfolgreich als Mitglied des Stadttheaters Würzburg fort und folgte schließlich ihrem Mann, dem aus Schäßburg stammenden Sänger Hans Markus an die Bayerische Staatsoperette nach München, wo sie große Erfolge in den klassischen Operetten feierte. Ab 1947 sang sie aufgrund von Gastspielverträgen in Köln und ab 1951 in Düsseldorf.

Grete Lienert-Zultner wurde am 28. Dezember 1906 in Malmkrog bei Schäßburg geboren, sie starb am 1. April 1989 in Traunreut (Bayern). Ihr Leben und ihr Lebenswerk als Komponistin und Dichterin waren vorwiegend dem Volksgesang, der Liedpflege, dem Brauchtum und der volksnahen dramatischen Gattung gewidmet. Sie kam früh mit dem ländlichen Brauchtum, mit Musik, Volkslied und Dichtung in Berührung, im Elternhaus wurde viel gesungen, sie erhielt Gitarrenunterricht, besuchte die Volksschule in Schellenberg, anschließend die Bürgerschule in Hermannstadt, danach die Lehrerinnenbildungsanstalt in Schäßburg. Hier erhielt sie Klavier- und Violinunterricht. Ihre Musiklehrer waren Persönlichkeiten des siebenbürgischen Musiklebens. Ihr Berufsleben als Lehrerin begann 1925 in Waldhütten, im Jahr darauf finden wir sie in Neithausen, 1942 ging sie nach Neustadt, die kommunistische Zeit verbrachte sie als staatlich angestellte Lehrerin in Denndorf, Schaas und schließlich in Schäßburg. Beliebt war sie besonders als Leiterin von Musizier- und Singgruppen sowie als Betreuerin von volkstümlichen, mit Gesang durchwirkten Theaterauffürungen. In Schäßburg war sie Mitbegründerin des dortigen „Kammerchors“, leitete einen Kirchenchor und brachte Laienspiele auf die Bühne. Vorher schon hatte sie eine eigene Singgruppe um sich versammelt, die Vorläuferin des Kammerchors. Die Gruppe trat unter Lienerts Leitung des Öfteren auch in der Deutschen Stunde des rumänischen Fernsehens auf. 1978 wanderte Gretchen Lienert – wie sie im Volksmund immer noch hieß – mit ihrem Mann und ihren drei Kindern nach Deutschland aus: Es war die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Aber auch in der neuen Heimat wurde sie mit ihren Liedern, Gedichten und Theaterstücken in die Mitte ihrer siebenbürgischen Landsleute gerufen. Im oberbayerischen Traunreut übernahm sie die Leitung des Siebenbürgischen Chors und gestaltete Feierstunden mit Gesang und Gedichtvorträgen. Sie hat der Nachwelt eine große Zahl volksnaher Mundartlieder, Gedichte, Theaterstücke (Volksstücke in der Mundart) und Singspiele hinterlassen. Ihre bekanntesten Lieder sind: „Himetgemin äm Owendrit“, „Der Owend kit erun“, „Medchen mät de Kirschenujen“, „Do derhim blähn de Valtcher“, „De Astern blähn insem äm Gärtchen“, „Det Frähjohr kit än de Weden“, „Angderm Wängert“ „Ställ uch fridlich“, „Iwer de Stappeln“. Im GIMA-Musikverlag in Stadtallendorf publizierte sie 1983 De Astern uch ander Liedcher, im Selbstverlag erschienen 1986 Der Owend kit erun uch ander Liedcher und 1987 der Gedichtband Wachsen, blühen, reifen sowie „Wat u menjem Wiej gebläht“, Lieder und Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Zahlreiche Lieder von Lienert-Zultner wurden in anthologische Lieder- und Chorbücher aufgenommen. Vielfach werden auch ihre Lieder wie anonyme Volkslieder gesungen. Mundartgedichte von ihr vertonten Hans Mild und Carl Reich. Die rumänische Schallplattenfirma Electrecord in Bukarest brachte unter der Leitung des Schäßburger Musiklehrers, Geigers und Dirigenten Paul Schuller Lienert-Lieder unter dem Titel „Siebenbürgisch-sächsische Lieder in volkstümlichem Stil“ heraus. Die Aufnahme ist inzwischen auch auf CD erschienen. In Köln ist eine Schallplatte unter dem Titel „Angderm Lirber saß ech ist“ gepresst worden, die u.a. mehrere Lieder von Lienert bringt. Einige Lieder erlebten Rundfunkaufnahmen, etwa beim Bayerischer Rundfunk 1982 unter der Bezeichnung „Siebenbürgische Volkslieder“.

Otto Eisenburger, als eines von zwölf Kindern des Josef Eisenburger (siehe oben) am 25. August 1908 in Bistritz geboren, gestorben am 24. Juni 1989 in Bad Kissingen, gehörte jener Generation an, die berufen war, dem siebenbürgischen Musikleben bodenständige, beruflich hochqualifizierte führende Kräfte zu schenken. Der Krieg und die darauffolgenden Verhältnisse im kommunistischen Rumänien machten jedoch dem auf manchem Gebiet einsetzenden Neubeginn ein vorzeitiges Ende. So begann Eisenburger – er hatte als Stipendiat der Siebenbürgischen Landeskirche von 1928 bis 1932 Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität Leipzig, Orgel, Klavier, Chorleitung, Orchesterdirektion und Komposition am Leipziger Kirchenmusikalischen Institut und an der Leipziger Musikhochschule bei berühmten Lehrern studiert – nach einjähriger Berufstätigkeit als Kirchenmusiker in Allenstein (Ostpreußen) und als Mitglied der Leipziger Konzertkantorei von Kurt Thomas, eine äußerst erfolgversprechende siebenbürgische Laufbahn als Dirigent und Musikdirektor in Schäßburg und bald darauf in Hermannstadt. Der Krieg entriss ihn seiner Heimat. Es folgten 1940 und 1941 Gastdirigate bei den Wiener Symphonikern und zahlreiche Konzertreisen als Klavierbegleiter. Kurze Zeit war er einer von vier „Kapellmeistern“ (Einstudierern) der Wiener Sängerknaben, ging dann 1941 als Korrepetitor und Kapellmeister an das Opernhaus in Graz, wurde 1942 Assistent des Chordirektors an der Wiener Staatsoper, hielt sich 1943 als Kapellmeister in Den Haag auf und war dann zwei Jahre Chordirektor und Kapellmeister der Städtischen Bühnen in Magdeburg. Nach dem Krieg nahm er die Stelle des musikalischen Oberleiters der Volksoper in Dresden an. Hier war er auch Gastdirigent der Philharmonie. Ein längeres Wirken als Generalmusikdirektor, Opernchef und Leiter der städtischen Symphoniekonzerte in Klagenfurt, danach in Lübeck schloss sich an. Aus Glaubensgründen wandte er sich 1960 vom Konzert- und Opernbetrieb ab, stellte sich als Zweiundfünfzigjähriger einer Prüfung für Kirchenmusiker (Staatsexamen für Kirchenmusiker an der Musikhochschule Lübeck) und wurde 1961 Stadt- und Bezirkskantor sowie Organist in Bad Kissingen und Schweinfurt. Als solcher bestritt er neben dem Kirchendienst vielbeachtete Geistliche Abendmusiken, führte große kirchenmusikalische Werke auf, gab Orgelabende, war auch pädagogisch tätig und stand der Kissinger Sängervereinigung als Chormeister vor. Ein besonderes Anliegen bedeutete ihm, die Jugend „immun zu machen gegen die Verführungen der Schnulze im christlichen Gottesdienst“, und er trat für die Fortführung und Erneuerung der tradierten geistigen und ästhetischen Grundlagen des Musikschaffens ein. Im Ruhestand wirkte er als Musikkritiker, Vortragender und Mitglied mehrerer Gesellschaften und Institute. An der Gründung der Musiksektion des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde und der Gründung des Arbeitskreises für Südostdeutsche Musik nahm er mit regem Interesse teil.

Kurt Mild kam am 24. Januar 1914 in der Dorfgemeinde Leschkirch bei Hermannstadt zur Welt. Er starb am 19. November 2008 in Holle. Sowohl in seiner Heimat als auch über sie hinaus und nicht nur in Fachkreisen war er als Organist, Cembalist, Chorleiter und Dirigent als einer der herausragendsten Musiker Siebenbürgens und Rumäniens bekannt. Mild besuchte zunächst das Hermannstädter Brukenthal-Gymnasium, war Mitglied des Brukenthal-Chors, nahm Klavier- und Orgelunterricht, worauf er an den Musikhochschulen in Leipzig und Berlin studierte. In Deutschland begann er eine vielversprechende Laufbahn als konzertierender Organist und Cembalist. Bei Publikum und Presse erntete er von Anfang an Lob und Anerkennung. Nach Siebenbürgen zurückgekehrt, erhielt er 1940 die Stelle des Musikdirektors im größten, nach österreichischem Vorbild gegründeten und geführten, auf klassische und zeitgenössische sinfonische, chorische und instrumental-vokale Musik spezialisierten Hermannstädter Musikvereins. So konnte er, einem inneren Bedürfnis folgend, Oratorien und andere große geistliche Werke aufführen. Zwischendurch konzertierte er in Siebenbürgen und Deutschland, darunter als Solist des damals namhaftesten Berliner Kammerorchesters von Hans von Benda. Ein wieder anders geartetes Engagement galt den 1940 von ihm ins Leben gerufenen und geleiteten „Museumsmusiken“ im Hermannstädter Brukenthal-Palais, mit denen er eine herausragende Stätte von überregionaler Bedeutung zur Pflege alter Musik, vor allem derjenigen Johann Sebastian Bachs schuf. So gehörte auch Mild in die Reihe der leitenden siebenbürgischen Musiker, die in den zwanziger bzw. dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen, das Musikleben Siebenbürgens aus eigenen Kräften weiterzuentwickeln. Kaum aber hatten sie ihr Werk in Gang gebracht, mussten sie erleben, wie das eigenständige siebenbürgische Musikleben durch Krieg und Kriegsfolgen zusammenbrach. Einige Musiker sahen sich vorher schon gezwungen, das Land zu verlassen, oder scheuten sich, nach Aufenthalten in Deutschland in das kommunistische Nachkriegsrumänien zurückzukehren. 1942 reiste Mild nach Berlin, um im Auftrag des Berliner Rundfunkhauses in der Eosanderkapelle des Schlosses Charlottenburg auf der berühmten Arp-Schnitger-Orgel das Gesamtorgelwerk von Johann Sebastian Bach vorzuführen und auf Tonträger einzuspielen. Kriegsbedingt musste das Unternehmen nach dem achten Konzert abgebrochen werden. Nach dem Krieg musste Mild die politische und gesellschaftliche Situation im kommunistischen Rumänien über sich ergehen lassen, konnte dann aber doch im neuen Musikgeschehen Rumäniens Fuß fassen und sich etablieren: Seit 1945 leitete er wieder Aufführungen und konzertierte in Hermannstadt und anderen siebenbürgischen und rumänischen Orten. Dann wurde er Opernchormeister in Klausenburg und übernahm schließlich den ersten, an der Staatlichen Musikhochschule in Klausenburg eingerichteten Lehrstuhl für künstlerisches Orgelspiel. Als konzertierender Organist und Cembalist sowie als Dirigent brachte er eine große Zahl von Vokal- und Kammermusikwerken des Barock, darunter auch Opern, zur Erstaufführung und tätigte auch Uraufführungen aus der zeitgenössischen und alten Musik. Seinen innigsten Wunsch aber, wieder Messen, Passionen und Oratorien aufzuführen, konnte er sich in dem neuen Staat, in dem Aufführungen geistlicher Musik geächtet oder verboten waren, nicht erfüllen. Als Sechsundfünfzigjähriger siedelte er mit Frau und Sohn nach Deutschland aus und setzte als Chordirektor am Stadttheater Koblenz und als Kantor in Koblenz-Lay noch jahrelang seine erfolgreichen Tätigkeiten fort, wobei er sich nun auch wieder frei und ungehindert der Kirchenmusik widmen konnte. Als Rentner zog er sich nach Hillscheid zurück, konzertierte noch eine Zeitlang als Organist und Leiter seiner Kantorei in Koblenz-Lay und widmete sich musikwissenschaftlich dem Werk Johann Sebastian Bachs. In Rumänien waren sein Name, seine siebenbürgische Wirkungsgeschichte und seine Tonaufnahmen wegen seiner Auswanderung in Ungnade gefallen. Ein Jahr aber nach der politischen Wende in Rumänien dirigierte er ein Festkonzert in Klausenburg, die dortige Musikakademie verlieh ihm 1997 den Titel eines Doctor honoris causa, nachdem er vier Jahre zuvor zum Ehrenbürger der Stadt gewählt worden war. Mild hat also im Laufe seiner Karriere nicht nur unzählige, erfolgreiche und neue Maßstäbe setzende Konzerte als Solist, Dirigent und Kammermusiker bestritten, er hat prägend und in die Zukunft gewirkt, hat als Erster in Siebenbürgen und Rumänien die bis dato unbekannten Erkenntnisse, Prinzipien und Gesetze in der Aufführungspraxis der Barockmusik vermittelt und damit eine Lücke in der musikalischen Interpretation geschlossen.

Karl Teutsch

Schlagwörter: Musik, Gedenktage

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