9. April 2015

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Zum Buch „Notizen eines Ruhelosen“ von Hans Bergel

Der im Juli dieses Jahres 90 Jahre alte Hans Bergel veröffentlichte in den letzten vier Jahren, seit 2011, acht Bücher. Für 2015 sind weitere angesagt, dazu Neuauflagen und Übersetzungen. Als eines der interessantesten darf der fast 1000 Seiten umfassende, vor kurzem im Berliner Frank & Timme Verlag erschienene Band „Notizen eines Ruhelosen. Tagesaufzeichnungen 1995-2000“ bezeichnet werden. Neben den Romanen „Der Tanz in Ketten“, „Wenn die Adler kommen“ und „Die Wiederkehr der Wölfe“, die 2015 alle als Neudruck erscheinen werden, ist es zweifellos eines der wichtigsten Bücher in Bergels bisherigem Gesamtwerk.
Die „Notizen eines Ruhelosen“ entstanden als Tagebuchstenogramme über weite Strecken parallel zu den Epen „Wenn die Adler kommen“ (1996) und „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006), zu Erzählungen- und Essay-Bänden, einem Brief-Band und einem noch unveröffentlichten Novellen-Zyklus. Hinzu sind wegweisende Nachworte und journalistische Texte zu zählen. Stellt man die Reisen und Lesetourneen der Jahre 1995-2000 in Rechnung, ergibt sich ein Bild der Arbeitslust und Arbeitskraft, der nicht nachlassenden Vitalität dieses Autors selbst in fortgeschrittenem Alter.

Die „Notizen“ sind das persönlichste Dokument, das es bisher von und über Hans Bergel gibt. Der Schriftsteller steht nicht verschlüsselt in Roman und Erzählung vor uns. Er spricht als Privatmann über sich. Zum beachtlichen Wissenstableau und enzyklopädischen Überblick kommt auch hier das oft vermerkte stilistische Können. Wer sich den z.T. abenteuerlichen Lebenslauf dieses Mannes vergegenwärtigt – Rumäniens große Ana Blandiana nannte ihn „renaissancehaft“ –, wird die Vielfalt und die gedankliche Eigenwüchsigkeit der Aufzeichnungen erahnen können. D.h. Bergel äußert sich über seine umfangreichen Lektüren, über Afrika-, Amerika-, Israel- und andere Reisen, über den Ideenaustausch mit Freunden in der halben Welt – mit Forschern, Künstlern, Entdeckern, Philosophen –, über die häufigen Italien-Aufenthalte, über Religion und Politik, Literatur und immer wieder über Musik. All dies bietet ihm Anlass zu Momentaufnahmen bald in zwei, drei, bald in zwanzig Sätzen, einmal temperamentvoll offensiv, dann wieder kühl und distanziert, ironisch und selbstironisch. Neben den großen Themen reizen ihn der Wilde Wein an einer Wand seines Hauses in Oberbayern, die Zypresse vor seinem Bungalow in Norditalien, der Phlox und die Azalee im Blumenbeet unter dem Fenster zur Notiz. Bei alldem wirkt die Sprache als Präzisionsinstrument der Erfassung des Kerns der Erscheinungen, und die Pointe wird zum Blitz unvermuteter Erhellungen. Wie überhaupt die unerwartete Schlussfolgerung zum Genuss der Lektüre dieses bemerkenswerten Buches gehört.

l ... Gemeinsam sind allen Notizen die knappe Feststellung und die ebenso knappe Ableitung. Ob es sich um seine Einschätzung des Verhaltens deutscher Intellektualität zu Ernst Jünger, um die Philosophie Jürgen Habermas’, die Romane Andre Malreaux‘, um die afrikanische Sternennacht unter dem Kreuz des Südens, die Begegnung mit dem Elch im kanadischen Highland, um Sterben und Tod des Bruders und weltberühmten Dirigenten Erich Bergel oder die Wanderung durch die Felsenstadt Petra in Jordanien handelt – wie durch ein scharfes Glas gesehen, umreißt Bergel, was ihm der Beobachtung und Meditation wert erscheint, er spricht unumwunden aus, worauf er dabei stößt. Gleiches gilt für den Spaziergang über den Monte Murlongo am Gardasee, für den Zustand des Vereinten Europa, für das Skilaufen in den Alpen. Bergel „reflektiert“, wie der Umschlagtext ankündigt, „in sprachlicher Brillanz“ über Gott, Welt und die Menschen. Er schrickt dabei vor keiner Erkenntnis zurück, auch wenn sie außerhalb der political correctness liegt – lesenswert etwa in den Zeilen zu den Thesen über die Deutschen des US-Amerikaners Daniel Goldhagen (S. 168-169), aber auch zu der verfehlten historischen Existenzbasis der Siebenbürger Sachsen (67). Beide Male schockiert Bergel den Leser, beide Male unwiderlegbar.

In die Menge von Notizen dieser und anderer Art sind Aphorismen eingestreut – Glanzlichter des Buches. Beispiele: „Die Weite unseres Horizontes wird nicht allein durch unsere Bildung bestimmt, sondern ebenso durch den Standort, von dem aus wir diese einsetzen.“ (239) „Es gibt eine Ordnung im Großen: die Vision, und eine Ordnung im Kleinen: die Pedanterie. Diese verliert das Stupide nur dann, wenn sie sich ihres subalternen Charakters bewusst bleibt.“ (615) „Immer wieder die Feststellung: Kultur beginnt mit der Fähigkeit zur Scham und endet mit der Unfähigkeit zu ihr.“ (425) „Nicht die brennende Leidenschaft und die unausweichliche Tragödie sind das Problem der Liebe. Es ist der Alltag. Zu Formen der Liebe finden, die sich in ihm bewähren, ist ihre große Leistung.“ (594) Es sind wahllos zitierte Sätze: Belege geistiger Unbestechlichkeit und sprachlicher Genauigkeit, die das Buch auszeichnen.

Einer der Höhepunkte der rund tausend Seiten ist die Beschreibung der Sonnenfinsternis vom 11. August 1999, fesselnd die Schilderung der Safari durch die namibischen Damara-Wüsten südlich des Kunene (493-533), aufwühlend eindringlich die Seiten 187-189 (Brief an Peter Motzan, Herbst 1999) über den Zustand Rumäniens. Bergel notiert aber auch Gedanken zur Geschichte der Schweiz, zu Wasilli Grossmans Stalingrad-Roman, zur „hündischen Servilität deutscher Zeithistoriker“. Mit gleicher Sicherheit des Beobachtens und Formulierens erinnert er sich seiner Kajakfahrt auf der Donau und des Sommers im Delta, des Bades im Toten Meer, skizziert er Camus’ Sisyphos-Philosophie, die Farben­heiterkeit auf Schongauers „Jüngstem Gericht“ im Breisacher Münster oder das Wachsen orientalischer Potenziale in Israel. Seinerzeit von den Medien als „exzellent“ bezeichnet, die Dankrede 1996 bei der Entgegennahme der Ehrenbürgerschaft Kronstadts. Auf dem Höhepunkt richtete sie sich an die im Rathaus-Saal (mit)versammelten ehemaligen Sport-Kollegen und -Asse: „Indem wir die Freundschaft bewahrten, retteten wir ein Stück Menschlichkeit vor der Unmenschlichkeit der Diktatur.“ (282-283)

Wie breit gestreut die Beobachtungsneugier Bergels ist, macht auch das Namensregister im Anhang deutlich: über 800 Namen (aus nur fünf Jahren!) – von Abaelard bis Zwingli. Zweireihig auf 23 Seiten. Anmerkungen über Bach und Adenauer, Velásquez und Che Guevara, Ronald Reagan und Günter Grass u.v.a. gehören dazu.

Die „Notizen eines Ruhelosen“ sind ein Buch mit Seltenheitswert. Liegt in der deutschen Gegenwartsliteratur Vergleichbares vor? Unter den Buchtiteln der aus Südosteuropa stammenden deutschen Autoren findet sich als kulturelle Synopsis, als Gesamtschau weder in Vergangenheit noch in Gegenwart auch nur annähernd Gleichartiges. Was der französisch-deutsche Buchautor Nicholas Catanoy 2004 über Bergel schrieb – „er vollbrachte Arbeit im Wert einer ganzen Institution“ –, gilt besonders für diese Notizen. Sie bieten eine Tour d‘Horizon der philosophischen Sicht Bergels auf die Welt und sind dem erzählerischen Werk ebenbürtig. Keinesfalls sollten die „Notizen“ beliebig aufgeschlagen werden, vielmehr wollen sie von der ersten Seite an kontinuierlich gelesen sein. Denn zu allem anderen zeichnen sie Lebenslinien eines Menschen nach, dessen Vita sich auf mehreren Ebenen entfaltete: Es ist nicht nur „der gelehrte Polyhistor“ (Markus Fischer, 2007), dessen Geistesfacetten im weit ausholenden Ideenpanorama fesseln, auch nicht „die bestürzende Eindringlichkeit seiner Erzählkunst“ (Bayerischer Rundfunk, 1999), die gefangen nimmt – wir haben ein Buch vor uns, das den Leser auf unerwartete Weise überrascht, bereichert und zu selbständigem Denken einlädt.

Karl-Joachim Umbacher, Wien


Hans Bergel: „Notizen eines Ruhelosen. Tagesaufzeichnungen 1995-2000“, Frank & Timme Verlag, Berlin, 2015, 968 Seiten, gebunden, 49,80 Euro, ISBN 978-3-7329-0088-6, erhältlich im deutschen Buchhandel oder beim Frank & Timme Verlag, Wittelsbacherstraße 27a, 10707 Berlin, Telefon: (0 30) 88 66 79 11

Schlagwörter: Buch, Bergel

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