11. Juli 2015

Im Banne des Unaufdringlichen: Zum Tod der Malerin Katharina Böhm

Am 30. Mai verstarb 87-jährig nach einem erfüllten Familien- und Malerleben in Hildesheim Katharina Böhm, geborene Schneider. Die Künstlerin mit siebenbürgischen Wurzeln hinterlässt ein Werk, dessen unverkennbar eigene Handschrift ihr über die Jahrzehnte hinweg in der niedersächsischen wie auch in der siebenbürgischen Heimat einen Platz im Bewusstsein der Kunstinteressierten und –freunde gesichert hat.
Das Leben von Katharina Böhm ist gekennzeichnet von den einschneidenden Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Am 31. Oktober 1927 in Marpod geboren und bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr als jüngste von drei Schwestern in Hermannstadt aufgewachsen, offenbarten sich schon früh Katharinas Neigungen zum Kreativen. Der Vater, der als Buchdrucker bei „Krafft & Drotleff“ arbeitete, habe ihr schon früh über die Welt der Bücher „den Blick für das Wunderbare“ gezeigt und geschult, gestand die Malerin in einem Gespräch anlässlich ihrer Ausstellung im Teutschhaus in ihrer Vaterstadt Hermannstadt im August 2005.

Katharina Schneider kam im Kriegsjahr 1943 mit einem Begabten-Stipendium nach Hildesheim, wo sie an der etablierten „Meisterschule für das gestaltende Handwerk“ inskribierte. In den ersten zwei wichtigen Studienjahren erlebte die junge Siebenbürgerin die Schule noch in ihrer vollen Blüte, hatte Persönlichkeiten wie Fritz Röhrs, Wilhelm Eckart, Walter Evers und Mia Hottenrot als Lehrer – alles in Norddeutschland bekannte Maler.

Am 22. März 1945 wurde die Stadt Hildesheim durch flächendeckende Luftangriffe englischer und kanadischer Verbände in großen Teilen zerstört. Für die erst 17-jährige Katharina Schneider kappten die letzten Kriegsmonate neben dem Verlust des Stipendiums und der Unterbrechung des Studiums auch den Kontakt nach Siebenbürgen. Ohne materiellen Rückhalt schlug sie sich als Kindermädchen und Haushaltshilfe durch, „auch malte ich Lampenschirme, eine gesuchte Ware in der zerstörten Stadt.“ 1947 schaffte die junge Frau den Abschluss ihrer Ausbildung als Grafikerin, um im Anschluss an der neu eingerichteten Modeklasse zu unterrichten. Katharina Böhms spielerischer Umgang mit dem Material geht auf die Erfahrungen dieser Zeit zurück. 1950/51 finden wir sie als Dekorateurin in einem Modehaus.

Katharina Böhm im Jahr 2012. Foto: Werner Sedler ...
Katharina Böhm im Jahr 2012. Foto: Werner Sedler
Nach ihrer Heirat und Jahren der Kindererziehung widmete sich Katharina Böhm ab 1970 verstärkt der reinen Kunst. Um wieder Anschluss zu finden, besuchte sie wiederholte Male die Kurse der bekannten, von Oskar Kokoschka gegründeten Salzburger Sommerakademie. Konrad Graubner (Düsseldorf) und Stefan von Huene (Hamburg) wurden ihr zu Leitfiguren.

In dieser Zeit entdeckte sie speziell das Aquarell für sich. Der Umgang mit der Farbe und nicht minder mit dem Wasser wurden ihr in diesem Zusammenhang zur Herausforderung. Es sind zarte Landschaften und transluzide, im Spiel des Lichtes sich offenbarende Blumenarrangements, die sich in souveräner Pinselführung zu sehr subjektiv erlebten und wiedergegebenen Stimmungsbildern wandeln – und mehr noch – zu Metaphern von Sein und Zeit gerinnen.

Im Laufe der Zeit wurde ihr vor allem der Stein zum wichtigsten Objekt ihrer künstlerischen Aufmerksamkeit: „Steine ‚leben‘ in ihrer Abgeschlossenheit, in ihrer individuellen Form, geheimnisvoll. Was sie preisgeben, ist ihre äußere Form, ihre Farben im Wechsel des Lichtes, ihre Strukturen, Mattheit oder Glanz, sie zeigen sich vom Wasser gerundet, vom Winde geformt. Gewaltigen Energien verdanken sie ihre Existenz“, schreibt Böhm und verweist auf ihr künstlerisches Anliegen, den Stein als Metapher des So-und-nicht-anders-Seins, als Ausdruck eines Inneren darzustellen – in der Wiedergabe weit weg von jeglicher Imitation des Natürlichen. Für die großformatigen Stein-Serien (mit Steinen, die aufragen, sich lagern, abfallen, stürzen, liegen, gespalten oder aber gedrängt daherkommen) wählte die Künstlerin die gebrochenen Valenzen der Acrylfarbe, die es ihr im Atelier ermöglichten, Dichte zu suggerieren oder aber loszulassen, mit Form und Farben Geschichte(n) zu erzählen. Katharina Böhms alte Liebe zur Literatur, vor allem aber zur Natur- und Gedankenlyrik, konvergiert mit ihrer Steine-Malerei zu einem bewegenden Kunsterlebnis. Mal dichte Farbmaterialität, mal aquarellierte Transluzidität – in Böhms Arbeiten klingen leise Melodien, die manchmal tief ins Sein führen.

Nicht unerwähnt sollen auch die Zeichnungen der in Hildesheim oder aber im mediterranen Raum schöpferisch tätigen Künstlerin bleiben. Der Kohle-Zyklus zu den „Frauen im Alten Testament“ hat seinen dauerhaften Platz in der Hildesheimer Timotheus-Kirche gefunden.

Zahlreiche Ausstellungen, wie erwähnt, in jüngster Zeit auch in Siebenbürgen, haben den Namen Katharina Böhm in die Lande getragen. Als sie Mitte Mai, kurz nach einer ihrer Malreisen nach Kos, wo sie noch mit ungetrübter Schaffenskraft gearbeitet hatte, nach Hause zurückkehrte, war die Lebenskraft erschöpft.

Katharina Böhm, die sich immer zu ihrer siebenbürgischen Herkunft bekannt und das Wissen um Siebenbürgen konsequent weitergegen hat, hinterlässt ein abgerundetes künstlerisches Werk. Zu ihrem nun vollendeten Leben würde sie selbst in diesem Zusammenhang, wohl gerne als Fazit, den Predigttext zum Tode ihres Großvaters in Marpod, den sie als „familiäre siebenbürgische Reliquie“ aufbewahrte, zitieren: „Wenn Ähren reifen!“

Irmgard Sedler, Helga Stein

Schlagwörter: Nachruf, Malerin, Siebenbürgen, Niedersachsen

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