26. Oktober 2015

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Homo transilvanicus als homo europaeus: Raluca Rădulescu über Hans Bergels Werk

Die Bukarester Literaturwissenschaftlerin Raluca Rădulescu hat mit ihrer Doktorarbeit „Europäische Insularität. Identitäts- und Differenzbewusstsein im Werk des Schriftstellers Hans Bergels“ – summa cum grande laude – im Jahr 2004 bei Fachleuten schon deshalb Aufsehen erregt, weil die Themenstellung hoch veranschlagt war. Mit dem nun im Frank & Timme Verlag erschienen Buch – in klassisch schöner, zurückhaltender Aufmachung – spürt sie dem Gesamtwerk eines Autors nach, dem in unseren Tagen Vielfalt der Ausdrucksebenen, Beherrschung „unterschiedlicher Textsorten“, Meisterschaft als Novellist, Romancier, Lyriker, Essayist, Übersetzer etc. bescheinigt wurde.
Das Inhaltsverzeichnis des Buches zeigt fünf untergliederte Kapitel an. In den zwei ersten stellt Frau Rădulescu den wissenschaftlichen Katalog vor, mit dem sie Analyse, Interpretation und Lokalisierung des Oeuvres Bergels im Kontext moderner Literaturrezeption vornehmen wird. Unter dem Titel „Homo transilvanus als homo europaeus im Werk Hans Bergels“ wird zunächst das ausgreifende essayistische Werk des Neunzigjährigen im Zeichen der „Europadiskurse“ untersucht. Dies Werk zeichnet sich aus durch den von philosophischen Elementen durchhellten Blick auf Bergels großes Thema: Was ist das geschichtlich gewachsene geistige, uns zu treuen Händen überkommene Europa? Die Autorin weist wiederholte Male auf den weiten Horizont der Europa-Definition Bergels hin und rekurriert auf dessen These von Europas Doppelgesicht: Mitte, Norden, Westen, Süden als der von der Aufklärung bestimmte Kulturraum Europas – Osten und Südosten als der europäische Kulturraum der archaischen Mythen und eines weitgehend an sie gebundenen Existenzverständnisses. Die Umsicht, mit der die Autorin diesem Themenkomplex nachgeht, verdient Respekt. Es ist hier kein Platz, Details ihrer Feststellungen anzuführen. Das Folgende verdient präzisiert zu werden:

Weder im essayistischen noch im erzählerischen Werk hebt Bergel auf die schiere Gegensätzlichkeit der beiden „Gesichter“ ab. Vielmehr versteht er in seinen theoretischen und belletristischen Schriften Europas Doppelgesicht als zwei sich zur „Kultureinheit Europa“ fügende Teile (siehe dazu „Innereuropäischer Kulturdialog“, Bergel 2012, u. a.). Überwölbt werden die beiden Teile – wie die Autorin deutlich macht – durch Bergels oberstes, sein Schreiben als unantastbares Gebot bestimmendes Credo: die Humanitas, die Menschlichkeit. Die logische Folge ist aus seiner Sicht das Postulat der Interkulturalität. Frau Rădulescu zitiert den Kernsatz aus Bergels Dankansprache bei der Entgegennahme 2001 des Dr. h. c.-Titels der Universität Bukarest: Reife Kulturen gipfeln in der Humanitas. Dass sich Bergels kritischer, nach Art dieses Autors unbestechlicher Blick, sei es auf die abendländische, sei es auf die morgenländische Komponente Europas richtet, gehört zum Stil seiner Weltwahrnehmung.

Mit kluger Handhabung ihres Instrumentariums geht Frau Rădulescu, weiter, der Frage des Abwechslungsreichtums in Bergels Herangehensweise an die Stoffgestaltung nach. So stellt sie z.B. fest, dass dieser Autor die literarische Vorgabe niemals nach Schablone behandelt. Bald verfährt er in klassischer Manier, bald in moderner Gestaltungstechnik, bevorzugt er quasi meditatives, dann dynamisches Erzählen. Grundsätzlich das Gleiche beobachtet sie in der Lyrik, im Essay. Sogar in ein und demselben Roman, in „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006, 2015), gibt sich diese ungewöhnliche Variationsfreudigkeit zu erkennen. Egal aber wie Bergel verfahre, resümiert sie, seine Art der Gestaltung eines Stoffes garantiere immer Spannung.

Spannend ist es auch, zumal für den Kenner des Werkes Bergels, wie Raluca Rădulescu untersuchend verfährt: Ausgehend von den Darlegungen in den zwei ersten Kapiteln, bedient sie sich – vielleicht in etwas zu großer Häufung – neuester Literaturtheorien verschiedener „Schulen“. Mit Kennerblick und Sensibilität zieht sie europäische und amerikanische Namen der Weltliteratur vergleichend heran, geht von Thesen sozialer wie psychologischer Lehrmeinungen aus, wendet Erkenntnisse modernster Literaturrezeption an, kurz, sie überrascht mit diversen Untersuchungsmethoden.

Als unbefriedigend ist ein Teilstück ihrer im Ganzen hochkarätigen Arbeit zu nennen: Bergels Verhältnis zur Natur. Es ist a priori ein anderes als das des Großstadtkindes Raluca Rădulescu. Man lese die biografisch inspirierten Passagen über die Kindheit des Erzählers Peter Hennerth in „Wenn die Adler kommen“, zu schweigen von den großen Landschaftsschilderungen „Dunja, die Herrin. Erinnerungen ans Donaudelta“, „Östlich der Skelettküste“, „Die Karpaten“ oder jene in den Erzählungen „Der weiße Elch“, „Das Venusherz“, „Der brennende Baum von Etoscha“, „Die Rückkehr des Rehs“ (zu der Peter Motzan eine bisher unerreichte Analyse auch hinsichtlich des Phänomens Natur bei Bergel schrieb, 2004/05) – alles Naturbeschreibungen „modern wie nur etwas“ (V. Peretta, Rom, 2006). Die Lektüre dieser und vieler weiterer Erzählungen erklärt, dass dieser Autor von Kind an nicht nur „naturverbunden“ im herkömmlichen Sinne ist: Natur in ihrer elementaren Präsenz ist vielmehr, zugespitzt formuliert, Teil seiner Individualität. Der ehemals einzelgängerische Wald- und Gebirgsstreuner, Skifahrer, Kletterer, Hirtenfreund, Wüstenwanderer und Wildwasserbefahrer empfindet sich selbst in Schillers Sinn „naiv“ als Natur. Frau Rădulescu spricht von Romantik, Mystifizierung, ja Schamanismus bei Bergel. Just das ist es nicht. Wer näher hinsieht, stellt fest: Intensität, Suggestivität seiner Naturschilderung sind Ergebnisse einer nüchtern unsentimentalen, genauen Beobachtung, in dermaßen verdichteter Niederschrift allerdings, dass sie den Leser fast magisch berührt. Das hat nichts mit Mystifikation, es hat mit dem Können dieses Autors zu tun. Verschließt sich hier, ist über den unmittelbaren Anlass hinaus zu fragen, der von Abstrakta ausgehenden literarischen Rezeption der Zugang zu einem Autorentyp, dem auch Bergel angehört? Im 104. Brief des Korrespondenzbandes Winkler/Bergel (2012) spricht Bergel am Beispiel eines frühen Gedichtes („Strom, mein großer, waldumrauschter Bruder ...“) von dieser Komponente seines Schreibens. Er gehört zu jener Autorengruppe, deren Sache weniger die Schreibtischgelehrtheit ist, sondern die Neigung zur abenteuernden Erkundung der Welt, deren Teil die Natur ist.

Abgesehen von diesem Vorbehalt ist „Das literarische Werk Hans Bergels“ eine substanzielle Bereicherung der vier bisherigen Bücher und einer stattlichen Reihe anderer sekundärliterarischer Arbeiten über Bergel. Insbesondere darf er gleichsam als ergänzende Fortsetzung der Bergel-Biografie „Der Mann ohne Vaterland“ (2010) von Renate Windisch-Middendorf mit Anerkennung zur Kenntnis genommen und empfohlen werden.

K.-J. Umbacher


Raluca Rădulescu, „Das literarische Werk Hans Bergels“, Frank & Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur, Berlin, 2015, 190 Seiten [fünf Kapitel mit Untertiteln; Bibliographie], 29,80 Euro, ISBN 978-3-7329-0159-3

Schlagwörter: Bergel, Dissertation, Literatur, Besprechung

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