14. Dezember 2015

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„Musica suprimata“-Konzertreihe in Siebenbürgen fortgesetzt

Diesmal mit nur je einem Konzertabend anfangs in Hermannstadt und abschließend in Kronstadt weilend, fand der Hauptblock der Veranstaltungsserie von 6. bis 8. November im Konzertsaal der Klausenburger Musikakademie „Gheorghe Dima“ statt. Ein ebenso inhaltsreiches wie vielfach neue Erkenntnisse vermittelndes Kolloquium über Norbert von Hannenheim, den genialen Neutöner aus Siebenbürgens Mitte (1898 in Hermannstadt geboren) war das musiktheoretische und wissenschaftliche Gerüst dieser drei Tage, das sich als Aufgabe stellte, von Hannenheim vom Abstellgleis der Musikgeschichte wieder hervorzuholen.
Von Frau Prof. A. Bera, der Prorektorin des Konservatoriums und, nach dem Tod des bekannten Musikers und Musikpädagogen Ferenc Laszlo, auch Präsidentin der Rumänischen Mozartgesellschaft, geleitet, nahmen am Symposium so gewichtige Persönlichkeiten wie Prof. S. Mauser, Rektor der Universität Mozarteum Salzburg, Prof. L. Holtmeier, Prorektor der Musikhochschule Freiburg i. Br., Dr. G. Iranyi (Berlin), die polyglotte Musikhistorikerin Dr. Elena M. Sorban u.a. teil.

Zunächst wurden biografische Daten v. Hannenheims gebracht, um dann über die Entstehungsgeschichte seines Werkes, die ihn beeinflussenden pädagogischen, ökonomischen und politischen Faktoren zu referieren und musiktheoretisch und kompositionstechnisch einige seiner Werke exemplarisch zu durchleuchten. Gerhard von Hannenheim, ein Neffe des Komponisten, brachte zunächst einige sehr persönlich-familiäre Details über den von der Familie wegen seines eigenbrötlerischen Außenseitertums, aber auch wegen der im Siebenbürger Rahmen der Brahms-Strauss-Begeisterung so gar nicht goutierten, zunächst atonalen, dann dodekaphonischen Kompositionsweise so genannten „verrückten Onkel Norbert“ aufs Tapet. Dieser gab sein erstes öffentliches Konzert mit 18 Jahren in Hermannstadt, gewann einen zweiten Preis beim Enescu-Kompositionswettbewerb und durfte Enescu sogar persönlich treffen. Nach ersten Kompositionsstudien in Leipzig und Budapest zog er nach Berlin und wurde dort eines der wenigen Mitglieder der international bestückten Meisterklasse des in der Nachfolge F. Busonis zum Leiter des Kompositionslehrstuhls ernannten A. Schönberg. Hannenheim erduldete ärmlichste Wohn- und Lebensverhältnisse, aber auch den oft verletzenden Umgangston seines verehrten Professors, nur um Mitglied sein zu dürfen in der von Keller so bezeichneten „berühmtesten und exclusivsten Kompositionsmeisterklasse, die es wohl je gegeben hatte“. Doch auch Schönberg erkannte v. Hannenheims herausragendes Talent und hatte eine Präferenz für „einen seiner besten Schüler“.

Die Nazizeit brachte eine jähe Zäsur im Leben und Musikschaffen von Hannenheims mit sich. Da er weiterhin konsequent reihentechnisch weiterkomponierte und damit seine Musik als „entartet“ galt, Aufführungen seiner Werke fast verunmöglicht wurden, und sich auch noch der Krieg und mit ihm der Verlust von drei Viertel seiner gesamten Kompositionen (ungefähr 200 Kompositionen) dazukam, versank von Hannenheim in den Fängen einer Geisteskrankheit und verlosch kurz nach Kriegsende, im Herbst 1945 endgültig.

Die nächsten Referate über Norbert von Hannenheim inmitten des Berliner Schönbergkreises (Prof. L. Holtmeier), über die mit Musikbeispielen belegte kammermusikalische Struktur von Hannenheims Werk und deren Bedeutung für die Repertoire-Auswahl im 21. Jahrhundert (Dr. G. lranyi), über die Analyse des Liedschaffens von Hannenheim (im Gesprächskonzert Prof. S. Mausers und der lyrisch-dramatischen Sopranistin Amelie Sandmann) oder über das „Leben und Nachleben von N. v. Hannenheims Musik“ (Albert Breier) wurden nicht nur eloquent und mit viel Empathie gebracht, sondern konnten auch erheblich Staub wegpusten von diesem beachtlichen Stapel musikalischen Schaffens eines der größten Musikersöhne der Siebenbürger Sachsen.

Die anschließenden Konzerte konnten viele der angeschnittenen Themen und erschöpfenden Analysen musikalisch exemplarisch vorführen. Marianne Boettcher, Szeryngschülerin und Violinprofessorin an der Universität der Künste Berlin, eine den Musica-suprimata-Veranstaltungen seit Jahren treue Künstlerin, brachte diesmal ihren Bruder Wolfgang, ehemals Erster Cellist der Berliner Philharmoniker (noch unter Karajan), mittlerweile Professor jeweils in Baden-Baden und Berlin, nach Siebenbürgen mit, um unter anderem ein von dem Letzteren für Violine und Cello umgeschriebenes Duo seines Onkels Norbert zur Uraufführung zu bringen. Davor und danach erklangen auch andere Kompositionen von lranyi, Toch (ein anderer großer Vergessener), der in Deutschland lebenden rumänischen Komponistin und Pädagogin Violeta Dinescu und dann auch ein „Capriccio für ­Violoncello solo“ des noch der sowjetischen Komponistenschule angehörenden armenischen Tonschöpfers Tigran Mansurian, das dem Gedächtnis des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren gewidmet ist, dieser, neben der 70. Wiederkehr des Todestages Norbert von Hannenheims, zweiten Gedenksäule der diesjährigen „Musica suprimata“-Veranstaltungen. Der junge virtuose Pianist Moritz Ernst findet neben seiner weltweiten Konzerttätigkeit immer wieder Zeit, jedes Jahr in Siebenbürgen bei „Musica suprimata“ dabei zu sein. Neben der Darbietung der 6. Klaviersonate von Hannenheim (es gibt von Ernst eine CD-Einspielung der gesamten von Hannenheim erhaltenen Klaviersonaten), an die ein profundes, versiert geführtes Gespräch mit Prof. Holtmeier gekoppelt war, brachte er auch Klavierstücke von Schönberg und Ullmann, aber auch eine „Sonata ostinato für Klavier“ von Cornel Ţăranu, dem Lokalmatador des Klausenburger Musiklebens, souverän zu Gehör .

Das Aron-Quartett aus Wien spielte, durch die junge rumänische Pianistin Aurelia Visovan verstärkt, unter anderem das Streichtrio Nr. 3 von N. v. Hannenheim, dann eine dramatisch aufgeladene, von zarten Walzertönen durchzogene „Passacaglia und Fuge für Streichtrio“ des in Auschwitz umgekommenen, in Prag geborenen Hans Krasa, und endlich A. Dvoraks Klavierquartett Es-Dur op. 87, mit sicherem Strich, mit exaktem rhythmischem und hohem musikalischem Gespür.

Als Abschluss rundete am letzten Tag der Veranstaltungen in Klausenburg das Konzert der tschechischen Künstler lrena Troupova, Sopran, und Jan Dusek, Klavier, die Konzertreihe ab. Norbert von Hannnheim widmete immerhin 2/5 seiner kompositorischen Energie dem von ihm bevorzugten Liedschaffen (80 Lieder), das kompositorisch der Schönbergschule verpflichtete schnelle Tempi und eine Kette hoher Töne den Solisten abverlangt und das als Textvorlagen vor allem Lyrik von Rilke und Dauthenday verwendete. Auf Verse des letzteren komponierte „Drei Lieder“ wurden vorgetragen, gefolgt von den expressiv-postromantischen „Vier Liedern op. 2“ von Alban Berg sowie skurrilen Lieder von Francis Poulenc. Mit schnörkellosem Sopran und viel Ausdruckskraft brachte lrena Troupova uns diese Liedwerke nahe. Jan Dusek wiederum konnte dann bei Alban Bergs „Klaviersonate in einem Satz op. 1“ seine stupende Fingerfertigkeit unter Beweis stellen.

Es ist der unermüdlichen Musikenthusiastin Heidemarie T. Ambros wieder einmal gelungen, ein kleines Festival vergessener Musik auf siebenbürgischem Boden auf die Beine zu stellen, das sich sehen (und vor allem hören) lassen kann.

Dr. Thomas Ziegler

Schlagwörter: Musik, Siebenbürgen, Konzertreihe, Hannenheim, Komponist, Hermannstadt

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