30. März 2016

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Etymologischer Spaziergang (19): Ech hun den Bräf zagepickt

In Deutschland versteht kaum jemand, warum die Vignette, die ein Autofahrer auf Österreichs Autobahnen als Zeichen der bezahlten Maut an die Windschutzscheibe kleben muss, „Pickerl“ heißt. Wer aber unsere Mundart spricht, versteht die Bezeichnung ohne Mühe, denn picken bedeutet im Siebenbürgisch-Sächsischen „kleben“. Pickich Fänger sind klebrige Finger, en pickich Mängsch ist ein Mensch, der an uns klebt, und Pickes bezeichnet Klebstoff.
Das Wort picken ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen und leitet sich von „pix“ (Genetiv: „picis“) = Pech ab. Pech wurde zum „Verpichen“ von Bootsplanken gebraucht, um das Boot wasserdicht zu machen, und wenn jemand etwas besonders dringend haben oder tun will, so hängt oder klebt er an seiner Zielvorstellung, er ist „darauf erpicht“. „Ausgepicht“ wie ein gut abgedichtetes Fass oder ein Bottich ist ein perfekter, gerissener Gauner. Ech hun Pech gehuet = „Ich habe Pech gehabt“, sagt man nach einem Missgeschick, sagt man, wenn etwas schief gelaufen ist. Der „Pechvogel“ ist ein Mensch, der häufig Pech hat, es kann auch ein Vogel gemeint sein, der sich auf eine mit Pech bestrichene Rute setzt und festpickt.

Das schriftdeutsche „picken“ bedeutet etwas ganz anderes, nämlich das Hacken mit dem Schnabel, wenn ein Vogel Nahrung aufpickt oder wenn er mit dem Schnabel einen Gegner attackiert. Nicht nur in der Etymologie zu Hause: Dr. Roland ...Nicht nur in der Etymologie zu Hause: Dr. Roland Phleps, hier mit einer seiner rezenten Stahlplastiken, aufgenommen im Dezember 2015 von Konrad Klein Ech picken dir int hat eine genaue Entsprechung im Schriftdeutschen: „Ich kleb dir eine“, nämlich eine Ohrfeige. Und wenn jemand eine schlagfertige Antwort gibt oder eine den Gegner treffende Bemerkung macht, sie „sitzt“, kann man sagen dat pickt.

Zum Schluss: Wenn ein Schüler am Schuljahresende nicht versetzt wurde, also sitzengeblieben war, sagte man spöttisch: Hi äs picken gebliwwen.

Dr. Roland Phleps

Schlagwörter: Etymologie

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