7. Mai 2017

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17. GO EAST-Festival in Wiesbaden

Die hessische Landeshauptstadt überfiel in diesen Tagen wieder die osteuropäische Nostalgie, die es so selten hier im Westen nachzuvollziehen gibt: Das Festival der ost-und südosteuropäischen Filme ist der Treffpunkt für Filmfreunde der ost-und südosteuropäischen Filme mit Regisseuren, Schauspielern und Produzenten. Vom 26. April bis zum 2. Mai wurden in Wiesbaden mehr als 100 Filme aus 29 Ländern, darunter sechs Welt-, eine internationale und 22 Deutschlandpremieren, drei Nachwuchsprojekte und ein vielfältiges Begleitprogramm mit Ausstellungen, Diskussionsrunden, Workshops, Vorträgen, Filmgesprächen und Partys präsentiert.
goEast begrüßte etwa 200 Filmschaffende und Gäste, darunter die polnische Regisseurin und diesjährige Silberne-Bären-Gewinnerin Agnieszka Holland, die ihren wunderbaren Film „Fährte“ (Pokot, 2017) mitbrachte, die serbische Filmikone Mirjana Karanović, die bekannte ungarische Filmemacherin Márta Mészáros mit ihrem Zyklus der „Tagebücher“, den deutschen Schauspieler Ulrich Matthes in der lettisch-litauischen Koproduktion „Im Exil“ und den 99 Jahre alten Produzenten Artur Brauner. Bemerkenswert war außerdem das Thema, dem sich eine Mehrzahl der Filme des Symposiums „Feministisch wider Willen: Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa“ widmeten. Alle Filme der Hommage an die ungarische Regisseurin Márta Mészáros wurden im 35mm-Format gezeigt: 21 Lang- und 13 Kurzfilme. Ihr Kurzfilm „Die nächste Schicht“ handelt von der Initiative der Kommunisten Rumäniens zur Industrialisierung 1959. Düster und doch eindrucksvoll wird am Schicksal dreier Arbeiterinnen das Leben im Sozialismus geschildert. Überhaupt waren die Filme des Wettbewerbs und auch außerhalb des Wettbewerbs sehr politisch mit Themen wie Homophobie in Russland, Emigranten in Ungarn, Prostitution osteuropäischer Frauen, Überbleibsel postkommunistischer Haltungen in den osteuropäischen Ländern, Armut, Unterbezahlung oder einfach Alltags- und Problemsituationen! So schildert der rumänische Kurzfilm „Looking at others“, 2017, von Anda Puscas Touristinnen, die in Roma-Dörfer fahren, um die Zigeunerromantik zu vermarkten.

Festivalleiterin Gaby Babić erklärte in der Caligari Film-Bühne: „Auch innerhalb der Festivalszene wird die eklatante Ungleichbehandlung von Frauen in der Branche diskutiert. Festivals zeigen im Durchschnitt viel zu wenig Filme von Frauen. Bei der Recherche unserer historischen Programme fiel auf, dass wir zu bestimmten Phasen der Filmgeschichte so gut wie keine Filme von Regisseurinnen finden konnten … Nun widmen wir uns der Arbeit von Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa im Symposium und nicht von ungefähr haben wir in diesem Jahr gleich mehrere Debüts von jungen Regisseurinnen im Wettbewerb.“ Plakat des Films \"Sieranevada\" von Cristi Puiu. ...Plakat des Films "Sieranevada" von Cristi Puiu. Foto: ©goEast Rumänien war zwar präsent, aber nicht gebührend vertreten wie in vielen anderen Jahren. Ob es an den Organisatoren oder mangelnden Bewerbungen von der rumänischen Seite liegt, ist nicht erkennbar. Jedenfalls fällt auf, dass entgegen den russischen, polnischen, ungarischen, kroatischen, serbischen, tschechischen, georgischen Beiträgen Rumänien weit weniger vertreten ist, obwohl die neue rumänische Filmwelle – Nouvelle Vague – viel gelobt und international ausgezeichnet wird. Außerdem gab es bei GoEast noch nie eine Hommage oder ein Schwerpunktthema für große gegenwärtige rumänische Filmemacher wie Radu Călin Netzer, Cristi Puiu, Cristi Mungiu, Radu Muntean, Radu Jude, Corneliu Porumboiu, Anca Damian oder Liviu Ciulei und Lucian Pintilie etwa oder Schauspieler mit Weltruhm wie Maja Morgenstern oder Victor Rebengiuc und andere! Die NZZ schrieb zu Cristi Puius Filmen: „Puiu ist der konsequenteste Stilist der rumänischen Nouvelle Vague und so etwas wie ihr Begründer. Sein Film ,Der Tod des Herrn Lazarescu‘ (auch schon mit Mimi Branescu) lief 2005 in Cannes und erhielt den Preis der Reihe Un Certain Regard. ,Aurora‘, 2010 in Cannes vorgestellt, ist der zweite Teil einer Reihe. ,Sieranevada‘ darf als vorläufiger Höhepunkt gelten …“ („Kraft schöpfen aus der Tristesse“, NZZ vom 3. März 2017).

Cristi Puius Film „Sieranevada“ wurde außerhalb des Wettbewerbsprogramms gezeigt, jedoch war der Regisseur auch nicht anwesend. Ein skurriler, außergewöhnlicher Blick auf die Gesellschaft Rumäniens, besonders Bukarests Großstadtgesellschaft, sowie auf die Riten der orthodoxen Kirche des Landes – im Stile Almodovars –, ein kritisches, aber sehr heiteres und tragisches Bild der Gegenwartsstimmung in der rumänischen postkommunistischen und freiheitlichen Gesellschaft. In den beengten Verhältnissen einer sozialistischen Blockwohnung spielt sich im Namen des orthodoxen Ritus – 40 Tage nach dem Tod eines Menschen – ein Familiendrama ab. Die Kamera schwenkt in der Wohnung von Raum zu Raum mit den versammelten Trauergästen und hält deren zwiespältige Gefühle, ihr zum Teil verkorkstes Leben in Erinnerungen fest. Die Nostalgie für und gegen den Kommunismus wirkt ernst und humorvoll zugleich; gleichzeitig nimmt der Regisseur die traditionellen Riten der orthodoxen Kirche auf die Schippe. „Was in der klaustrophobischen Düsternis, in der gequalmt, getrunken, gestritten und geweint wird, aus der Vielzahl der alltäglichen Nickligkeiten entsteht, ist ein lähmendes Gefühl der Ausweglosigkeit, das sich am Ende wenig freudvoll in Lachen auflöst. Für eine Gesellschaft in der Stagnation zwischen Etabliertheit und mangelnder Zukunftsperspektive hat Cristi Puiu das ultimative Bild gefunden – dieses Familientreffen verhandelt am Küchentisch die ganz großen Fragen mit einer Wucht, gegen die viele westeuropäische Filme blass aussehen.“ – so die NZZ.

Vital, skurril, eigenartig, familiär, passioniert, humorvoll, intellektuell, pittoresk – Beschreibungen für die neuen rumänischen Filme, die sich alltäglichen Problemen widmen: in Familie, Gesellschaft, Religion und Kultur. Der rumänische Film als Wettbewerbsbeitrag und Deutschlandpremiere „Fixer“ von Adrian Sitaru aus Deva, eine rumänisch-französische Produktion von 2016, handelt von der Prostitution Minderjähriger. Radu, der für eine französische Nachrichtenagentur in Bukarest arbeitet, aber kein „richtiger“ Reporter ist, arbeitet als „Fixer“ und vermittelt zwischen den französischen Journalisten und den Behörden vor Ort. Damit erhofft er sich mit der Geschichte einer minderjährigen Prostituierten, die aus Frankreich nach Bistritz in die siebenbürgische Provinz gebracht worden war, mehr Anerkennung. „Fixer“ zeigt eine Reise von Bukarest nach Bistritz und lässt die Schönheit der Vorkarpaten nur erahnen, da es ständig regnet. Um die düstere Stimmung zu betonen, verharrt die Kamera auf der Roma-Siedlung, heruntergekommenen Altstadtbildern und den verregneten Straßen der Provinz. Adrian Sitaru, der Regisseur, der für seine Kurzfilme und Spielfilme auch international ausgezeichnet wurde, erzählt, dass ihn diese wahre Geschichte eines Reporters zu dem Filmthema inspiriert habe. Obwohl der Film facettenreich und vital wie ein Roadmovie daherkommt, fehlt ihm echte Spannung. Außerdem waren die Übersetzer des GoEast-Festivals wohl etwas überfordert bei den Ausdrücken der Originalsprache, die zwar witzig und originell sind, jedoch für einen Übersetzer schwer zu übertragen.

Die Preise des Festivals gingen in diesem Jahr an „Requiem für Frau J.“ – die Goldene Lilie –, eine serbisch-bulgarisch-mazedonisch-russisch-französische Tragikomödie des Regisseurs Bogdan Vuletic, 2017, sowie an den Film „Meine glückliche Familie“ von Nana & Simon, 2017, ein deutsch-französisch-georgischer Film, der die Geschichte einer 52-jährigen Frau erzählt, die ausbricht und ein neues Leben anfängt. Der Film mit Ulrich Matthes wurde lobend erwähnt. Die Einladung „zum interkulturellen Austausch, der politisch aktueller und gesellschaftlich relevanter nicht sein könnte“ – so Ingmar Jung, Staatssekretär in Wiesbaden – ist trotzdem während dieser GoEast-Festivaltage wieder gelungen und die osteuropäische Nostalgie ruht nun wieder bis zum nächsten Festival 2018!

Katharina Kilzer

Schlagwörter: Festival, Film, Südosteuropa

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