28. August 2017

875 Jahre und kein Ende: Gedanken eines Historikers zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen

„Man muss die Feste feiern, wie sie fallen!“ – Ja, das muss man! Und nicht nur deshalb, weil es so wortwörtlich als Redensart und Sprichwort, als „geflügeltes Wort“ im „Büchmann“ steht, im „Zitatenschatz des deutschen Volkes“, den der Berliner Oberlehrer Georg Büchmann fleißig gesammelt hat und erstmals 1864 als Buch drucken ließ; seither immer wieder ergänzt, ist es eine rhetorische Fundgrube geworden, die wohl in keiner Bibliothek fehlt.
Dass wir Sachsen Feste feiern können, dazu muss man nur in unserer Siebenbürgischen Zeitung von den Aktivitäten der Heimatortsgemeinden, Kreisverbänden und Jugendgruppen in unserer weltweiten Landsmannschaft lesen. „Das letzte Fest“ in Rauhenthal/Rauthal nächst Schäßburg 1944, das Erwin Wittstock so deprimierend endzeitlich geschildert hat, ist eben doch nicht „das letzte Fest“ geblieben.

Denn das Jubel-Feiern ist uns Sachsen sozusagen anerzogen worden von allem Anfang an. Das weiß jeder! Schon 1224 hat in seinem „Goldenen Freibrief“, im „Andreanum“, der Ungarnkönig Andreas II. an seinen Großvater Geisa II. erinnert, der vor ca. 70 Jahren in Flandern und in Luxemburg und am Rhein, wo eben bittere Not herrschte damals in deutschen Landen, für Siebenbürgen Siedler anwerben ließ durch seine Boten, durch ortskundige Lokatoren und Treckführer. „Schlepper“ brauchte man nicht. Ein damaliger Palästina-Pilger aus Bayern ins Heilige Land hat schon beim Durchzug durch Ungarn dies Land ein „Paradies Gottes“ genannt. Wer wollte da zögern? – Und jenes „Andreanum“ von 1234 haben sich die „Siebenbürger Sachsen“ danach von jedem neuen Ungarnkönig bestätigen und erneuern lassen, mehr als ein Dutzend Mal: zur Erinnerung, zum Feiern im „Land der Fülle und der – Pracht“ oder wo immer. Jeder von uns weiß daher und wusste es oder sollte es wissen, wer jener König Geisa war, der uns „berufen“ hat, wie es ausdrücklich im Freibrief stand.

Die Kronstädter ließen bekanntlich in einer Wandchronik in ihrer „Schwarzen Kirche“ unsere Geschichte im Jahre 1143 beginnen, wahrscheinlich (wie man heute weiß) nicht ganz richtig, weil dem Kindkönig am Ungarnthron, weil Geisa II. (1141-62) noch kaum so kluges Handeln zuzutrauen ist, eher seinem Palatin und eher ein paar Jahre später. Aber, was macht das schon aus? Es war jedenfalls ca. 800 Jahre vor dem „letzten Fest“ 1944, aber außer in Rauhenthal/Rauthal wurde damals eher selten gefeiert. Und schon lange vorher gab es oft nichts zu feiern an runden Jubiläen.

Erst nachträglich erinnerte 1774 in Wien der Gubernator des Großfürstentums Siebenbürgen, unser Sachsengraf Brukenthal, an die 550 Jahre, die seit dem „Andreanum“ verflossen wären. Da war aber an die Stelle des Andreanischen Freibriefes von 1224 schon 1691 das Leopoldinische Diplom als Garantie der sächsischen Libertät und Rechte im habsburgisch gewordenen Siebenbürgen getreten und konnte doch nicht verhindern, dass 1784 Kaiser Josef II., radikal modern und reformerisch gesinnt, die seit 300 Jahren (seit 1486) bestehende „Sächsische Nations-Universität“ als politische Repräsentanz aller Sachsen Siebenbürgens für aufgelöst erklärte. Nur nach des Kaisers Tod und nach der Wiederherstellung der alten Verfassung konnte 1790 der spätere Sachsenbischof Jakob-Aurel Müller in einer aufklärenden „Volksschrift über die Siebenbürger Sachsen“ triumphieren: „Nur sechs Jahre war unsere Nation erloschen nach einem Wohlstande von mehr als 600 Jahren. Wir waren kein Volk mehr! Heil uns, wir sind wieder ein Volk!“ Die Freude floh freilich schon im nächsten Jahrhundert, als 1848 und 1876 die Selbstständigkeit Siebenbürgens zugunsten einer Union mit Ungarn wieder beendet und selbst der Plan einer aus dem Sachsenland konstruierten autonomen „Markgrafschaf“ Utopie geworden war. Vergeblich hatte 1848 in einer Denkschrift für den siebenbürgischen Landtag Georg-Daniel Teutsch, damals noch Geschichtslehrer in Schäßburg, bald dann Bischof, die 700-jährige Geschichte der Sachsen in Siebenbürgen beschworen und 1851 in Reps in einer Generalversammlung des 1841 begründeten Siebenbürgisch-sächsischen Geschichtsvereins aus seiner „Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk“ (so ausdrücklich benannt) laut den Berichten „zur allgemeinen Begeisterung wie einst in Athen der Altvater der Geschichte Herodot“ vorgelesen. – Nein, vergeblich war das nicht! Noch heute ist uns diese „Geschichte ... für das sächsische Volk“, bekanntlich von Bischof Friedrich Teutsch, dem Sohn, bis 1919 fortgesetzt, ein wertvolles Geschenk und darin kann oder könnte man nachlesen, „wie es eigentlich gewesen ist“, um mit Leopold von Ranke, dem Berliner Lehrer von Teutsch-Vater und Sohn, die dauernde Pflicht aller Historiker zu zitieren.


Titelblatt der Erstausgabe von G. D. Teutschs ...
Titelblatt der Erstausgabe von G. D. Teutschs Sachsengeschichte (1852). Das Exemplar trägt auf dem Vorsatz als Widmung ein Schiller-Wort aus Wilhelm Tell: „Ans Vaterland, ans theure, schließ Dich an/Das halte fest mit Deinem Herzen.“ Seinem lieben Pathen Wilhelm Zimmermann/Der Verfasser. Schäßburg, 16. Dec. 1858. Wilhelm war ein frühverstorbener Bruder des Archivars Franz Zimmermann, ein Großonkel des Autors von vorliegendem Beitrag. Sammlung und Bildtext: Konrad Klein
Im Jahre 1942 wusste es einer (Oskar Wittstock) ganz genau: „ Im Sommer 1941 erfüllten sich 800 Jahre seit der Einwanderung der Siebenbürger Sachsen.“ So in Kronstadt geschrieben und in Wien gedruckt. Noch lange, auch 1968 in München, hat man ein „Fazit nach 800 Jahren“ gezogen und trotz jenem „letzten Fest“ in Rauenthal/Rauthal hat man, haben wir 1991 in Frankfurt am Main in der symbolträchtigen Paulskirche „850 Jahre Siebenbürger Sachsen“ gefeiert und uns daran erinnern lassen, dass ca. 150 Jahre vorher im August 1848 der in Frankfurt tagenden ersten deutschen „National-Versammlung“ ein von niemand Geringerem als Stephan Ludwig Roth inspiriertes „Grußwort“ aus Siebenbürgen jenseits der Wälder von den „entferntesten Kindern der Mutter Germania“ überbracht worden war. Diese Formulierung hat 1991 nicht mehr oder nicht mehr ganz gestimmt und eigentlich auch nicht für 1848, aber sie offenbart eine durch unsere fast 900-jährige Geschichte fortdauernde Gesinnung und Stimmung.

Indessen sind 875 Jahre vergangen, und sie wurden gebührend gefeiert. Und wenn es auch stimmt, wie Adolf Meschendörfer schon 1927 in seiner „Siebenbürgischen Elegie“ formuliert hat: „zögernd bröckelt der Stein“, sollte man diesen, den Stein, aufheben, denn siehe: Jeder Brocken ist – ein Juwel.

Harald Zimmermann

Schlagwörter: Geschichte, Siebenbürger Sachsen, Historiker, Zimmermann, Teutsch

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