27. Oktober 2017

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Steilvorlage für Diskussionen: Birgit Kelles neues Buch "Muttertier"

Birgit Kelle hat wieder zugeschlagen. „Muttertier. Eine Ansage“ heißt ihr neuestes Werk, und es schwant einem Böses bei dem Titel und dem dazugehörigen Buchumschlag, von dem die Autorin den Leser in sehr selbstbewusster, gar angriffslustiger Pose direkt anblickt. Nach der Lektüre aber stellt man fest: Dieses dritte Buch der in Heltau geborenen Publizistin ist gar nicht so laut, krawallig und ironisch überzogen wie seine Vorgänger „Dann mach doch die Bluse zu“ und „Gendergaga“. Die vierfache Mutter Kelle schreibt diesmal über etwas, mit dem sie seit der Geburt ihrer ersten Tochter vor 18 Jahren ununterbrochen beschäftigt ist: Mutterschaft – und auf diesem Gebiet hat sie einige Erfahrungen vorzuweisen.
Das Buch ist getragen von dem Grundgedanken, dass nur Frauen „Leben empfangen und Leben schenken“ können, was pathetisch klingt, der Autorin aber wichtig ist, weil sie so deutlich machen will, welch einzigartige Beziehung Frauen, die Schwangerschaft und Geburt durchleben, zu ihren Kindern haben – und Männer der biologischen Voraussetzung wegen nie haben werden. „Die Frage der Mutterschaft“, schreibt Kelle, „berührt unser Wesen als Frau“ und „Mütterlichkeit ist eine weibliche Eigenschaft, eine Fähigkeit, die uns in die Wiege gelegt wurde und die wir entfalten können oder auch nicht“.

r ...In zwölf Kapiteln schreibt Birgit Kelle über „Kinderlose Mütter“, „Weibliche Frauen“ sowie „Mutter-Ersatzstrukturen“ und geht Fragen wie „Was ist weiblich?“ und „Wie viel Kind braucht die Mutter?“ nach. „Kinderkriegen ist eine hochgefährliche Kiste“, heißt es im Kapitel „Der Staat, dein Feind und Ausbeuter“, denn es drohen „Karriere-Knick, Renten-Knick, Figur-Knick, Emanzipations-Knick, Versorgungs-Knick“. Das entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie (typisch Kelle), berührt aber alles, worum es in der immer wieder aufflammenden gesellschaftspolitischen Diskussion über Familie, Frauen, Arbeit geht. Wer bleibt zu Hause und hütet den Nachwuchs, wer geht arbeiten und schafft das Geld ran (Kinder kosten!), wann und wie steigt die „Hüterin“ – meist sind es immer noch die Frauen, die zumindest im ersten Lebensjahr des Kindes vom Job pausieren – wieder in die Arbeitswelt ein und vor allem: zu welchen Bedingungen? Und dann die leidige Frage nach der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“: Finden wir einen Krippen- oder Kitaplatz, der mit den Arbeitszeiten der Eltern kompatibel ist, liegt die Einrichtung in der Nähe, ist es eine private oder öffentliche Einrichtung, sprich: Können wir uns die Betreuung unseres Kindes überhaupt leisten? Ganz abgesehen davon, dass Mütter (das ist Konsens) genauso perfekt zu sein haben wie kinderlose Frauen: schlank, gepflegt, immer gut angezogen und bester Laune, selbstverständlich rund um die Uhr verfügbar für alles und jeden – und der makellos geführte Haushalt läuft so nebenbei (auch da sind Männer – rühmliche Ausnahmen nicht ausgeschlossen – erwiesenermaßen nicht so fleißig wie Frauen, allem Hype um die „neuen Männer“ und die „neuen Väter“ zum Trotz).

Und wie steht es eigentlich mit der Emanzipation? Mutterschaft und Familiengründung erscheinen in der heutigen Zeit ja geradezu als konservativer Lebensentwurf. Ist man nun emanzipiert, wenn man Kinder bekommt, oder nur dann, wenn man sich bewusst dagegen entscheidet? Was ist mit den Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – keine Kinder bekommen können? Sind sie zu bedauern, zu bemitleiden, zu vernachlässigen? „Wir sind alle Töchter der Emanzipation“, konstatiert Kelle. „Alle unterschiedlich. Aber alle dürfen sein.“ Ja, in einer idealen Welt ist das so, aber jüngste publizistische Auseinandersetzungen in der EMMA und der ZEIT beispielsweise zeigen deutlich, dass es schon lange nicht mehr nur eine Frauen­bewegung gibt, in der alle an einem Strang ziehen und „alle sein dürfen“.

Was schließt Birgit Kelle daraus? „Der schlimmste Feind der Frau ist einfach eine andere Frau“, und sie wiederholt, was sie schon früher gesagt und geschrieben hat: „Ich bin längst Teil der Frauenbewegung. Ich laufe aber in eine andere Richtung“. Mit ihrem neuesten Buch liefert sie wieder einmal eine Steilvorlage für Diskussionen, denn sie redet niemandem nach dem Mund, sondern macht eben: „Eine Ansage“.

Doris Roth


Birgit Kelle: „Muttertier. Eine Ansage“, Fontis Verlag, Basel, 2017, 240 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-03848-124-9

Schlagwörter: Rezension, Kelle, Frauen, Familienpolitik

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