25. August 2018

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Den Leser nicht hinters Licht führen: Zeitgenössische rumänische Prosa

Der Sammelband „Das Leben wie ein Tortenboden“ ist eine der vielen Neuerscheinungen, die im Zuge von Rumäniens Auftritt als Gastland bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse auf den deutschen Buchmarkt gekommen sind. Die 14 enthaltenen Texte sind im Original zwischen 2002 und 2014 erschienen; bis auf einen handelt es sich dabei um Auszüge aus Romanen.
Der Band wurde, wie im informativen Nachwort zu lesen ist, „in zwei Etappen zusammengestellt. Zunächst diente ein Korpus von Erzählungen als Materialgrundlage von universitären Übersetzerseminaren. Später erfolgte mit einem teils neuen Teilnehmerkreis im Rahmen von Übersetzerworkshops am Rumänischen Kulturinstitut in Berlin die Übersetzung weiterer Prosatexte, die hier versammelt vorliegen. (…) Alle Texte wurden in der Arbeitsgruppe diskutiert, anschließend redigiert und so für die Anthologie aufbereitet.“ Es handelt sich also bei dem vorliegenden Buch um ein Gemeinschaftswerk, was erklärt, dass es drei Herausgeber gibt und mehr Übersetzer (16) als Texte. Diese Vielfalt spiegelt sich allerdings auch inhaltlich wider. Von renommierten Autoren wie Nora Iuga, Gabriela Adameşteanu und Dan Lungu bis zu Debütantinnen wie Adina Rosetti oder Corina Sabău wurde Prosa aufgenommen, die die zeitgenössische rumänische Literatur in großer Bandbreite exemplarisch darzustellen vermag. Familien- und Liebesgeschichten, historische und Spionageromane sowie Satiren werden in Auszügen vorgestellt. Dabei erstreckt sich die erzählte Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Das Leben in einem Überwachungsstaat (und dessen Ende 1989) spielt in fast allen Texten eine Rolle: ganz explizit bei Adameşteanu und Iuga, unterschwellig auch bei anderen Autoren – als Bruch in der Geschichte, der bis heute zu spüren ist und den die Herausgeber im Nachwort als Impuls für Kreativität ausmachen. „Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit erfolgt in der rumänischen Gesellschaft nur zögerlich, keinesfalls konfliktfrei und mit vielen Hindernissen“, ist dort zu lesen. Umso intensiver findet diese Aufarbeitung in literarischen Texten statt: Journalisten, Schriftsteller, Autoren können nun befreit schreiben und publizieren, sich aber immer noch darauf berufen, dass es unter dem Deckmantel der Literarizität geschieht.z ... Das einzige „echte“ Stück Kurzprosa im Band stammt von Petru Cimpoeşu. Unter dem Titel „Die Frau überquerte die Straße“ liest man eine Reflexion über den Prozess des Schreibens im Moment des Schreibens; die Erzählung entsteht sozusagen in Echtzeit vor den Augen des Lesers und ist mit Anmerkungen des Erzählers (oder doch des Autors?) durchsetzt, der etwa mahnt: „Hauptsache, du führst den Leser nicht hinters Licht. Er spürt das und vergibt dir nicht.“ Cimpoeşus in sich geschlossener, experimenteller Text ist eine bereichernde Leseerfahrung; die anderen 13 Beiträge können als Romanauszüge lediglich Einblicke in längere Werke bieten. Als Leser findet man meist schwer in die Story hinein und wird dann abrupt wieder hinauskatapultiert – wohl kann man Erzählton und Stimmung erspüren, aber das Erzählte nicht fassen, da es eben fragmentarisch dargeboten wird. Bestechend ist aber die Bandbreite und Genrevielfalt in der rumänischen Gegenwartsliteratur, die „Das Leben wie ein Tortenboden“ aufzeigt, und die gute Mischung aus bereits etablierten und jungen Autoren, die von den Herausgebern ausgewählt wurden. Hoffentlich findet sich der eine oder andere deutsche Verlag für den einen oder anderen hier vorgestellten Roman – zu wünschen wäre es allen. Und mit dem Buchumschlag, für den ein Ausschnitt aus Şerban Savus fotorealistischem Gemälde „The Polyptych of Work and Leisure“ verwendet wurde, wird eine Brücke zur zeitgenössischen rumänischen Kunst geschlagen. Eine runde Sache, dieser Tortenboden.

Doris Roth


„Das Leben wie ein Tortenboden“. Neue Rumänische Prosa. Herausgegeben von Daniela Duca, Anke Pfeifer und Valeriu Stancu. TRANSIT Verlag, Berlin, 2018, 240 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-88747-363-1.

Schlagwörter: Prosa, Anthologie, rumänische Literatur, Übersetzungen, Besprechung

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