7. Dezember 2018

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„Maramuresch. 101 Foto/Geschichten aus den Waldkarpaten Rumäniens“ von Björn Reinhardt

Nach dem blutigen Ende der kommunistischen Diktatur wurde Rumänien von Ereignissen heimgesucht, die ­gewisse Parallelen zu den biblischen Plagen haben: Erst der Exodus der Deutschen 1990/91, gefolgt von einer „Heuschreckenplage“, als die neuen politischen Eliten das Land auszusaugen begannen, bis hin schließlich zum zweiten Exodus, durch den das Land einen Großteil seiner Leistungsträger verlor, die ihr wirtschaftliches Überleben durch Arbeit im Westen sichern wollten. Insgesamt ein Aderlass, von dem Rumänien sich noch lange nicht erholt hat. Knapp 30 Jahre nach dem Tod der Ceauşescus gibt es dennoch viele Ansätze für Veränderungen zum Guten, man muss sich allerdings bemühen, sie zu entdecken. So gibt es zu der Schar der Auswandernden eine Gegenbewegung durch Rück- und Einwanderer. Zwar in geringer Zahl, zeigen gerade diese Menschen, dass man mit Phantasie und Leistungswillen einiges bewegen kann, auch oder gerade in einem Land, das unter dem Frühkapitalismus so sehr leidet.
Björn Reinhardt ist einer jener „Einwanderer“, die die Liebe zu Rumänien, genauer gesagt zur Maramureş (Reinhardt schreibt konsequent Maramuresch), der Bergregion an der Grenze zur Ukraine, gepackt und nie wieder losgelassen hat. In Ostberlin geboren und aufgewachsen, hat der studierte Bühnen- und Kostümbildner Siebenbürgen schon als Kind auf Urlaubsreisen mit den Eltern kennengelernt. 2002 ist er in die Maramuresch gezogen und hat inzwischen gut 30 Dokumentarfilme über sie gedreht. Nun legt er im Schiller Verlag Bonn-Hermannstadt sein Buch „Maramuresch – 101 Foto/ Ge­schichten aus den Waldkarpaten Rumäniens“ vor. Bei den Dreharbeiten für seine Dokumentarfilme ist Reinhardt zahlreichen Menschen begegnet, er hat sie und ihre Schicksale kennengelernt und er hat sie portraitiert: in eindrucksvollen Schwarzweiß-Fotos, denen er je eine kurze Geschichte hinzufügt.

Reinhardts Maramuresch-Buch ist kein Reiseführer, vielmehr will uns der Autor zu den Menschen in dieser etwas abgelegenen und für viele unbekannten Region führen. Wer das Buch bis zur letzten Seite studiert hat, wird so viel über die Gegend und ihre Bewohner erfahren haben, wie aus kaum einem der „klassischen“ Reiseführer. Björn Reinhardts „Foto/Geschichten“ gewähren tiefe Einblicke in den Lebensraum und die Schicksale der Menschen, ohne jeden Anspruch darauf, das Leben im bergigen Norden Rumäniens zu beschreiben oder gar vollständig verständlich zu machen. Als nachdenklich, provokativ, tragisch, schön, herzzerreißend kann man seine Geschichten, seine Portraits charakterisieren, bar jeder plakativen Beliebigkeit. Einer flüchtigen Lektüre mögen sich die Tiefen von Reinhardts Portraits entziehen, wer sich aber darauf einlässt, das Zusammenspiel von Bildern und Texten zu verstehen, der wird sich unweigerlich tiefer zu dieser zeitlosen Landschaft und ihren Bewohnern hingezogen fühlen.Portrait von zwei Knaben, die vor einer sich in ...Portrait von zwei Knaben, die vor einer sich in der Ferne verlierenden Bergkulisse Luftballons aufpusten. Foto: Björn Reinhardt Den Reigen der Bilder eröffnet ein Portrait von zwei Knaben, die vor einer sich in der Ferne verlierenden Bergkulisse Luftballons aufpusten, „als würden sie kleine Sommerwolken aufblasen und eine nach der anderen in den Himmel aufsteigen lassen“, wie Reinhardt das Bild kommentiert. Und er fährt fort: „Sentimentalität kommt zwischen diesen rauen Bergen so gut wie nicht auf. … Deshalb freuen sich Bergkinder auch deutlich mehr über kleine Überraschungen wie diese Luftballons als ihre Artgenossen in der Ebene. Sie spüren wohl frühzeitig, dass ihre Kindheit viel kürzer ausfallen und schneller zu Ende gehen wird, als ihnen gut tun würde.“

Reinhardts Portraits bilden ein Kaleidoskop, der Reihung im Buch fehlt – sicherlich bewusst – jede Ordnung. Zufällig, wie die Begegnungen des Fotografen mit seinen Sujets gewesen sein dürften, treten sie uns entgegen, die unheldenhaften Helden einer rauen Wirklichkeit. Es scheint, als habe er jungen und alten Menschen den Vorzug gegeben, vielleicht eingedenk der Erkenntnis, dass dem Anfang und dem Ende des Lebens mehr Dramatik innewohnt als seiner Mitte. Die bereits erwähnten, Sommerwolken aufblasenden Knaben, das Mädchen, das die Arme um den geliebten Hund schmiegt, die junge Frau, Pferde am Zaum führend – viele der portraitierten Kinder gehören zum Volksstamm der Ruthenen, die er als „beinahe wie ausgesetzt wirkend“ bezeichnet, die „wie vergessen und nicht abgeholt auf ihren Bergen (stehen). Dem Himmel zum Greifen nah und zwischen den Wolken schwebend, werfen sie mit trotzigen Blicken, die längst keine Antwort mehr bekommen, wie mit Blitzen um sich.“ Reinhardts Kinderportraits stehen die vielen Portraits alter Menschen gegenüber mit ihrer archetypischen Ausstrahlung – der stoppelbärtige Alte etwa mit nur noch einem Zahn und halbblindem Blick, das von Falten zerfurchte Gesicht einer Greisin, das sich im Faltenwurf ihres großen schwarzen Kopftuchs fortzusetzen scheint, die beiden Alten, in deren Augen das Glück des gemeinsam altern Dürfens erstrahlt. Musiker hat er immer wieder beobachtet, Menschen bei der Arbeit, im Gespräch, beim Feiern. Und immer wieder den Tod, den die moderne westliche Zivilisation gern aus ihrem Blickfeld verdrängt. Ob es uns deswegen so scheint, als hätten Reinhardts Bilder auffällig oft mit dem Tod zu tun? Das trifft gewiss nicht zu. Jedoch will der Autor sicherlich mit seinen Portraits von Trauernden und Toten aus der Maramuresch daran erinnern, dass Geburt und Tod gleichermaßen zum Leben gehören. Wenn ich ein Wort suchen müsste, das alle Bilder und Texte kennzeichnet, so kann es nur dieses sein: Würde.z ... Nein, Björn Reinhardts Buch ist kein Reiseführer. Und man wird auch nur ganz vereinzelt auf Landschaftsaufnahmen treffen. Wer sich aber auf seine Portraits einlässt, wird sich hingezogen fühlen zu diesem Landstrich, wird ihn besuchen und seine Menschen kennen lernen wollen. Vielleicht wird der eine oder andere auch hängen bleiben, wie Reinhardt, der in dem Text zu einem Bild, dass vom Nebel umwaberte ferne Hügellandschaft zeigt, Folgendes schreibt: „Wer nicht Acht gibt, wird sich ein Leben lang in ihrer Schönheit verlieren ohne wirklich verloren zu gehen … Hundertfach wird er sich auf seiner Reise durch diese Landschaften verändert wiederfinden, in sich selbst auftauchen und auf wundersame Weise der geblieben sein, den zu ändern er einst gekommen war.“

Hansotto Drotloff


Björn Reinhardt: „Maramuresch. 101 Foto/Geschichten aus den Waldkarpaten Rumäniens“. Schiller Verlag, Bonn/Hermannstadt, 2018, 202 Seiten, Hardcover, 22,00 Euro (90,00 Lei), ISBN 9-783-94695424-8, erhältlich auf www.schiller.ro, unter der deutschen Telefonnummer (0228) 90919557 oder in jeder deutschen Buchhandlung.

Schlagwörter: Maramuresch, Fotografie, Bildband, Besprechung, Rumänien

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