11. Januar 2019

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Kulturerbe Kirchenburgen – Projekt Streitfort

Kulturerbe Kirchenburgen – ein Thema, das viele Gäste am 25. November ins Haus der Kirche in Darmstadt zum kulturellen Nachmittag des dortigen Kreisverbands gelockt hatte. Dessen Vorsitzende Sieglinde Schrädt moderierte diese letzte Veranstaltung 2018 und freute sich ganz besonders, die Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, zu begrüßen. Sie hat sich der Förderung der Kulturarbeit dieser Bevölkerungsgruppe verschrieben; auch diese von Frau Schrädt ins Leben gerufene Vortragsreihe wurde von ihrem Ressort finanziell unterstützt.
Herzlich wurden auch die Landesvorsitzende Ingwelde Juchum und der Referent Walter Jakobi sowie seine Mitstreiterin Eleonore Gropper willkommen geheißen. Frau Ziegler-Raschdorf lobte die Initiative zu dieser Vortragsreihe und versprach auch weiterhin ihre Unterstützung für ähnliche Veranstaltungen. Insbesondere sei sie von der Zielstrebigkeit der Siebenbürger in Hessen beeindruckt. In ihrer Ansprache betonte sie, dass die Belange der Spätaussiedler der hessischen Regierung ein besonderes Anliegen seien und diese daher zahlreiche Aktivitäten der Landsmannschaften unterstütze und fördere. Sie erzählte, dass sie die Gelegenheit hatte, Kirchenburgen in Siebenbürgen zu besichtigen und sich daraufhin intensiver mit deren Geschichte beschäftigt habe. Der Staat sehe es als seine Verpflichtung an, die Verbände der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler in der Erhaltung und Pflege der Erinnerungskultur zu unterstützen. Dies sei ihr auch ein ganz besonderes Anliegen.

Nach diesem Statement stellte Karin Scheiner den Hauptredner des Nachmittags vor, Walter Jakobi, der sich seit mehreren Jahren für den Erhalt der Kirchenanlage in Streitfort im Kreis Kronstadt engagiert. Sein Vater hat dort seine Wurzeln. Da dieser beruflich viel unterwegs war, zog die Familie oft um und Walter Jakobi besuchte Schulen in Kronstadt, Mediasch, Hermannstadt und Wolkendorf. Als 25-jähriger Sportstudent gelang ihm die Ausreise nach Deutschland. Hier beendete er das Studium und nach einigen Jahren als Sportlehrer erfüllte er sich einen lang gehegten Traum: Er studierte Medizin und ließ sich im hessischen Schaafheim als Landarzt nieder. Sein Interesse für die alte Heimat wurde wieder geweckt, als er seinen Vater, der Hilfstransporte nach Siebenbürgen organisierte, etliche Male dorthin begleitete. Die Verbundenheit zu Siebenbürgen intensivierte sich und über einige Umwege führte ihn sein Weg nach Streitfort. Hier beschloss er, sich für den Erhalt der Kirchenanlage einzusetzen – kein leichtes Unterfangen. Auf welche Schwierigkeiten und Hindernisse er dabei stieß und immer noch stößt, schilderte er kurzweilig und emotional.Kirchenanlage von Streitfort, März 2018. Foto: ...Kirchenanlage von Streitfort, März 2018. Foto: Eleonore Gropper Nach ersten Gesprächen mit dem Bezirkskirchenkonsistorium (BK) in Kronstadt erstellte das Projektteam Jakobi/Gropper ein Konzept. Der in Siebenbürgen bekannte Architekt Jan Hülsemann aus Bremen zeichnete die Baupläne für das Projekt zur sozialen Umnutzung, das der Kirchenanlage künftig neues Leben verleihen soll. Dafür waren Vermessungen des Grundstücks und der Bebauung notwendig. Die Pläne des Katasteramtes ergaben, dass die Kirche 1931 vom rumänischen Staat enteignet worden war. Das war fatal, denn nun musste das BK die Rückführung beantragen, wozu es leider nie kam. Phasen der Entmutigung wechselten mit Phasen der Euphorie ab. Die Eigentumsverhältnisse sind bis heute ungeklärt und stellen das größte Hindernis in der Projektplanung dar, denn ohne klare Eigentumsverhältnisse können rechtlich notwendige Genehmigungen nicht verbindlich eingeholt werden. Die sind aber wichtig, um legal Notsicherungsmaßnahmen – bevor das Projekt überhaupt in Angriff genommen werden kann – durchzuführen. Jakobi zeigte den Zuschauern berührende Bilder vom desolaten Zustand der Kirche und des Hofes. Anhand der von Architekt Hülsemann gezeichneten Pläne veranschaulichte er dem Publikum seine Ideen zur Umnutzung. In Planung sind verschiedene Werkstätten, z. B. eine Tischlerei, Schmiede und Weberei. Entlang der Ringmauer sind Appartements vorgesehen für die „Sommer-Sachsen“, die die Möglichkeit erhalten, sich an den unterschiedlichen Aktivitäten nach Geschmack und Talent zu beteiligen. Die Dorfbevölkerung soll natürlich in die Projekte integriert werden, Gelegenheit für Aus- oder Weiterbildung wird geschaffen. Ein zentrales Augenmerk liegt auf der Schule: Es soll eine Schule für Zigeuner entstehen, die in ihrer Sprache unterrichtet werden. Auch das Torhaus ist in der Planung des Projektteams mit neuem Leben gefüllt: Eine kleine Arztpraxis wird hier Raum finden. Interessant zu wissen ist, dass von etwa 700 000 Besuchern der Kirchenburgen in Siebenbürgen mehr als die Hälfte Rumänen waren (2017). Dies führte das Team dazu, auch einen Campingplatz im Kirchgarten mit einzuplanen. Ideen gibt es also zuhauf und die Zuhörer zeigten sich beeindruckt von den Visionen ihres Landmanns, aber auch von der Energie, mit der er sich für sein Projekt einsetzt. Mit dem Video einer großen Sportveranstaltung in Streitfort aus dem Oktober 2018 schloss Jakobi seinen Vortrag.

Bereitwillig beantwortete er im anschließenden Gespräch die Fragen des interessierten Publikums. Eine der Teilnehmerinnen, Ursula Stoll, berichtete während der Diskussion über die erfolgreiche Restaurierung der Kirchenburg in Holzmengen und die gelungene Nutzung der renovierten Räumlichkeiten als Jugendbegegnungsstätte und Heimatstube, wo auch Produkte aus dem Harbachtal verkauft werden. Dieses Beispiel zeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt etwas zu bewegen. Mit diesem hoffnungsvollen Ausblick und Dank an die Besucher endete die Veranstaltung.

Karin Scheiner, Eleonore Gropper

Schlagwörter: Kreisverband, Darmstadt, Vortrag, Kulturerbe, Kirchenburgen, Streitfort

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