1. Juli 2019

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„Zeitreise“ in Dinkelsbühl mit Gemälden von Michael Lassel

30 Ölgemälde des international renommierten Künstlers Michael Lassel wurden am Pfingstwochenende in Dinkelsbühl gezeigt. Den Ausstellungstitel „Zeitreise“ hat der aus dem nordsiebenbürgischen Ludwigsdorf stammende Trompe-l‘œil-Maler, der am 19. Dezember 2018 seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, selbst gewählt. Im Kunstgewölbe waren Arbeiten aus der Zeitspanne 1992 bis 2018 zu sehen. Einen „Gipfel ästhetischer Wahrnehmung“ versprach Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster dem Publikum in seiner im Folgenden abgedruckten Einführung anlässlich der Vernissage.
Sehr geehrte Freunde der Kunst, sehr geehrte Ehrengäste, herzlich willkommen zur Eröffnung der Ausstellung „Zeitreise. Gemälde von Michael Lassel“. Ein Titel, den der Künstler vorgeschlagen hat. Naheliegend angesichts der Tatsache, dass er damals, genauer: am 19. Dezember 2018, seinen 70. Geburtstag begangen hat.

Ich bin sehr erfreut, dass wir diese Ausstellung hier in Dinkelsbühl im Rahmen des Heimattages zeigen können. Dass es möglich geworden ist, verdanken wir drei Faktoren: In erster Linie dem Künstler Michael Lassel selbst und auch seiner charmanten Gattin Tünde. Herzlichen Dank. Ausstellungseröffnung: Zeitreise. Gemälde von Michael Lassel. Video: Günther Melzer Wir verdanken es aber auch dem Sachsentreffen vom August 2017 in Hermannstadt. Ein Beitrag unseres Verbandes dazu war die Ausstellung „Barockkolloquium“ im Brukenthalmuseum, das sein 200-jähriges Bestehen feierte. Es wurde im Urteil des Museumsdirektors Prof. Dr. Sabin Luca die erfolgreichste Sonderausstellung des Museums. Erst diese Ausstellung und ihr Erfolg ließen mich die Hemmung einem internationalen Spitzenkünstler gegenüber überwinden, so dass ich mich traute, ihn auch zum Heimattag einzuladen. Angesichts seiner prompten und bedenkenlosen Zusage muss ich mich im Rückblick fragen: Wieso hab ich mich nicht schon viel früher getraut?

Wobei viel früher zu relativieren ist – und damit sind wir bei dem dritten Faktor: Das ist ein Artikel meines Kollegen und Stellvertretenden Chefredakteurs der Siebenbürgischen Zeitung Christian Schoger (siehe Maler-Porträt: Michael Lassel: Surreale Momente wahrnehmen). Es ist ein Bericht über Lassels Ausstellung „Sicht der Dinge“ in der Würzburger Residenz. Das Bild in der Mitte der Zeitungsseite bannte meinen Blick: „Dom II“ war es betitelt. Ich erkannte den Regensburger Dom auf den ersten Blick und war hingerissen von der Gesamtausstrahlung des Bildes ebenso wie von dessen meisterlich ausgeführten Details. Ich war versucht, die abblätternden Farbpartien von dem alten Holz, das den Bildhintergrund bildete, abzuzupfen. So täuschend hyperrealistisch malt Lassel – wohlgemerkt, ich hatte nur einen Zeitungsdruck vor mir und nicht das Original! Ich hatte die Illusion von stofflich greifbarer Realität. Und es kam eine weitere Täuschung dazu: der Dom, seine imposante Freitreppe, die zu seiner Westfassade hinaufführt, über die sich zwei Türme hoch gen Himmel heben, und die Strebepfeiler, die die Seitenmauern stützen. Allerdings war das alles nicht aus greifbar gemaltem Stein gebildet, sondern aus ineinander verschachtelten Blasinstrumenten. Trotz all dieser Täuschungen war es kein Trugbild, sondern die Darstellung eines gotischen Domes, so wie sich dessen Urvater, Abt Suger von Saint Denis, ihn sich idealerweise vorgestellt hat. In Lassels Bild erkennen wir die gotische Kathedrale als zum Himmel hoch strebende Lobpreisung Gottes. Für ihn typisch kommentiert er das aber: „Nicht nur die Architektur – auch die Musik ist ein Lob Gottes“. Vielleicht zeigt sich in diesem Bild und in dem hier ausgestellten „Dom I“ schon eine erste Zeitreise? Ein Blick zurück, in Lassels Jugendjahre, als er noch nicht wusste, ob er sich für die Malerei oder die Musik entscheiden sollte? Michael Lassel folgt aufmerksam ...Michael Lassel folgt aufmerksam Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster bei dessen Einführung in die Ausstellung. Foto: Christian Schoger Aber ich schweife ab, und kehre zurück zur Vorbedingung, zu dem erwähnten Artikel. Ich war hin und weg von dem Bild und fragte mich immerzu: Wieso habe ich von diesem Typen, einem Landsmann, der 1948 geboren wurde und seit 1986 in Deutschland lebt, dessen Bilder Preise von 100 000 DM erzielen und in allen großen Museen hängen, noch nichts gehört? Ich recherchierte und fand in deutschsprachigen Medien einige Beiträge – einen sehr guten in der Berliner Zeitschrift „Weltkunst“ von 2003 –, aber keinen einzigen in der Siebenbürgischen Zeitung oder in deutschen Publikationen in Rumänien. Wieso haben ein Harald Krasser, Hans Bergel, Rolf Schuller, Manfred Wittstock, Marius Tataru,… ihn übersehen? Oder hatten auch sie die gleichen Hemmungen wie ich?

Ich hoffe, dass wir mit den beiden Ausstellungen einiges gutmachen können, dass wir zumindest dazu beitragen, dass Michael Lassel die ihm zustehende Aufmerksamkeit seitens seiner Landsleute erhält. Denn er verdient sie. Das wird von seinem internationalen Erfolg unterstrichen. Sein Werk hätte diese Aufmerksamkeit aber auch ohne diesen Erfolg verdient. Bevor wir uns ihm näher zuwenden, noch ein paar Angaben zu seinem Lebenslauf. 1948 in Ludwigsdorf (Logig) bei Sächsisch-Reen geboren, hat er an der Kunstakademie Bukarest studiert und als Kunstlehrer u. a. an der Bergschule in Schäßburg sowie als Grafiker gearbeitet. Seit der Ausreise 1986 lebt er als freier Künstler in Fürth. Lassel, der als Schüler des großen realistischen Malers Corneliu Baba anfangs abstrakt malte, findet erst nach der Ausreise zu der Pariser Malergruppe um Pierre Gilou „Trompe l’œil / Réalité“ und zu seinem Stil. Beim Trompe l’œil (franz. = Augentäuschung) handelt es sich um gemalte Illusion, um aufs Äußerste gesteigerte Anmutung von Dreidimensionalität, zu der die zweidimensionale Malerei fähig ist. Ihren Höhepunkt erreichte diese Malweise um 1700 zu der Zeit des Barock. Dass Lassel darauf zurückgreift und in seiner Malkunst den großen Malerfürsten dieser Zeit seine Reverenz erweist, ist ein weiterer Aspekt von „Zeitreise“. Nicht nur mit der äußerst akribisch-pedantischen Maltechnik schlägt er eine Brücke in die Zeit vor 300 Jahren. In seinen Werken klingen barocke Gelehrsamkeit ebenso an wie pralle barocke Lebenslust und das damit gepaarte Wissen um die Vergänglichkeit alles Lebendigen wie auch Sächlichen. Nichtsdestotrotz sind es Kunstwerke der Gegenwart, die uns die Entwicklung der Kunst in diesen 300 Jahren vor Augen führen und uns den Scheideweg bewusst machen, an dem die Kunst heute steht. Michael Lassel: „Interferenz“ (2018), Öl auf ...Michael Lassel: „Interferenz“ (2018), Öl auf Leinwand, 97 x 77 cm. Für die britische Anmutung des Ölgemäldes, das schon im Ägyptischen Museum in München ausgestellt wurde, sorgen Bildelemente wie die englische Krone oder der alte Stadtplan von London. Die rechts unten stehenden Buchbände, sagt der Künstler mit verschmitztem Lächeln, könnten, warum nicht, auch die „Brexit-Bücher“ sein. Michael Lassel hat sich diesbezüglich entschieden: gegen Digital und für Analog, für die mit allen Sinnen wahrnehmbare künstlerische Darstellung. Nicht zuletzt aber für Analogie, wobei wir uns bewusst sind, dass unabhängig davon, wie ausgeprägt gemeinsame Merkmale der Welt und ihrer realistischen, idealistischen oder surrealistischen Darstellung durch Michael Lassel auch sein mögen, es mindestens so ausgeprägte Unterschiede gibt, die die Gemeinsamkeiten unterlaufen und ebenso in Frage stellen, wie sie unsere Sinneswahrnehmungen täuschen.

30 Werke von Michael Lassel werden hier gezeigt. Wenn man sich bewusst macht, dass jedes dieser Gemälde die Frucht eines rund sechsmonatigen Schaffensprozesses ist, stehen wir vor einem knappen Fünftel seines Lebenswerks.

Mehr will ich nicht sagen, nicht zum Künstler, auch nicht zu seinem bis in die Londoner Tate Gallery führenden Werdegang, und auch nicht zum Stellenwert, den seine Werke in der Kunst der Gegenwart und in der Kunstgeschichte einnehmen. Eine gute Orientierung hierin bietet Frank Remmert in dem Katalog zu der Ausstellung „Barockkolloquium“, von dem es leider nur noch ein paar Exemplare gibt. Remmerts Beitrag in diesem Katalog trägt den Untertitel „Versuch über den Maler Michael Lassel“ und den Titel „Welttheater der Ideen“. Ich überlasse Sie jetzt den Inszenierungen von Michael Lassel, der sich selbst ebenso in Szene zu setzen weiß wie die ihn umgebende Welt. Noch den profansten und nebensächlichsten Dingen bietet er eine Bühne, lässt sie an seinem „Schau-Spiel“ teilhaben, widmet ihnen die volle Aufmerksamkeit und adelt sie durch seine vollkommene Maltechnik. So werden viele der hier ausgestellten Werke zu einem „Schau-Kasten“ in des Wortes doppelter Bedeutung. Genießen Sie sie, lassen Sie sich auf sie ein, um zu spüren, dass Sie sich auf einem Gipfel ästhetischer Wahrnehmung befinden.

Schlagwörter: Heimattag 2019, Dinkelsbühl, Ausstellung, Kunstausstellung, Malerei, Michael Lassel, Vernissage, Einführung, Schuster, Bundeskulturreferent

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