10. Februar 2020

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Multiperspektivisches Erzählen: Kurzprosa von Viorel Marineasa

„Er gehört zu den Stillen, ihm behagt die lärmende Öffentlichkeit nicht“, schreibt der Literaturkritiker Cornel Ungureanu über den rumänischen Schriftsteller Viorel Marineasa im Nachwort des Bandes „Werkzeuge, Waffen, Instrumente“, kürzlich auf Deutsch im Ludwigsburger Pop Verlag erschienen. Und damit bringt er treffend zur Sprache, was den 1944 im rumänischen Banat geborenen Autor ausmacht: Unaufdringlichkeit, obwohl er allen Grund hätte, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Denn durch die erstaunlich sichere Handhabung einer multiperspektivischen Erzählweise und durch die sprachlich erfinderische Pracht kann Viorel Marineasa vorbehaltlos als Vertreter der literarischen Postmoderne gelten.
Die hier versammelten Kurzgeschichten sind durch ihre grelle Komik und Verrücktheit so einmalig, so originell, dass man getrost von einem Marineasa-Stil sprechen kann. Nicht umsonst hat er im Lauf der Jahre zahlreiche Literaturpreise in Rumänien erhalten. Ursprünglich zwischen 1985 und 2013 entstanden, schildern diese grandiosen Texte mittels Bewusstseinsströmen und Identitätswechseln auf wundersame Weise die bunte Welt des multikulturellen Banats mit seiner Vielfalt an Menschen, Sprachen, Mundarten, Traditionen und Lebensweisen vor, während und nach der kommunistischen Diktatur.

Marineasas Protagonisten sind Figuren am Rande der Gesellschaft, Gutgläubige und Versager, Böse und Ehrliche, Gestrandete und solche, über die jeder hinwegsieht. Sie sind auf der Jagd nach einem „Traumbild“, tappen umher wie Betrunkene oder Schlafwandler, pendeln zwischen Wirklichkeit und Wunschtraum oder versinken in erhebender Unerreichbarkeit. Einige Figuren und Handlungselemente tauchen in veränderter Form in den verschiedensten Erzählungen immer wieder auf. Obwohl der Titel „Werkzeuge, Waffen, Instrumente“ eine Ansammlung von Museumsobjekten suggeriert, geht es dem Autor in erster Reihe um Menschen. Exemplarisch kann dafür die (vielleicht auch autobiografische) Geschichte mit dem Titel „Trumlin“ angeführt werden. Im Mittelpunkt steht ein aparter, hochintelligenter Junge, der die Welt um ihn herum nüchtern und kritisch betrachtet. Sein Vater aber, seine Lehrer und Klassenkameraden schätzen ihn komplett falsch ein. Daraus erwächst eine Tragik, die den Leser bei der Seele packt. Die Erzählung „Der Andere ist der Onkel. Der Andere ist der Neffe“ ist als innerer Monolog des Neffen angelegt, der am Sterbebett des Onkels Wache hält. Dabei kommen ihm einzelne Episoden in den Sinn, die aus der Sicht unterschiedlichster Personen geschildert werden, deren Identität stets wechselt. Die Chimären der Vergangenheit durchsetzen die brüchige Ordnung der Gegenwart. Die Episoden fügen sich nicht zu einem sinnvollen, logischen Ganzen, es bleibt dem Leser überlassen, sie einzuordnen. Wo der Autor seinen Figuren in die Abgründe und dunklen Winkel ihres Bewusstseins folgt, ist er am stärksten.z ... Die Abfolge der skizzenhaften Kurzgeschichten in dem 1995 erschienenen Band „Dikasterialpalast“ geben durch die auftretenden Gestalten ein umfassendes Bild des Banats wieder, beginnend mit der osmanischen Besatzung über die der Habsburger bis hin zur stalinistischen Diktatur sowie der Herrschaft Ceaușescus. Der Nachhall eines untergehenden Vielvölkerstaates ist allgegenwärtig. Hier tummelt sich ein Volk von Bauern und Beamten, Schriftstellern und Hochstaplern, von Tätern und Opfern, die sich mit den historischen Widersprüchen der Zeit herumschlagen.

Als fabulierender Geschichtenerzähler von überbordendem Einfallsreichtum beweist sich Marineasa auch in „Ein Einknicken in den 1920ern“. Der kommunistische Alltag, die Nöte der Leute in der kleinen Welt einer Grenzregion und ihre politischen Folgen werden mit keinem Wort kommentiert, sie sind ganz aus der Haltung der Handlungsträger abzuleiten. Marineasas Kurzprosa stellt auch an die Übersetzer hohe Ansprüche. Es ist oft sehr schwer, gleich zu erkennen, worum es geht. Sprachlich sind die Texte unglaublich komplex, es gibt keine Zwischenräume mit lockeren Beschreibungen oder Geplänkel. Immer geht es dem Autor ums Wesentliche. Seine Sätze sind oft abgerissen, Teile davon werden neu aufgegriffen und eingefügt, die Worte haben etwas Eruptives. Hinzu kommen die trickreichen Namen der Helden, die nicht zufällig gewählt wurden und im Kontext besondere Bedeutungsträger sind, aber auch regionale, mundartliche Ausdrücke, deren Eigenheiten in der Übersetzung beizubehalten kein leichtes Unterfangen war.

Durch die Kraft der Bilder, durch die große Wirklichkeitsnähe und sinnliche Erzählweise gibt dieser nun endlich auf Deutsch erschienene Band mit Kurzprosa Rumänien eine authentische Stimme.

Maria Herlo


Viorel Marineasa: „Werkzeuge, Waffen, Instrumente“. Kurzprosa. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht, Maria Herlo, Werner Kremm und Sigrid Kuhn. Pop Verlag, Ludwigsburg, 2020, 552 Seiten, 24,50 Euro, ISBN 978-3-86356-273-1

Schlagwörter: rumänische Literatur, Prosa, Kurzgeschichten

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