1. Juli 2020

Bedeutender Sprach- und Heimatkundler: Zum 200. Geburtstag von Georg Friedrich Marienburg

Wenn wir uns heute mit unseren Familiennamen beschäftigen, wenn wir unseren Nachbarn, die über unseren sächsischen Dialekt erstaunt sind, die Verwandtschaft zum niederrheinischen und moselfränkischen Dialekt erklären, wenn wir uns mit der Besiedlungsgeschichte Siebenbürgens befassen, dann sollten wir wissen, dass vor mehr als 150 Jahren ein Mann namens Marienburg mit seiner Forschungsarbeit auf diesen Gebieten Pionierarbeit leistete.
Georg Friedrich Marienburg auf einem Gemälde um ...
Georg Friedrich Marienburg auf einem Gemälde um 1850, aufgenommen vom Mühlbacher Fotograf Victor Cloos.
Georg Friedrich Marienburg wurde am 4. Juni 1820 in Mühlbach in eine ehrwürdige Familie hinein geboren. Seine Eltern waren der gleichnamige Magistratnotär, späterer Grundbuchverwalter und Senator, sowie die Denndorfer Pfarrerstochter Julianna geb. Kramer. Seine Familie lebte erst in zweiter Generation in Mühlbach, nachdem sein Kronstädter Großvater Georg Marienburg oder Marienburger, wie er sich ursprünglich nannte, nach mehreren Jahren im Dienst der Schule und der Verwaltung, sich in Mühlbach niederließ, wo er Magistratsrat und danach Königsrichter wurde.

Nach der Grundschule in seiner ­Heimatstadt zog der 14-jährige Marienburg an das Gymnasium in Hermannstadt und fünf Jahre später an die Universität Berlin, wo er schwerpunktmäßig Theologie und Germanistik studierte. Das reformierte ungarische Kollegium in Klausenburg, an dem er in den Jahren 1841 und 1843 sein Studium der Rechtswissenschaften fortsetzte, vermerkte mit großem Lob in seinem Zeugnis, dass er seine Abschlussprüfung in der ungarischen Sprache abhielt. Nachdem er 1842, während seiner Studienunterbrechung, Erfahrung als Lehrer in seiner Heimatstadt gesammelt hatte, folgte er dem Ruf des Schäßburger Bergschulgymnasiums, wo er Geographie, Deutsch, Latein und Griechisch bei den mittleren und oberen Klassen unterrichtete.

Aus Überzeugung und nicht aus wirtschaftlichen Gründen trat er im Sturmjahr der österreich-ungarischen Revolution, am 8. Oktober 1848, die freigewordene Stelle als Pfarrer in Nadesch, einer untertänigen Komitatsgemeinde mit über 800 Seelen, an. Hier blieb er, nach den Worten des Bischofs Georg Daniel Teutsch, „bis zu seinem Lebensende in unermüdetem treuem Dienst all‘ der Heiligtümer des Glaubens, der Sitte, der Sprache, der Wissenschaft (…)“. Mit gerade mal 28 Jahren übernahm er damit die Verantwortung für die kirchlichen, schulischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Belange der sächsischen Gemeinde.

Zudem wurde er bald mit höheren Aufgaben im damaligen Bogeschdorfer Kapitel betraut, dem er lange diente, bis er letztendlich zum Dechanten ernannt wurde. Darüber hinaus war er Mitglied der Landeskirchenversammlung, des Bezirks-Ehegerichtes und, seit dessen Gründung im Jahr 1842, des Vereins für siebenbürgische Landeskunde.

Begeisterungsfähigkeit, gepaart mit Disziplin und Ausdauer, ermöglichten ihm, über seine musterhaft geführten Ämter hinaus auch wissenschaftlich erfolgreich zu sein. Seine großen Verdienste sind seine Forschungsarbeiten, mit denen er zugleich Neuland ­betrat. Die erste Abhandlung Marienburgs, „Das Verhältnis der siebenbürgisch-sächsischen Sprache zu den niedersächsischen und niederrheinischen Dialekten“, erschien bereits 1845 in Kronstadt. Während einer Reise durch das Rheinland im August 1841 erkannte er große Ähnlichkeiten und somit auch eine nahe Verwandtschaft zwischen der Kölner und der siebenbürgischen Mundart. Damit ist er der erste Siebenbürger, der in Betracht zog, das Herkunftsgebiet der Siebenbürger Sachsen anhand ihres Dialektes zu bestimmen.

Intensiv erforschte er auch die Familiennamen seiner Landsleute. Das Ergebnis veröffentlichte er 1856 in dem Beitrag „Über die siebenbürgisch-sächsischen Familiennamen“. Auch dieses Werk, in dem über 600 Familiennamen erfasst und gedeutet werden, ist das erste seiner Art in Siebenbürgen. Selbst wenn einige Auslegungen später revidiert wurden, ist dieser Beitrag ein Grundstein der siebenbürgischen Onomastik. Im September 1850 übergab Marienburg dem Verein für siebenbürgische Landeskunde seine Abhandlung „Über die frühere und jetzige Ausbreitung und Dichtigkeit des deutschen Volksstammes in Siebenbürgen“. Auch dieser Beitrag ist aus landeskundlicher Sicht besonders wertvoll einzuschätzen, wenngleich seine Bedeutung zunächst unterschätzt wurde und von seinen Verlegern stümperhaft gekürzt wurde.

1860 folgte eine sprachwissenschaftliche Arbeit zum Thema „Über die Eigentümlichkeiten der siebenbürgisch-sächsischen Mundart“. Aus seinem Nachlass erschien 1882 der Beitrag „Über die siebenbürgisch-sächsischen Namen der Haustiere und was damit zusammenhängt“. Bedauerlich nur, dass von diesem außergewöhnlichen Beitrag ein großer Teil seiner Aufzeichnungen vor der Veröffentlichung verloren gingen.

Marienburg verfasste auch mehrere geschichtliche Arbeiten. Sein Werk „Ausflüge vom Nadescher Burgweg. Ein Beitrag zur Urgeschichte der deutschen Ansiedlungen in Siebenbürgen“ (1859), führt den Leser durch die Besiedlungsgeschichte Siebenbürgens. Hierdurch wird nach Bischof Georg Daniel Teutschs rührenden Worten die Gemeinde Nadesch „ihres Namens Gedächtnis erhalten sehen, auch wenn schon lange die Kirche in Staub zerfallen sein wird“. Die besagte Kirche wurde während Marienburgs Amtszeit mit seiner tatkräftigen Unterstützung erbaut, nachdem das alte, aus dem 15. Jahrhundert stammende Gotteshaus für die gewachsene Gemeinde zu klein geworden war.

Der unermüdliche Forscher veröffentlichte 1862 die Analyse „Zur Berichtigung einiger alturkundschaftlichen Ortsbestimmungen“, die mehrere Fragen zur Grenzbestimmung des Andreanischen Freibriefes von 1224 erklärt. Seine Aufzeichnungen für das „Gedenkbuch des Bogeschdorfer Kapitels“, mit denen er jahrelang mit großem Eifer und Freude beschäftigt war, konnte er nicht mehr fertigstellen. Drei Jahre nach seinem Tod erschienen vier von acht geplanten Abschnitten dieses Werkes, das endlich Licht in die bis dahin kaum erforschte Geschichte dieser mehrheitlich auf Adelsboden gelegenen Gemeinden zwischen der Großen und der Kleinen Kokel brachte. Durch mehrere Liedertexte und insbesondere durch das auch heutzutage gern zitierte Gedicht „Sachsenadel“ stellte er auch seine Dichtkunst unter Beweis.

Dabei wurde Georg Friedrich Marienburg im Leben nicht nur Glück und Erfolg zuteil. Schwere Schicksalsschläge trafen ihn mit dem Verlust zweier Ehefrauen und zweier Kinder, die früh verstarben. Nach ihrem frühen Tod hinterließ ihm seine Ehefrau Helene Maria Seiwerth (1829-1850) zwei kleine Kinder, Julianne Helene (1847-1924) und Julius Friedrich (1849-1876). Auch seine zweite Ehefrau, Amalie Bacon (1826-1877), und seine beiden Söhne, Julius Friedrich (siehe oben) und Gustav Adolph (1853-1854), haben ihn frühzeitig verlassen. Im Alter von 58 Jahren heiratete er erneut und verbrachte seine letzten drei Lebensjahre mit der aus Hermannstadt stammenden Friederike Wagner von Wetterstädt (1833-1898).

Vertieft in seine Arbeit, wurde Gorg Friedrich Marienburg am Abend des 21. November 1881 von einer Übelkeit befallen und verstarb in wenigen Augenblicken an einem Schlaganfall. Seine ewige Ruhe fand er im Familiengrab, am oberen Hügel des Nadescher Friedhofs, wo auch jetzt noch ein hoher Grabstein an diesen stillen, herzlichen Mann mit feinem Humor, wie ihn Georg Daniel Teutsch beschreibt, erinnert.

Nach den Worten seiner Nichte, der Frauenrechtlerin Marie Stritt, war er ein „geistvoller liebenswürdiger Mann, ein jovialer Gesellschafter und Freund eines guten eingekellerten Tropfens“. Sein breit gefächertes wissenschaftliches Werk, welches die Erforschung der Sprache und Geschichte der Siebenbürger Sachsen bedeutend vorangebracht hat, hat seine Zeit überdauert und ihn unsterblich gemacht.

Hans Georg Baier

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Sprachgeschichte, Heimatkunde, Namensforschung, Geschichte, Wissenschaftler

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