28. Juli 2020

Ein Leben voller Hilfsbereitschaft für unsere Landsleute: Nachruf auf den Kirchenmusiker Hans-Gerhard König

Hans-Gerhard König ist am 28. Mai im Alter von 93 Jahren gestorben. Der siebenbürgische Musiker, der mehrere Jahre den Chor der Nordsiebenbürger Sachsen dirigiert hat, wurde 1926 in Râmnicu Vâlcea südlich des Roten Turm Passes in Rumänien geboren. Seine Eltern, beide aus Heltau, lebten seit 1925 in Talmesch, wo sein Vater Johann König in einer Tuchfabrik als Abteilungsleiter tätig war. Seine Mutter Wilhelmine König fuhr als hochschwangere junge Frau zu ihren Eltern nach Rimnik, um dort ihr erstes Kind zur Welt zu bringen.
Hans-Gerhard König (1926-2020) ...
Hans-Gerhard König (1926-2020)
Bereits mit vier Jahren wurde Hans-Gerhard von seiner Familie getrennt. Die Großmutter Anna König, Pfaffengasse 462, war der Meinung, ihn in Heltau besser erziehen zu können als in Talmesch, wo man einen anderen sächsischen Dialekt sprach. Hier besuchte er auch die Volksschule und bekam beim Musiklehrer Friedsam Unterricht im Violinenspiel.

Im Herbst 1937 kam er auf das Gymnasium am Hundsrück nach Hermannstadt. Seinen Violinenunterricht konnte er bei Prohaska, Mitglied der Philharmonie Hermannstadt, fortsetzten. In der Schule unterrichtete Franz Xaver Dressler das Fach Musik. In diesem Fach war Hans-Gerhard Klassenbester. Als Mitglied der Hermannstädter Sängerknaben regte sich bei ihm schon früh der Wunsch, Kirchenmusiker zu werden. In den anderen Fächern war er allerdings nicht so gut, und die Eltern lißen ihn beim Unternehmen Mühlsteffen als Färber und chemischer Reiniger ausbilden.

Von Hermannstadt wurde Hans-Gerhard im Januar 1945 als 18-Jähriger, wie alle anderen Siebenbürger Sachsen, nach Russland deportiert. Am 6. Februar kam er in Petrowskaja bei Stalino an, wo er im Kohleschacht arbeiten musste. Schwer erkrankt, erreichte er als Heimkehrer am 6. Dezember 1946 Frankfurt an der Oder und landeten im Lager für Umsiedler Gera-Zwötzen. In der damaligen Ostzone traf er seine Schwester Irmgard, die als 17-Jährige ebenfalls in die Sowjetunion verschleppt worden war. Während sie zu den Eltern nach Siebenbürgen zurückkehrte, entschied sich Hans-Gerhard, in Deutschland zu bleiben. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Im Sommer 1949 begann er, nach einer Aufnahmeprüfung, ein Studium am Bayerischen Staatskonservatorium für Musik in Würzburg, musste aber auch hart arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Frühjahr 1952 belegte Hans-Gerhard König zusätzlich einen Kirchenmusikkurs. Im August 1953 beendete er das Studium mit der C-Prüfung in Gesang und Orgelspiel. Ab September 1953 war er Stadtkantor an der Stadtkirche St. Johannis in Uffenheim. Dort leitete er die Uffenheimer Chorknaben und unterrichtete Choralsingen an der Hauptschule der Stadt. Er war dort bis September 1955 tätig. In dieser Zeit machte er auch eine Ausbildung zum Religionslehrer. Ab Januar 1956 wurde er in Heutingsheim und Geisingen als Kantor, Katechet und Religionslehrer angestellt. Als schließlich besser ausgebildete Religionslehrer auf den Markt kamen, wechselte er zum Oberkirchenrat nach Stuttgart. Er lebte in Schönaich bei Böblingen, von wo er jeden Tag nach Stuttgart zur Arbeit fuhr.

Vom Ev. Oberkirchenrat Stuttgart wurde er beauftragt, Hilfe für bedürftige Siebenbürger zu leisten. Diesen Auftrag nahm er sehr ernst. Bei ihm sammelten sich Ansuchen für lebenswichtige Medikamente, Brillen und andere Hilfsgüter bedürftiger Landsleute aus der Umgebung von Hermannstadt. Oft fuhr er mit dem Auto nach Siebenbürgen, um solche Güter zu transportieren. Manche Stange westlicher Zigaretten wurde anscheinend achtlos auf dem Fahrersitz seines Wagens deponiert. Sie verschwand während der Zollkontrolle, so dass die lebensnotwendigen Hilfsgüter unbeschadet nach Siebenbürgen gelangten. Vor allem während der 1960er Jahre konnte er mit seinen Fahrten unzähligen Menschen helfen. Seinen Beruf als Musiker übte er nebenbei weiterhin aus. Er dirigierte mehrere Jahre den Chor der Nordsiebenbürger Sachsen. Zwei Mal begleitet er als Organist den Festgottesdienst beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Während seiner Besuche in Talmesch war es für ihn ein wichtiges Anliegen, als Organist im Gottesdienst am Sonntag tätig zu sein.

Hans-Gerhard König sang im bekannten Stuttgarter Chor, wo er oft auch als Solo-Tenor mitwirkte. Von diesem Chor wurden mehrfach Schallplatten aufgenommen. Die Tonaufnahmen fanden im Kloster Zwiefalten statt, wo kein Fluglärm die Darbietungen beeinträchtigte. Viele seiner privaten Klavierschüler konnte er derart begeistern, dass sie eine musikalische Kariere einschlugen.

Hans-Gerhard König wurde am 9. Juni in Schönaich im engsten Familienkreis beigesetzt. Nicht nur Familienmitglieder, auch viele Landsleute werden ihn in dankbarere Erinnerung behalten.

Horst Erich König

Schlagwörter: Porträt, Nachruf, Musiker, Organist, Chorleiter, Heltau, Hermannstadt, Baden-Württemberg

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