12. Oktober 2020

A fost odată Hohe Rinne / Es war einmal … die Hohe Rinne

Die Leistungen des im Jahre 1880 in Hermannstadt gegründeten Siebenbürgischen Karpatenvereins (SKV) wurden anlässlich verschiedener Gelegenheiten gewürdigt. Eine ganz besondere Leistung vollbrachte die Sektion Hermannstadt des SKV durch die Errichtung des Höhenluftkurortes Hohe Rinne im Zibinsgebirge, gelegen auf 1420 m über d. M. Und dieser außerordentlichen Leistung hat sich der rumänische Nuklearmediziner, Jurist, Historiker, Elektronikingenieur, Sammler und Philatelist Dr. Mircea Dragoteanu angenommen und darüber ein ganz besonderes Buch geschrieben.
Der hier besprochene Band ist die zweite, stark erweiterte Ausgabe eines bereits im Jahre 2014 erschienenen Buches. Es umfasst im A4-Format 550 Seiten statt den 240 Seiten der ersten Auflage. Das Buch gründet auf einer wahren Flut von gedruckten Zeitzeugnissen sowie auf einer Vielzahl von Aussagen von Nachkommen der Akteure des ausgehenden 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts, wiedergegeben in einer drucktechnisch einwandfreien Qualität.

In einem Vorwort von Univ.-Prof. Dr. Ernst Albert wird dem Leser der Autor des Buches vorgestellt. In einem eigenen Vorwort schlägt der Autor einen Bogen von seinem ersten Hohe-Rinne-Buch zu dem nun vorliegenden. Er dankt der großen Anzahl von Helfern in Sachen Dokumentation und Übersetzungen, mussten doch alle zeitgenössischen Dokumente in die rumänische Sprache übersetzt werden. Ganz besonders dankt er Gymnasiallehrer Konrad Klein, den er als Zeichen seiner Wertschätzung und des Dankes im Untertitel als Mitarbeiter nennt.

Ausschlaggebend für den Ton des gesamten Buches sind die Aussagen des Autors in seinem Vorwort, dass durch die Arbeit an diesem Buch: „mein Respekt für die sächsische Zivilisation, für die deutsche Mentalität und Kultur ist noch mehr gewachsen“ sowie „mein Verständnis der sächsischen Zivilisation aus ihrem Inneren heraus“.

Zu Beginn wird der SKV vorgestellt, seine Sektion Hermannstadt, samt einem Einschub betreffend die Geschichte der Siebenbürger Sachsen.

Das Buch ist chronologisch gegliedert: die Zeitspanne 1885-1891, die Zeit der Grundstücksuche und Beschaffung der ersten finanziellen Mittel, danach jedes Jahr mit seinen Bestrebungen, Ereignissen und den Ergebnissen großer Kraftanstrengungen bis zum Jahre 1918.

Begonnen hatte die Geschichte der Hohen Rinne mit einem Vortrag mit dem Titel „Anregungen für die Gründung eines Kurhauses im höhen-Klima in unseren Karpaten“ des Regimentsarztes Dr. Julius Pildner von Steinburg (1837-1917), gehalten am 27. März 1885 im Hermannsgarten in Hermannstadt und am 31. März beim Sitz der Sektion Hermannstadt des SKV. Der Vortrag stieß auf großes Interesse und die Sektionsleitung beschloss, eine derartige Anlage zu errichten. Das Echo in der sächsischen Gesellschaft war von überraschendem Ausmaß und durchwegs positiv. Es trafen sehr bald die ersten Spenden für das Bauvorhaben ein. Noch im selben Jahr spendeten Kaiser Franz Josef und der Kronprinz Franz Ferdinand für diesen Zweck 300 Gulden. Doch bis das passende Grundstück gefunden wurde und mit dem Eigentümer – der Gemeinde Großau – der notwendige Vertrag geschlossen wurde, vergingen gute sechs Jahre: Baubeginn war im Frühjahr 1892, die feierliche Eröffnung – nach Überwindung mancher unvorhersehbaren Widrigkeiten, auf die akribisch eingegangen wird – am 10. Juni 1894. Aus diesem Anlass wurde ein Telegramm an den Kaiser Franz Josef gesandt, dessen Empfang nach zweieinhalb Stunden vom Hof bestätigt wurde! Der Leser erfährt von den vielseitigen Aktivitäten zur Beschaffung der notwendigen finanziellen Mittel: die von der Sektion Hermannstadt jährlich zu Beginn des ­Monats Februar organisierten Bauernbälle, die Angebote für kostenlose Leistungen verschiedener Handwerksbetriebe, die Benefizveranstaltungen Hermannstädter oder internationaler Künstler wie der Einsatz von Baronin Melanie Freifrau von Pach, geborene Gräfin Csáky, einer berühmten Schauspielerin und Sängerin jener Zeit. Unter ihrer Schirmherrschaft fanden in Hermannstadt wiederholt Theater- und Ballettvorstellungen zu Gunsten des Kurhauses statt. Ausschlaggebend waren die regelmäßigen erheblichen Zuwendungen seitens der Hermannstädter Allgemeinen Sparkassa (Direktor Dr. Carl Wolff) und der Bodenkreditanstalt. Auch rumänische Finanzinstitute wie die Banca Albina spendeten. Über all die Jahre war das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt mit seinem Leiter Dr. Carl Wolff ein ständiger, treuer Begleiter der Sektion Hermannstadt des SKV und ihres Hauptprojektes, des Kurhauses auf der Hohen Rinne. Im Buch sind unzählige Annoncen und Beiträge aus dieser Zeitung – in der es „Von unserem Karpathenverein“ hieß – wiedergegeben.
Der Buchautor Dr. Dragoteanu (rechts) mit ...
Der Buchautor Dr. Dragoteanu (rechts) mit Wolfgang Kaiss, einem befreundeten Mönch (Bruder Valeriu) und Konrad Klein im Sommer 2017 beim Klosterkomplex Schit auf der Hohen Rinne (von links). Im Hintergrund neben dem Kirchlein befindet sich das Grab des Philosophen Constantin Noica. Foto: Annelies Fabritius-Tontsch
Einmal eröffnet, war es das Bestreben der Sektion und der rührigen Baukommission des Kurhauses, die Aufenthaltsbedingungen zu verbessern, um dem immer steigendem Zustrom von Gästen gerecht zu werden. Mit viel Wohlwollen und Sympathie werden die Hausmütter Friederike Michaelis und Berta Ziegler und das Totumfactum Misch (Michael Zeck), der dem Kurhaus ein halbes Jahrhundert treu geblieben ist, lobend erwähnt. Die Verbesserung der Ausstattung der Räume, die Wasserzufuhr, die Zufahrtsstraße von Rășinari, die Spazier- und Wanderwege, die Stallungen für die Vierergespanne der „Omnibusse“, 1898 das Gesellschaftshaus (auch Monaco-Pavillon genannt), u.a.m. waren alles Maßnahmen, die erhebliche finanzielle Mittel benötigten, auf deren Beschaffung der Autor immer wieder mit viel Mitgefühl eingeht. 1895 wurde das Touristenhaus zur Unterbringung von 40 Wanderern seiner Bestimmung übergeben. Im Jahre 1898 nahmen das „Franz Joseph“-Militär-Kurhaus auf der Hohen Rinne und das Ärzteheim ihren Betrieb auf.

Wiederholt unterstreicht der Autor anerkennend, mit welcher „deutschen“ Genauigkeit, Ernsthaftigkeit und Akkuratesse die Sektion Hermannstadt in allem vorging, alles immer „typisch sächsisch“.

Quasi als zur Hohen Rinne gehörend lernt der Leser die Persönlichkeiten Hauptmann Andreas Berger (1850-1919) und August Roland Spiess von Braccioforte zu Portner und Höflein (1864-1953) kennen, die durch ihren Einsatz zum Bekanntheitsgrad des Kurhauses auf der Hohen Rinne maßgeblich beigetragen haben.

Dem Autor des Buches war viel gelegen an der Wiedergabe der im Kurbetrieb herrschenden Atmosphäre, ihrer Eleganz, der Höflichkeit alter Schule, der gemeinsamen Freude, dem gegenseitigen Respekt der Kurgäste sowie der Liebe zu den Bergen. „Es gibt keinen Beweis irgendeines Konfliktes nationalen oder religiösen Ursprungs. (…). „Die Sachsen waren das ausgleichende Element in der Gesellschaft in diesem Teil Siebenbürgens. Die sächsische Gesellschaft gründete auf starken Regeln und Prinzipien, und der wirtschaftliche Erfolg der Zeit des 19.-20. Jh. war das Ergebnis ihres Fleißes, des gegenseitigen Respektes und ihrer Ernsthaftigkeit.“

Lesenswert sind die zahlreichen im Buch übernommenen Erinnerungen von Zeitzeugen, Veröffentlichungen aus dem Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt sowie Skizzen, Novellen und verschiedene Beiträge.

Mit großer Wertschätzung werden siebenbürgisch-sächsische Persönlichkeiten vorgestellt und ihre Leistungen hervorgehoben, wie z.B. Rechtsanwalt Dr. Albert Arz von Straussenburg, ­Bischof Friedrich Müller, Rechtsanwalt Dr. Carl Conradt (der 1889 vom Posten des Vorsitzenden des SKV zurücktrat, um sich ganz dem Kurhaus auf der Hohen Rinne widmen zu können), Robert Gutt, Emil Sigerus, Adolf Schullerus, über den es im Buch heißt: … „er ist in die Geschichte Rumäniens als ein Symbol der Ehrlichkeit und Würde eingegangen, der Freundschaft und des Respektes, mit dem die Sachsen ihre rumänischen Mitbürger geehrt haben“, oder der rumänische Zimmermann und Baumeister aus Rășinari Șerban Cruciat, der über Jahre hinaus alle Gebäude des Kurortes Hohe Rinne errichtet hat, und viele andere mehr.

Der Autor erwähnt und bewertet auch Ereignisse und Leistungen, die nicht in direktem Zusammenhang mir dem Kurhaus auf der Hohen Rinne standen: das Siebenbürgische Karpathenmuseum, die neue Wasserversorgung Hermannstadts, die Schutzhütten des SKV, die zu damals entstanden, die Auswanderung von 10000 Siebenbürger Sachsen nach Amerika (und die sechsmonatige Reise von Pfarrer Oskar Wittstock nach Amerika, um die Sachsen in ihrer neuen Heimat zu besuchen), wie der rumänische Kulturminister Take Ionescu Gründungsmitglied des SKV wurde, die Christbescherungen (Darurile Domnului), die die Sektion Hermannstadt für die mittellosen Bauernkinder der umliegenden rumänischen Dörfer veranstaltete, die vehemente Magyarisierungspolitik Budapests u.a.m.

Etwas ganz Besonderes sind die Listen aller Kurgäste ab der ersten Saison Juni 1894, je zwei Listen pro Jahr. Schon nur wegen der überraschenden Erkenntnisse aufgrund dieser Listen sollte man das Buch in die Hand nehmen: Sachsen, Rumänen, Juden, Ungarn u.a.m., Gymnasialabsolventen, Beamtenwitwen über Bischöfe bis hin zu Feldmarschällen sind alle Nationen und Stände vertreten. Da kommen „Fräuleins aus Istambul“ vor, genau so wie Schneidermeistergattinnen, Sekretäre, Barone, ja da wimmelt es manchmal förmlich von Generälen. Und die Kurgäste kommen nicht bloß aus der k.u.k. Monarchie, sondern z.B. auch aus Deutschland, dem Königreich Rumänien, England oder der Türkei. Man erfährt so manches aus diesen Listen, wie z.B. dass Bischof Friedrich Teutsch hier durchgehend von 1901 bis 1914 auf Erholung war, manchesmal auch vier Wochen, über die Klaviervirtuosin Luise Gmeiner (1885-1951) aus Kronstadt bzw. Berlin oder, dass der rumänische Dichter Octavian Goga etliche Male da zur Kur war und wer die Muse aus George Coșbucs Liebesgedicht „Numai una“ (Nur diese eine) war.

Schon beim ersten Durchblättern des Buches fällt die überaus reiche und fesselnde Illustration des Buches auf: zeitgenössische Postkarten, Fotografien, Prospekte, Einladungen zu den jährlichen Bauernbällen der Sektion Hermannstadt des SKV u.v.a.m. Der Leser wird durch die reiche graphische Austattung des Buches auf eine Zeitreise ins alte Europa und in die gute alte Kaiserzeit geschickt.

Der wiederholt beschriebenen idyllischen Atmosphäre folgte wie ein Paukenschlag der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Wieder kommen Zeitzeugen zu Wort. Mit Eintritt Rumäniens in den Krieg Ende August 1916 bekommt das Kurhaus auf der Hohen Rinne die Auswirkungen des Krieges voll zu spüren. Die Schäden und Folgen des Vandalismus werden immer wieder durch großen Aufwand behoben, so dass sowohl 1917 wie auch 1918 der Kurbetrieb stattfinden konnte. Doch mit dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie am 2. November 1918 setzten leider wieder Unordnung und Plünderungen ein.

Es folgte der bekannte weitere Geschichtsverlauf mit jemem historischen 1. Dezember 1918 mit der großen rumänischen Nationalversammlung in Karlsburg (Alba Iulia) und am 8. Januar 1919 unter Vorsitz von Dr. Adolf Schullerus, Stadtpfarrer von Hermannstadt, die Nationalversammlung der Siebenbürger Sachsen in Mediasch mit dem Beschluss des Anschlusses an Großrumänien. Der vom Autor des Buches so hoch geschätzte Adolf Schullerus sollte auch die Abordnung anführen, die am 30. Januar 1919 die Anschlusserklärung der Siebenbürger Sachsen an König Ferdinand in Bukarest überbrachte: „Mit diesem Januar 1919, beseelt von Hoffnungen und Ungewissheiten, beginnt für Transsylvanien, für die Gemeinschaft der Sachsen, für Hermannstadt und für die Hohe Rinne eine neue Epoche“(Dragoteanu).

Der Autor, ein begeisterter Philatelist, geht ausgiebig auf die hauseigenen Kurhaus-Marken ein (die erste wurde am 1. Juni 1895 herausgegeben). Inzwischen sind die meisten Ausgaben Raritäten und von Markensammlern hoch begehrt. Am Ende des Buches ist ein 40-seitiges Kapitel diesen Marken gewidmet, gefolgt von einem Anhang von 14 Anlagen, beginnend mit zwei Beiträgen zur Wahl des Standortes des Kurhauses bis hin zu Wanderwegen in der Umgebung des Kurhauses, ein ins Rumänische übersetzter Wanderführer der Zeit, ein Prospekt das Kurhaus betreffend sowie eine Aufstellung aller SKV-Schutzhütten.

Manfred Kravatzky


Mircea Dragoteanu: A fost odată Hohe Rinne, Istoria Păltinișului, Cartea I (1885-1918), ediţia a II-a, adăugită și revizuită, Editura SALGO, Sibiu (Hermannstadt) 2020. Interessenten können den Band beim Autor direkt bestellen, der dann das Buch per Einschreiben zuschickt - es ist der preiswerteste Weg, um in den Besitz des Bandes zu gelangen (Korrespondenz bitte nach Möglichkeit auf Rumänisch oder Englisch): dragoteanu [ät] yahoo.co.uk.

Schlagwörter: Buch, Karpatenverein, Siebenbürgen, Hohe Rinne, Gebirge, Geschichte

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