26. November 2020

Der Autor und Dramatiker Thomas Perle im Werkstattgespräch mit Heinke Fabritius

Vor 30 Jahren setzte eine massiv sich verstärkende Auswanderungswelle der deutschen Minderheiten aus Rumänien ein. Die Siebenbürgische Zeitung widmet sich dem Thema, wie schon in Folge 18, auch in dieser Ausgabe mit einem eigenen Schwerpunkt. Dazu passt in besonderer Weise das Interview mit dem Autor Thomas Perle, dessen Prosadebüt „wir gingen weil alle gingen.“ eine viel beachtete literarische Bearbeitung der Thematik bot.
Thomas Perle ist ein junger Autor (1987 in Oberwischau / Vișeu de Sus geboren), dessen Generation nicht aktiv an der Entscheidung für oder gegen die Auswanderung beteiligt war. Was er literarisch bearbeitet, ist eine mittelbare Erfahrung, geprägt durch die Erlebnisse und Erzählungen der Familie. Umso beeindruckender ist deshalb nicht nur sein präziser Blick auf die Ereignisse dieser Zeit, sondern auch sein Erfahrungshorizont der zweiten Generation, die Themen wie Emigration, Identität, Zugehörigkeit oft ganz anders wahrnimmt.
Thomas Perle. Foto: Julia Grevenkamp ...
Thomas Perle. Foto: Julia Grevenkamp
Thomas Perle hat an der Universität Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Schon während des Studiums arbeitete er als Regieassistent am Schauspielhaus Wien. Er war bei zahlreichen Projekten in der freien Theaterszene und verschiedenen Theaterhäusern in Österreich, Deutschland und Rumänien als Projektleiter, Autor und Regisseur tätig. 2018 erschien „wir gingen weil alle gingen.“ im Verlag edition exil. Für seine Prosa und Dramatik erhielt er zahlreiche Preise und Stipendien, zuletzt 2019 den Retzhofer Dramapreis.

Der Autor engagiert sich auch in der Jugendarbeit und bietet etwa in Zusammenarbeit mit der Kulturreferentin für Siebenbürgen Schreibwerkstätten für Schülerinnen und Schüler an. Dort führt er seine Zuhörer*innen literarisch mitten hinein in eines der Herzen Europas, zu den Karpaten und ihren Bewohnern, und übt mit den Jugendlichen eine Form des Schreibens, die spielerisch Fragen der Identität aufwirft.

In der Serie der Werkstattgespräche besucht Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum, in loser Folge Ateliers, Übungs- und Arbeitszimmer und bittet die Akteure zum Interview.

Herr Perle, Sie haben im vergangenen Herbst den Retzhofer Dramapreis erhalten. Das ist einer der renommiertesten österreichischen Nachwuchspreise für szenisches Schreiben. Neben dem Preisgeld – und das ist das ganz Besondere – ist mit der Zuerkennung zugleich die Uraufführung eines Stückes am Wiener Burgtheater verbunden. Der Preis bringt Sie also mit einem Sprung an die vorderste Front der Theaterszene. Am 13. Dezember wird Ihr Drama „karpatenflecken“ nun am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Worum geht es?

Es ist ein mehrsprachiges, mehrstimmiges Geschichtspanorama, das von einem kleinen Flecken Erde in den rumänischen Waldkarpaten seinen Ausgang nimmt. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen aus drei Generationen. Die Großmutter Margarethe, ihre Tochter und ihre Enkelin werden über politische, geographische und sprachliche Grenzen hinweg durch die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts getrieben.
Szenenfoto aus „LIVE“ am Radu Stanca ...
Szenenfoto aus „LIVE“ am Radu Stanca Nationaltheater in Hermannstadt. Foto: TNRS / Dan Susa
Sie schreiben auch Kurzprosa. In Ihrem Buch „wir gingen weil alle gingen.“ haben Sie sieben kurze, sprachlich eher minimalistisch gehaltene Texte entworfen, die sich historischen Ereignissen sehr unmittelbar nähern. Das gilt in besonderer Weise für die erste Geschichte, die mit der blutigen Revolution von 1989 in Rumänien beginnt und dann fortsetzt mit dem Exodus der rumäniendeutschen Bevölkerung. Diese Unmittelbarkeit hängt ganz stark auch damit zusammen, dass die Geschichte aus der Perspektive eines 12-jährigen Mädchens geschrieben ist. Wieso wollten Sie die gesellschaftlichen Ereignisse gerade aus dem ungefilterten Erleben eines Kindes und seiner emotionalen Schutzlosigkeit schildern?

In meinem allerersten Text, der die Basis für den Prosaband gelegt hat, geschah es aus reiner Hilflosigkeit. Ich war gerade einmal drei Jahre alt, als wir Rumänien verließen, und dementsprechend habe ich auch keinerlei eigene Erinnerungen an die kommunistische Zeit. Es war mir jedoch ein Anliegen, unsere Familiengeschichte zu erzählen, auf ehrliche Weise. Wahrhaftigkeit ist mir in meinem Schaffen wichtig, daher habe ich die Perspektive meiner älteren Schwester gewählt, die damals eben 12 Jahre alt war. Der Blick des Kindes ist naiv, neugierig, unverbraucht. Manche Geschichten möchten aus diesem Blick heraus geschrieben werden.

1987 geboren, 1991 mit den Eltern aus Rumänien ausgereist, sind Sie in Nürnberg aufgewachsen. Wie war das: Gab es in diesen jungen Jahren schon eine Wahrnehmung der eigenen Person als anders oder fremd? Zum Beispiel, weil Sie zu Hause andere, mehrere Sprachen redeten?

Die Mehrsprachigkeit habe ich, seit ich denken kann, als großes Geschenk angenommen und niemals hinterfragt. Als Jugendlicher auf ständiger Identitätssuche war es eher ein Thema.

Inwiefern?

Bin ich ein rumänischer Deutscher mit ungarischen Wurzeln? Ein rumäniendeutscher Ungar, ein ungarisch-rumänischer Deutscher, ungarisch-deutscher Rumäne? Ich hatte das Gefühl, ich muss mich einer Kultur zuordnen. Das konnte ich eben nicht, und kann es bis heute nicht.

Das ist in der Tat aufreibend und eine Frage, die viele junge Menschen treibt. Gemeinsam mit dem Haus der Heimat in Stuttgart haben wir vor einigen Wochen am Helmholtz-Gymnasium in Karlsruhe eine Schreibwerkstatt angeboten. Da fragte Sie eine Schülerin, weshalb Sie sich nicht für eine Identität, sondern, wie ihr schien, für das Pendeln, das Dazwischen entschieden hätten. Sie wollte wissen, wie das für Sie aushaltbar und lebbar ist. Ist Suche nach Identität oder Verortung nur schwer und anstrengend, aber hat sie vielleicht auch etwas Schönes?

Auf jeden Fall. Es ist doch immer schön, sich selbst zu finden. Um sich dann wieder zu verlieren und neu kennenzulernen. Das ist ein ständiger Prozess. Ich für mich habe für den jetzigen Moment das Dazwischen gefunden und fühle mich dort sehr wohl.

2008 sind Sie nach Wien gezogen. Solche Entscheidungen haben viele Gründe. Aber für Sie war es auch eine ganz bewusste Entscheidung vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte. Warum Österreich?

Wien liegt im Dazwischen. Zwischen meinem Geburtsland und dem Land, in dem ich aufgewachsen bin. Wien als multikulturelle Stadt hat mich von Anfang an angezogen. Es war mir wohl auch aufgrund seiner Geschichte näher an Zuhause. Österreich ist das Land, in dem meine Vorfahren gewandert sind. Mein Muttersprachendialekt Wischaudeutsch entstand aus dem Altösterreichischen, die Bräuche wurden aus dem Salzkammergut mitgenommen. Wien war sehr gut zu mir und wurde zum Zuhause.

Wenn ich das richtig rekonstruiere, haben Sie in den 90er Jahren ihre Sommerferien fast ausschließlich in Oberwischau in Rumänien verbracht. So ist Ihre Beziehung zu Rumänien nicht unmittelbar von der Zeit des Kommunismus geprägt, sondern steht eher für unbeschwerte Sommer auf dem Land, zumindest was die Kindheitsjahre betrifft. So betrachtet, könnte man schlussfolgern, ist es für Ihre Generation ein Leichtes, eine andere, weniger von Unterdrückung, Mangel und gegebenenfalls auch Verfolgung geprägte Erinnerung an das eigene Herkunftsland zu pflegen und Rumänien anders, vielleicht unvoreingenommener zu begegnen. Aus Ihrem Schreiben jedenfalls spricht empfundene Zuneigung, die Sie hegen und pflegen. Gibt es dazu Rückmeldungen von den Leserinnen und Lesern?

Am meisten freue ich mich, von Leserinnen und Lesern zu hören, dass ich die Zeit von damals richtig beschreibe, die historischen Fakten, die damals Alltag waren, einem Publikum wahrheitsgetreu schildere. Viele werden nostalgisch, doch ist die Härte des kommunistischen Regimes trotzdem in den Zeilen zu finden. Wie gesagt, ich habe die Jahre kaum miterlebt, sie stecken jedoch meinen Familienmitgliedern noch in den Knochen. Diese Zeit blieb für sie Erinnerung, gelebtes Leben. Wahrhaftigkeit ist mir wichtig beim Schreiben. Auch über jene Zeit. Ich schätze sehr, dass meine Familie – wie viele andere – die Verbindung zu meinem Herkunftsland niemals gekappt hat, sich nie für die Tatsache, aus Rumänien zu sein, geschämt hat.

Sie verschärfen die Unmittelbarkeit des Erlebens, indem Sie oftmals das Verb im Satz „verschlucken“ – man muss es selbst hinzudenken. Außerdem ist alles in Kleinbuchstaben geschrieben. Das hat etwas sehr Einnehmendes. Für manche Lesende mag es aber auch herausfordernd wirken, weil das Lesen zunächst schwerer fällt. Wieso haben Sie sich für dieses Konzept entschieden, das übrigens auch in „karpatenflecken“ fortgesetzt wird?

Ich schreibe auf Deutsch und wollte meine beiden anderen Muttersprachen Rumänisch und Ungarisch nicht nur durch Wörter einfließen lassen, sondern auch durch das Schriftbild. Ja, auch in diesen Sprachen gibt es manchmal Großschreibungen an Satzanfängen, kann man argumentieren. Ein Punkt bedeutet für mich jedoch nicht gleich Satzende. Der Punkt ist in meinem Schaffen als rhythmisierendes Instrument zu verstehen. Die durchgehende Kleinschreibung, die Wiederholung und Auslassung sind meine persönliche Art, mit Sprache umzugehen.

In Ihren Geschichten schildern Sie, was das Auswandern mit den Menschen macht. In die alte Heimat darf nur Erfolg kommuniziert werden, damit die Entscheidung zu gehen gerechtfertigt scheint. Tatsächlich ist das Ankommen aber nicht nur Erleichterung und Motivationsschub, sondern auch eine Herausforderung, die von den einzelnen Familienmitgliedern vielleicht sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Besonders gilt dies, wenn die Partner unterschiedlichen Ethnien angehören. Ihre Figur des Vasile erlebt das in aller Härte.

Vasile steht für so viele, deren Lebensweise, die sie viele Jahrzehnte gelebt haben, als falsch angesehen wird, weil aus einem anderen System. Von ihm wird verlangt, dass er sich vollkommen anpasst, er muss dabei zusehen, wie seine Frau und seine Tochter ihre rumänische Herkunft leugnen, diese womöglich vertuschen, um in der deutschen Gesellschaft vollkommen angenommen zu werden.

Wer in der Familie Aussiedlung, Vertreibung, Auswanderung erlebt hat, besitzt vielleicht ein besonderes Gespür für die Erfahrungen von Flüchtlingen unserer Tage. Viele dieser Menschen engagieren sich in der Tat ehrenamtlich in Sozialstationen und Gemeinden für die Integrationshilfe. Wie nehmen Sie das bei sich selbst wahr und wie reagieren Sie darauf als Autor?

Ich habe es leider auch anders erlebt. Viele, die ehemals selbst geflüchtet sind, nehmen eine ungemein bösartige Haltung gegenüber heute Geflüchteten ein. Sie wählen Parteien, die rechtskonservativ sind. Das hat mich eher erschreckt. Dieses Phänomen greife ich in „karpatenflecken“ auf und thematisiere es.

Homosexualität ist ebenfalls ein Thema Ihres Schreibens, das Sie z.B. in „schwarzer schnee“ aufgreifen. Es geht dabei aber weniger um öffentliche Diskurse als um das zähe Ringen im Privaten, vor allem zwischen den Generationen. Wirken da noch die rigiden, in Zeiten des Kommunismus gepflegten Haltungen nach? Und glauben Sie, dass sich diese Konflikte unterscheiden von denen, wie sie ja auch in einer „westlichen“ Gesellschaft nicht unüblich sind / waren?

Bei diesem Thema wirkt noch so vieles andere nach. Daher habe ich mich dazu entschlossen, mich diesem zu widmen. Mit dem Regisseur Bobi Pricop habe ich unlängst einen Mitstreiter gefunden, der es ebenso als wichtigen Diskurs in Rumänien sieht. Für das Nationaltheater Radu Stanca in Hermannstadt entstand das Stück „LIVE“, darin eine Episode, in der ein investigativer Reporter den Fall eines Exorzismus oder einer Konversionstherapie eines homosexuellen Priesters aufdecken möchte. Der Konflikt ist immer derselbe, weil er immer mit Religion in Verbindung gebracht wird. Da gibt es kein westlich oder östlich. Schauen wir nur in die religiösen USA, wo Homo- und Transsexuelle immer wieder um ihre Rechte bangen und kämpfen müssen. In Rumänien und Osteuropa allgemein haben die Kirchen nach der Wende an Einfluss gewonnen und bestimmen seither den Diskurs. Erstaunlicherweise kam unlängst aus Rom eine zeitgemäße Äußerung, die den Diskurs in eine gute Richtung lenkt.

Plakat zu „LIVE“ von Thomas Perle am Radu Stanca ...
Plakat zu „LIVE“ von Thomas Perle am Radu Stanca Nationaltheater in Hermannstadt
Sie sind 2019 Preisträger des von Frieder Schuller initiierten Dorfschreiberpreises in Katzendorf gewesen. Im Sommer 2020 haben Sie, trotz Pandemie, am Nationaltheater Radu Stanca in Hermannstadt das eben erwähnte Stück „LIVE“ auf die Bühne gebracht. Nach einigen Aufführungen ist es dieser Tage wieder online zu sehen. Was passiert in den anderen Episoden dieses Werks?

„LIVE“ ist ein Medienhybrid, ein Theaterstück, konzipiert für den digitalen Raum in cineastischer Ästhetik. Fünf Episoden, in denen aktuelle europäische soziologische Themen beleuchtet werden. Identitätshinterfragung und mediale Manipulation. Wie manifestiert sich Wahrheit im Internet? Was ist wahrhaftig? Wie werden wir manipuliert? Dabei verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Ein Abend, der auf der Bühne des Nationaltheaters und gleichzeitig per Online-System einem Publikum im Netz zugänglich gemacht wird.

Vielen Dank, lieber Thomas Perle, für dieses Gespräch.


Die Schülerschreibwerkstatt wird fortlaufend in Kooperation mit der Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum angeboten, weitere Informationen dazu unter: https://www.siebenbuergisches-museum.de/de/kulturreferat/fortlaufende-formate/.

Aktuelle Veranstaltungen mit Thomas Perle finden in München, Wien und Hermannstadt statt. Am 8. Dezember um 19.30 Uhr laden das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, die Münchner Stadtbibliothek und der Verband der Siebenbürger Sachsen im Rahmen der vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa koordinierten Veranstaltungsreihe „Shared Heritage – gemeinsames Erbe“ zur Lesung mit Thomas Perle ein, die auf dem Youtube-Kanal der Münchner Stadtbibliothek gestreamt wird: https://www.youtube.com/ user/Infoprofis. Am 13. Dezember wird die Uraufführung von „karpatenflecken“ im Vestibül des Burgtheaters in Wien erwartet; zudem ist das Stück „LIVE“, das am Hermannstädter Nationaltheater Radu Stanca inszeniert wurde, wieder online zu sehen. Mehr dazu auf den Homepages der genannten Häuser, aber auch auf der Seite des Autors: www.thomasperle.com.

Schlagwörter: Perle, Autor, Interview, Literatur, Werkstatt, Gespräch, Heinke Fabritius, BKM, Theater, Hermannstadt, Wien, Burgthearer, Dorfschreiber, Katzendorf

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