21. März 2021

Sensible PowerFrau in FortSetzung: Pomona Zipser stellt in Freising aus

Der Name Pomona Zipser wird seit vielen Jahren europaweit an erster Stelle genannt. Die galerie 13 in Freising präsentiert zurzeit (6. März bis 17. April) eine große Auswahl ihrer Werke in einer Einzelausstellung. Den Namen – mit dem letzten Buchstaben des Alphabets – hat sie geerbt von der Malerin Katharina Zipser und dem Bildhauer Paul Zipser, ihre Eltern. Sie wurde am 28. Juni 1958 in Hermannstadt geboren und ist 1970 in die Bundesrepublik ausgesiedelt. Den Namen Zipser hat sie ihrer Tochter Elena, auch Malerin und Aktionskünstlerin, weitergereicht ... quasi als FortSetzung. Und somit wären wir beim Titel ihrer aktuellen Ausstellung in der galerie 13: FortSetzung.
Zwinge zu Morgenstern – Pomona Zipser in der ...
Zwinge zu Morgenstern – Pomona Zipser in der galerie 13 in Freising. Foto: Zipser/galerie13
Pomona Zipser studierte von 1979 bis 1982 in München an der Akademie der Bildenden Künste beim surrealistischen Maler Mac Zimmermann und von 1983 bis 1985 beim Bildhauer Lothar Fischer an der Hochschule der Künste in Berlin. Ihre besondere Affinität zur Sprache bewies sie nicht zuletzt, als sie im Zyklus „Beziehungsweisen“ Arbeiten zu Texten von Oskar Pastior kreierte. Zusammengesetzte Wörter haben seit jeher die Gabe, wandelbar zu sein. FortSetzung. Wie wichtig Sprache ist und sein muss, um Kunst, moderne Kunst, mit Worten zu umschreiben. Sprache hilft den Augen auf die Sprünge. Hat man Worte, kann die Phantasie weiterarbeiten, das Gesehene orten, oder Brücken bauen zwischen Angedeutetem und Gewolltem sowie Tatsächlichem. Moderne Skulpturen entstehen in der Gedankenwelt der Künstler. Die Künstler-Phantasie ist unendlich. Wenn sie mit viel Können beschenkt ist, entstehen Skulpturen, so wie jene von Pomona Zipser. Sie macht es uns nicht leicht, das Gesehene zu verstehen. Sie spielt nicht nur gekonnt mit Formen, die sie zusammensetzt, sondern auch mit Worten. Der Titel der Ausstellung lautet: FortSetzung. Was wird fortgesetzt?

Spiel und Ernst, grenzenlos beides; so auch die Titel der Skulpturen. „Zwinge zu Morgenstern“ - die Skulptur auf der Einladung zur Ausstellung. Zwinge, Teil einer Werkbank, könnte abgeleitet sein von Zwang, Druck ausüben, aber Morgenstern? In der griechischen Mythologie heißt der Abendstern Hesperos, der Morgenstern hingegen Phosphoros. Zwei Identitäten eines Planeten, der Venus. Nur in der Kombinatorik, der Zusammensetzung der zwei Begriffe, merkt man, dass Pomona Zipser eine andere Bedeutung gewählt hat. Morgenstern hat nichts Erhellendes. Nein, Morgenstern ist eine Mordwaffe des Mittelalters. In ihrer Rede zur Ausstellung erläutert Dr. Heinke Fabritius stilistisch gekonnt die Bedeutung der zwei Wörter: „Beide, Zwinge und Morgenstern, erscheinen nur als Relikte ihrer ursprünglichen Gestalt, sie sind Teile eines eigenwillig anmutenden Objektes. Es ist kantig und gelenkig, ein wenig fragil vielleicht, und greift nicht in den Raum aus, sondern schließt sich nach Innen ab, so dass in der Mitte ein Hof entsteht. Bewegung ist stillgestellt.“

Stillgestellt, wie die Zeit, in der wir uns gerade befinden? Es ist auch da eine FortSetzung, denn die Zwinge, druckausübend, doch relativ harmlos, wird zu Morgenstern, einer Waffe, die töten kann. Der Innenraum, gebildet von den zwei Instrumenten, kann immer enger und enger werden ... Führt hier die FortSetzung zum StillStand?

Pomona Zipsers Œuvre ist vielfältig, bestehend aus Holzskulpturen und Papierarbeiten. Dazu gesellen sich Tuschen, Collagen und Reliefs. Die vielgestaltigen Holzarbeiten sind teils hängende, teils stehende, sogar liegende Skulpturen.

Verfolgt man die Stationen ihrer Ausstellungen, Projekte, Symposien der letzten Jahre, offenbart sich ein Fächer von Berlin zu Worpswede, Venedig, Stuttgart, München, aber auch Senegal, England und Japan. Die unkonventionelle Sprache ihrer Kunst hat überall auf der Welt Anklang gefunden. Ihr Hauptmaterial ist Holz im weitesten Sinne des Wortes. Ihre Arbeiten sind aus Fundhölzern, aussortierten Möbeln, Fensterrahmen oder Astwerk. Sie gibt diesen Objekten eine andere Bestimmung und demzufolge eine neue Bedeutung. Aus Unscheinbarem wird durch einen FortSetzungs-Prozess Kunst.

Pomona Zipser gehört der selbstbewussten PowerFrau-Generation an. Vor einigen Jahren hat man als eigenartigen Zug das „Konjunktivische“ im Wesen und Werk der Künstlerin hervorgehoben. Mittlerweile, sich selbst ständig treu geblieben, hat diese Möglichkeitsform einen sicheren Hafen gefunden. Selbstbewusst sagt sie in einem Interview: „Vielmehr interessieren mich in den letzten Jahren komplizierte oder ungewöhnliche statische Probleme und Situationen“.

Eine exzellente Auswahl ihrer aktuellen Arbeiten ist in der galerie 13 in Freising in mehreren Räumen ausgestellt. Pandemiebedingt hat die Vernissage nur virtuell stattgefunden. Der Besuch der Galerie ist nach Voranmeldung möglich. Die jeweils aktuellen Informationen – auch zur geplanten Live-Finissage in der zweiten Aprilhälfte – befinden sich auf der Homepage der Galerie: www.galerie13.net. Als Ergänzung zur Ausstellung im Haus des Deutschen Ostens (HDO) München: am Montag, 10. Mai, 19.00 Uhr, „Literatur im Scherenschnitt“: Pomona Zipser und Dr. Heinke Fabritius im Gespräch über das Arbeiten mit Papier.

Josef Balazs

Schlagwörter: Ausstellung, Freising, Pomona Zipser, Skulpturen, Holz

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