7. Mai 2021

„Rumänien. Bilder aus einer verlorenen Zeit“: Wissenschaftlich fundierte Fotodokumentation von Wilfried Heller

Nicht weniger als 738 Bilder aus Rumänien werden in diesem Band präsentiert, der mehr ist als ein einfaches Fotobuch und auch nicht den Anspruch hat, ein Album zu sein, sondern eine Dokumentation und ein Zeitzeugnis.
Die Fotografien sind in den Jahren 1971-2000 anlässlich von insgesamt zwölf eigenen Forschungsreisen und Exkursionen mit Geografiestudierenden entstanden. Dokumentiert werden dabei Naturraum, Raumstruktur, Wirtschaft und Gesellschaft, Alltagsleben und vieles mehr in den historischen Regionen Rumäniens: Siebenbürgen, Banat, Kreischgebiet, Sathmar, Maramuresch, Bukowina, Moldau, Muntenien, Oltenien, Dobrudscha und Donaudelta.
570 Fotos stammen aus der Vorwendezeit. Zurückhaltend-bescheiden begründet das der Autor im Vorwort („Wie es zu diesem Fotobuch kam“) mit der Absicht, „einen Beitrag zu leisten, die eingeschränkte fotografische Präsentation des sozialistischen Rumäniens ein wenig zu erweitern.“ (S. 7) Ein wenig? Dr. Wilfried Heller, geboren 1942 im böhmischen Littmitz/Lipnice, ist ein ausgewiesener Fachmann für Sozial- und Kulturgeografie mit Schwerpunkten auf Raumstrukturwandel und Migrationsforschung, unter anderen in Ländern des südöstlichen Mitteleuropa, als solcher 1982-1994 Professor an der Universität Göttingen, 1994-2007 an der Universität Potsdam. Mit diesem forschungsleitenden Interesse besuchte er Rumänien, dokumentierte und untersuchte – auch durch die Linse seines Fotoapparates – Realitäten und Wandlungen in einem Land, in dem es verboten war, Wirtschaftsbetriebe oder gar als militärisch gekennzeichnete Anlagen zu fotografieren, in dem er als Ausländer einer ständigen, misstrauischen Kontrolle durch die Securitate unterworfen war (worüber er in seinem Buch „Von ‚Horea‘ zu ‚Hans‘. Irrungen und Wirrungen der Securitate Rumäniens im Spiegel zweier Akten“, Schiller Verlag Hermannstadt-Bonn, 2014, berichtet).

Die Fotografien entstanden sozusagen in einer anderen Zeit, als man noch nicht mit dem Handy durch die Landschaft lief und drauflosknipste, sondern jede Einstellung überlegt werden musste, bevor sie auf den teuren Foto- und Farbdiapositivfilmen festgehalten wurde. Es spielte immer eine wichtige Rolle, was man aus welchem Grund dokumentieren wollte. Dementsprechend können diese konventionellen Fotografien nicht mit den heutigen hoch aufgelösten Digitalbildern verglichen, sondern müssen als Kinder ihrer Zeit betrachtet werden. Und sie sind eben als Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert. Diese Zeitzeugnisse werden von Wilfried Heller wissenschaftlich eingeordnet. Umfangreiche, bestens dokumentierte Texte begleiten die Fotografien und entwerfen das Bild eines Landes im depressiven Stillstand der letzten zwei Jahrzehnte des kommunistischen Rumäniens sowie des optimistischen Aufbruchs in den ersten fünf Jahren nach der Wende im Dezember 1989, eines Optimismus, der leider allzu oft enttäuscht worden ist.
Kleinschelken: Nach dem Gottesdienst. Frauen in ...
Kleinschelken: Nach dem Gottesdienst. Frauen in Tracht (11. August 1974). Foto: Winfried Heller
Wilfried Hellers besondere Aufmerksamkeit gilt auch in diesem Buch Siebenbürgen, der historischen Region Rumäniens, der er die meisten Seiten (S. 14-63) und die meisten Abbildungen (Abb. 1-165) widmet. Es ist für ihn „gleichsam das Herzland Rumäniens“ (S. 14) und für ausländische Besucher „ein spannendes Reiseziel“, „weil dieses Land bereits seit dem 12./13. Jahrhundert und bis in die 1980er Jahre hinein Heimat starker und lebendiger deutscher Minderheiten war.“ (S. 7) Zwar seien sie dort infolge der massenhaften Aussiedlungen nur noch in recht geringer Zahl anzutreffen, „aber ihre charakteristischen Siedlungsstrukturen und Hausformen zeugen heute noch von ihrer mehr als 800 Jahre währenden Geschichte.“ (S. 7)
Schäßburg: Einkaufsschlange wartet auf Kartoffeln ...
Schäßburg: Einkaufsschlange wartet auf Kartoffeln (26. Juli 1989). Foto: Winfried Heller
Landschaften, Städte, Dörfer, Betriebe und Menschen werden gezeigt, stets mit dem Datum des Aufnahmetages und einer kurzen Bildunterschrift versehen. Man ist, auch als Kenner der Region, von der Vielfalt ihrer Geografie, ihrer Völkerschaften und Kulturen fasziniert, man wird in den Wandel hineingezogen, den politische Entscheidungen, wirtschaftliche Maßnahmen und Migrationen der Bewohner (vom Land in die Stadt, aus dem Land ins Ausland) zur Folge hatten, und man wird fachkundig begleitet, um all das, was die Bilder vermitteln, auch richtig einzuordnen.

Kurzum: Das „Fotobuch“ lässt einen nicht mehr los, nachdem man es in die Hand genommen hat, man beschäftigt sich damit und man lernt daraus, man wird bereichert.

Konrad Gündisch



Wilfried Heller: „Rumänien. Bilder aus einer verlorenen Zeit“. Eine fotografische Landeskunde Rumäniens vor und nach der Wende. Schiller Verlag, Hermannstadt/Bonn, 2020, 255 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 978-3-946954-77-4.

Schlagwörter: Rumänien, Foto, Dokumentation, Bildband, Heller, Buchvorstellung, Konrad Gündisch, Schäßburg, Kleinschelken

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