2. August 2021

Lesenswerter Band zur Geschichte der Hohen Rinne in den Jahren 1919-1930

Der Autor, Dr. mult. Mircea Dragoteanu, passionierter und vielfach international ausgezeichneter Filatelist, präsentiert dem interessierten Leser nun den zweiten Band seiner überaus detaillierten, objektiven und allumfassenden Geschichte des von der Sektion Hermannstadt des Siebenbürgischen Karpatenverein (SKV) in den Jahren 1894-1904 errichteten Kurortes „Kurhaus auf der Hohen Rinne“. Angedacht sind fünf Bände. Es ist das große Verdienst des Autors, die Geschichte dieser siebenbürgisch-sächsischen Stiftung frei von der leider noch oft anzutreffenden nationalistischen Betrachtungsweise der Vergangenheit darzulegen.
Der Titel des Buches, „Ridicat-am ochii mei la munţi“ („Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“), entstammt dem Text, den der orthodoxe Erzbischof von Siebenbürgen Nicolae Bălan auf die Glocke des von ihm hier gestifteten Klosters hat eingravieren lassen: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher meine Hilfe kommen wird (Psalm 121)“, passend zu der Zeit nach dem Großen Krieg 1916-1919 mit den Kämpfen um Hermannstadt und dem Zusammenbruch der Monarchie 1918. Es grenzt an ein Wunder, dass die sämtlich aus Holz bestehenden Gebäude des Kurhauses auf der Hohen Rinne diese Jahre überlebt haben. Die kriegerischen Handlungen, aber vor allem der Vandalismus im September/Oktober 1916 und November 1919, hinterließen große Schäden an Ausstattung und Einrichtung, ja selbst Fenster und Türen fehlten. Es kam zu einer betonten Abkühlung der rumänisch-sächsischen Beziehungen. Doch nach der Erklärung am 8. Januar 1919 durch die Sächsische Nationalversammlung des Anschlusses des sächsischen Volkes an Großrumänien ließen die Spannungen sehr bald nach, was den Autor zu folgender Feststellung veranlasst: „Die Rumänen und Sachsen aus dem südlichen Siebenbürgen haben im ersten Jahrzehnt Großrumäniens, nach der tragischen Erfahrung des ersten Weltkrieges, den Weg des gemeinsamen Wiederaufbaues einer Welt gegründet auf Gleichgewicht, Toleranz und dem Wunsch es möge allen besser gehen, gefunden“, wenngleich „es nach 1918 für alle Licht- und Schattenseiten gab“.

Der SKV war sich seiner Aufgaben – des Wiederaufbaus des Zerstörten und der Etablierung einer normalen Zusammenarbeit mit den rumänischen Behörden – bewusst. Am 25. Januar 1919 veröffentlichte die Sektion Hermannstadt im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt einen Beitrag aus der Feder von RA Dr. Fritz Kasper, stellvertretender Vorsitzende der Sektion, in welchem die zu befolgenden Prinzipien in seiner organisatorischen und juridischen Tätigkeit im neuen Rahmen Großrumäniens dargelegt wurden. Die „unlöschbare Liebe seiner Mitglieder zu den Bergen“ führte zu einer großen Spendenbereitschaft. Es wird auf die hervorragende Rolle in dieser Kraftanstrengung des Hermannstädter Verlegers und Buchdruckers C. W. Krafft (1861-1929) hingewiesen und auf die großzügigen Spenden der Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse, der Bodenkreditanstalt sowie der Hermannstädter Gewerke- und Handelsbank. Nicht vergessen werden sollten die Spenden rumänischer Bürger und der rumänischen Bank Albina.

Wir erfahren, dass schon 1919, mit einigen Provisoraten, eine recht gut besuchte Saison stattfand, die Gäste jedoch „Waschschüssel, Vorhänge und Geschirr mitbringen müssen sowie für die Lebensmittel selbst aufkommen müssen“. Das Kurhaus blieb im Winter 1919/1920 geöffnet und es fand sogar ein einwöchiger Skikurs mit 60 Teilnehmern statt. „Es war die Zeit und es waren die Menschen, für die die Ehre, der Opfersinn, die Unterstützung der Gemeinschaft Werte waren, bei denen kein Rabatt erlaubt war.“ Trotz großer Anstrengungen fehlten im Sommer 1920 noch immer Vorhänge, Spiegel, Handtuch und Wasserkanne in den Zimmern des Heimes. Erst im Sommer 1921 erreichte die Einrichtung – mit kleinen Ausnahmen – das Vorkriegsniveau, ein Zeitpunkt, zu dem auch der Kurierdinst unter Verwendung der eigenen Marken von 1910 wieder aufgenommen wurde. Ab 1922 konnte der vollwertige Kurbetrieb unter ärztlicher Aufsicht wieder stattfinden. Die Eintragungen in dem im Juli 1922 neu angelegtem Fremdenbuch des Kurhauses auf der hohen Rinne belegen, dass die Kurgäste weiterhin aus den drei Bevölkerungsgruppen Siebenbürgens – Deutsche, Rumänen und Ungaren – kamen. Es fehlten nicht Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Prof. Ion I. Lapedatu (1876-1951), Direktor der Bank Albina, der zwei Silvester (1922/23 – „nach rumänischer Art“, nach Julianischem Kalender, obwohl gerade der Gregorianische eingeführt war – und 1924/25 „nach sächsischer Art“) auf der Hohen Rinne feierte und zusammen mit seiner Frau mehrere Sommer in diesem „irdischen Paradies“ verbrachte, oder der Publizist Prof. Oskar Netoliczka (1865-1940), Rektor des Honterus-Gymnasiums in Kronstadt, Verantwortlicher der deutschen Abteilung der in Klausenburg erscheinenden Zeitschrift Cultura u.a.

Mit großem finanziellen Aufwand tat die Sektion Hermannstadt des SKV alles, um den Aufenthalt der Gäste so angenehm wie nur möglich zu gestalten: die Innenwänder der Pavillions wurden verkleidet, die Fußböden erneuert, die Zufahrtsstraße in Stand gesetzt, die Einrichtung verbessert, die Wege neu markiert und der Durchstieg durch die Zibinsklamm sicherer gemacht, im Monaco-Pavillion wurden Musik- und Theaterabende geboten. Am 10. Juni 1924 wurde das 30. Jubiläum der Eröffnung der Anlage Kurhaus auf der Hohen Rinne gefeiert. Zu diesem Anlass wurde eine neue Botenpostmarke mit den Medaillon-Kopfbildern der Gründer Carl Conrad und Robert Gutt herausgebracht. Diesem philatelischen Ereignis widmet der Autor ein ganzes Kapitel. Und immer wieder wurden Verbesserungen zum gesteigerten Konfort der Gäste vorgenommen. 1926/27 fand die erste Ganzjahressaison (1927/28 mit Badekur auch im Winter) statt. Am 27. Juli 1927 erstrahlten die ersten elektrischen Birnen und lösten die Beleuchtung mit Petroleum- oder Öllampen und Kerzen ab. Ab diesem Jahr war die Anfahrt mit PKW zur Hohen Rinne erlaubt (1930 erwarb die Sektion Karpaten dafür einen eigenen Omnibus).

Der Leser macht Bekanntschaft mit dem berühmten deutschen Prof. der Philosophie an der Uni Berlin, dem Pädagogen, Philosophen und Psychologen Eduard Spranger. Auf einer Konferenzreise in Siebenbürgen verbrachte er ad hoc im August 1927 eine Woche im Kurhaus auf der Hohen Rinne. Seine Eindrücke über diesen Aufenthalt sind nicht voll des Lobes.

Dr. Mircea Dragoteanu am Grab von Constantin ...
Dr. Mircea Dragoteanu am Grab von Constantin Noica im Schit auf der Hohen Rinne (2017). Foto: Konrad Klein
Ein großes Plus des Buches besteht darin, dass der Autor sich nicht nur auf die Hohe Rinne fokussiert, sondern auch auf kollaterale Ereignisse – im Zusammenhang mit dem SKV und Hermannstadt – eingeht: der schwere Schlag, den die Sächsische Nationsuniversität erlitten hat durch die Enteignung durch die Bodenreform von 20.000 Hektar Grund in den 7-Richter-Waldungen, die Tatsache, dass nicht alle Versprechungen der Rumänen den anderen Ethnien gegenüber eingehalten wurden, die erweiterte Trinkwasserversorgung Hermannstadts aus Quellen im Gebiet der Hohen Rinne, der Wiederaufbau der Bulea-Wasserfall-Hütte im Fogarascher (nach den herben Verlusten im Krieg an Schutzhütten), die Gründung 1925 in Hermannstadt der Alpinen Rettungsstelle durch Heinrich Stephan Hann von Hannenheim (1895-1971), wann und warum / nicht der traditionelle Karpatenball der Sektion Hermannstadt des SKV stattfand u.a.m.

Der Autor listet eine Reihe von rumänischen Persönlichkeiten, die vom Reiz des Kurhauses auf der Hohen Rinne und dessen Umgebung angetan waren und dies auch kundgetan haben: der rumänische siebenbürgische Dichter Octavian Goga (1881-1938) und seine Gemahlin Hortensia, geb. Cosma und deren ganze, einflussreiche Familie; Ilarie Chendi (1871-1913), Philologe und Literaturkritiker; Dimitrie Comșa (1846-1931), politischer Streiter, Ethnograf, Professor der Agronomie u.a.m. Ausschlaggebend für ihr Wohlbefinden auf der Hohen Rinne war auch die Tatsache, dass „Die Sachsen (…) durch ihre Erziehung einen offensichtlichen Respekt vor der Kultur und den Empfindlichkeiten der anderen Völker, mit denen sie zusammenlebten“ (hatten), wie der Autor vermerkt. Die wiederholte Anwesenheit rumänischer Persönlichkeiten war „ein zusätzlicher Beweis für die sehr guten Verhältnisse zwischen Rumänen und Sachsen im Allgemeinen, insbesonders aber auf der Hohen Rinne“.

Der Autor geht erläuternd und ausholend auf verschiedene sächsische Persönlichkeiten ein wie: der Hermannstädter Stadtpfarrer Adolf Schullerus, Gustav Kiszling, dessen Wirken eng mit der Hohen Rinne verbunden ist, die beiden Fotographen Josef und Emil Fischer, der berühmte Hermannstädter Chirurg Dr. Wilhelm Otto (1859-1932) und drei ihm folgende Generationen von Ärzten, Oberst Karl Ludwig Jüstel (1875-1927), Kommandant des Militärkurhauses, Dr. Karl Ungar (1869-1933), Botaniker, Vorsitzender der Medizinischen Sektion des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften, als diese ihr Ärzteheim auf der Hohen Rinne, erbaut 1896-98, dem SKV schenkte, u.a.m. Desgleichen lässt der Autor auch Andreas Berger (verstarb an den Folgen eines Jagdunfalls 1919) und August Roland von Spiess von Braccioforte (1864-1953) nicht unerwähnt.

Ein großes Kapitel wird der Errichtung durch den orthodoxen Erzbischof von Siebenbürgen (1920-1955) Nicolae Bălan (1882-1955) eines Kirchlichen Erholungsheimes, mit Mönchsunterkünften und einem Kirchlein hier auf der Hohen Rinne gewidmet. Begonnen 1926, wurde die Planung und Bauleitung dem Architekten Fritz Buertmes anvertraut, während die Ausführung dem bekannten Baumeister Șerban Cruciat aus Rășinari oblag, der schon für den SKV die Bauten des Kurhauses errichtet hatte. Die Einweihung des Erholungsheimes fand am 6. August 1928 unter Mitwirkung hoher orthodoxer Geistlichkeit in Anwesenheit hoher ziviler und militärischer Würdenträger sowie des Prinzregenten Nicolae, als Repräsentant des Königshauses, statt. Bei dieser Gelegenheit stattete der Prinz einen Besuch des Kurhauses auf der Hohen Rinne des SKV ab. Die hier angebotene Ehrenmitgliedschaft nahm der Prinz, begeisterter Wanderer und Schifahrer, freudig an.

Gegen Ende des Buches gedenkt der Autor sächsischen Persönlichkeiten, die zwischen 1927 und 1929 verstarben: Dr. Julius Friedrich Bielz (1856-1927), Dr. Adolf Schullerus (1864-1928), Josef Drotleff (1839-1929), Carl Wilhelm Krafft (1861-1929), Dr. Carl Wolff (1849-1929). Es werden weitläufig ihre Lebensläufe und ihre Verdienste um die siebenbürgisch-sächsische Gesellschaft beschrieben.

Einen besonderen Reiz stellen die wortgetreuen Berichte von Zeitzeugen dar wie z.B. die „Touristische Erinnerungen“ der Marie Klein (1858-1934), geborene Arz von Straussenburg, verheiratet mit Stadtpfarrer Karl Klein (†1905), ein langer Bericht von August von Spiess, „Mit Silvietta in den Bergen“ (seine älteste Tochter), über seine erste Nachkriegsjagd im Herbst 1920 im Zibinsgebirge, ein Beitrag des Professors Luitpold Michaelis, „Wie ich mich mit Ruhm bekleckerte“, über einen zweitägigen Schülerausflug, der Bericht des österreichischen Dichters Franz Herold (1854-1943) über „Ein Ausflug zu den Siebenbürger Sachsen“, Gelegenheit bei welcher er einen Monat auf der Hohen Rinne verbrachte, der Beitrag von Gertrude Prischak aus dem Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt über die am 6. August 1928 erfolgte Einweihung des Kirchlichen Erholungsheimes der orthodoxen Kirche auf der Hohen Rinne u.a.m.

Nicht vergessen wurde das Militärkurhaus, erbaut 1896-1898, das 1929 mit einem „Neubau aus Mauersteinen und Beton“ (das erste derartige Gebäude auf der Hohen Rinne) ergänzt wurde.

Die letzten 50 Seiten des Buches sind der Philatelie gewidmet, der lokalen Post von Bistra im Mühlbacher Gebirge, der Hohen Rinne und Măgura. Es werden die Verdienste von Géza von Jakóts und insbesondere von Ludwig Dengel (1902-1984), von Emanoil Munteanu sowie des Autors selbst in Rumänien sowie von Liviu N. Cristea, Prof. Dr. Leslie Stephen Ettre (1922-2010) und der Brüder Maurice und Leon Norman Williams (London) im Ausland würdigend erörtert. Das Buch ist jedem an der wahren Geschichte der Hohen Rinne Interessierten zu empfehlen.

Manfred Kravatzky

Dr. Mircea Dragoteanu: Ridicat-am ochii mei la munţi, Istoria Păltinișului, cartea a II-a (1919-1930), Editura SALCO Sibiu 2020. 21 x 29,5 cm, 416 Seiten. Das Buch kann beim Autor über dragoteanu [ät] yahoo.co.uk bestellt werden. Preis: in Rumänien 130 Lei plus Porto; in Deuschland 40 Euro inkl. Versand.

Schlagwörter: Buch, Karpatenverein, Siebenbürgen, Hohe Rinne, Gebirge, Geschichte

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