12. September 2021

Guter Wegbegleiter: Schäßburger Stadtführer überzeugt durch lebendig dargestellte Geschichte

Unter dem Titel „Schäßburg (Sighișoara). Eine Erkundung der ,Perle Siebenbürgens‘“ erschien vor kurzem im Allgäuer Kunstverlag Josef Fink GmbH ein Stadtführer über Schäßburg von Jürgen Henkel und Martin Eichler (Kunstfotograf). Das Büchlein folgte als zweites in der Reihe dem 2019 erschienenen Stadtführer über Hermannstadt.
Stundturm in Schäßburg. Foto: Martin Eichler ...
Stundturm in Schäßburg. Foto: Martin Eichler
In seiner Gesamtheit als „Perle Siebenbürgens“ bezeichnet, birgt die Stadt an der Großen Kokel in sich eine Fülle vieler Perlen, die aneinandergereiht ein ganzes Netz von Perlen oder Perlenketten von historischer und kunsthistorischer Bedeutung ergeben, die hier vorgestellt werden. Kleine Details, kunstvolle Schornsteine, ineinandergreifende Dachlandschaften, gewinkelte Gässchen, große Bauten, hohe Ringmauern reihen sich bei einem Rundgang aneinander und entführen den Besucher auf eine Zeitreise ins Mittelalter. Sie begrüßen aber auch mit neueren Bauten, die allesamt vieles über die Stadt und ihre Entwicklung erzählen können. Der Flötenspieler, ein Werk des bekannten Schäßburger Architekten Fritz Balthes, sitzt tatsächlich wie ein „zeitloser Beobachter des Geschehens“ über den Dächern der Tischlergasse und es dünkt als wollten seine Töne die Besucher der gewinkelten Gässchen mit ihren bunten Häusern, die ihren eigenen Charme haben, auf ihrem Rundgang begleiten.

Auch wenn sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte durch Abriss manches verändert hat, konnte die Stadt „den kompakten mittelalterlichen Gesamteindruck wahren“ und viele Kleinode bis zum heutigen Tag aufrecht erhalten. Der Aufgang zur Burg, von der Turmgasse aus und dem Sandersaal wird anschaulich beschrieben, dem Stundturm mit seinem beweglichen Figurenwerk und seiner Geschichte besondere Aufmerksamkeit geschenkt und auf die Werte des Museums im Turm hingewiesen. Der Rundgang in der „Burg für Bürger“, vermittelt viele Details und macht auf Baustile und Geschichte der Gebäude aufmerksam. Besondere Wohnhäuser werden beschrieben, auf die Wehrtürme der Zünfte mit ihrer Geschichte und ihren gegenwärtigen Nutzungen hingewiesen. Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Verfasser Jürgen Henkel der Klosterkirche mit Beschreibung des Innenraumes, des Altars (im frühen Barock und Stilelementen der Spätrenaissance), der Orgel, dem berühmten Taufbecken von 1440 und nicht zuletzt der wertvollen Sammlung der Orientteppiche. Nicht unerwähnt bleiben beim Rundgang auf der Burg das Komitatshaus, dem das Dominikanerkloster Platz machen musste, die katholische Pfarrkirche St. Josef und die von hier aus im Tal zu bewundernde orthodoxe Kirche „Zur heiligen Dreifaltigkeit“. Als „stärkster Turm“ wird in diesem Bereich der Schusterturm erwähnt.

Hervorzuheben sind die eingeschobenen Porträts zu besonderen Persönlichkeiten und Gemeinschaften und deren an Schäßburg gebundene Aspekte ihrer Lebensgeschichte. Vorgestellt wird das Porträt des Raumfahrtpioniers Hermann Oberth (1894-1989), das Porträt der Dominikaner und ihrer Tätigkeit in und um Schäßburg, des Fürsten Vlad III. (Țepeș 1431-1476) und die sich um „Graf Dracula rankenden Geschichten“, das Porträt Sándor Petöfis, des Volkshelden der ungarischen Revolution von 1848-1849 und jenes des Generals Michael Freiherr von Melas (1729-1806), der in der Schlacht von Marengo gegen Napoleons Heer gekämpft hat, verlor, jedoch für seine Tapferkeit von Napoleon mit einem Ägyptischen Säbel belohnt wurde.
Patrizierhäuser in Schäßburg im Morgenlicht. ...
Patrizierhäuser in Schäßburg im Morgenlicht. Foto: Martin Eichler
Mit dem Rundgang auf dem Burgplatz unter besonderer Bezugnahme auf das „Haus mit dem Hirschgeweih“, dem Abstecher zum Schneiderturm und dem Spaziergang durch die Schulgasse bis zur Schülertreppe (datiert Mitte des 17. Jahrhunderts) schließt sich der untere Kreis der Burg. Nun öffnet sich aber der höher gelegene Teil des Rundganges, der von Bergschule („Naye Schul“, „Alte Schul“, Neubau der „moderneren“ Bergschule), Bergkirche, Bergfriedhof bis zu den dazugehörenden Türmen viel zu bieten hat.

Umfassend werden die Bergkirche und ihre Geschichte von einer romanischen Basilika zu einer gotischen Hallenkirche mit ihren fünf schmalen, gotischen Fenstern, dem Chorraum mit seiner lichterfüllten Atmosphäre, dem kunstvoll geschnitzten Chorgestühl mit 14 Plätzen von Johannes Reichmuth aus Schäßburg und ihren sonstigen Kunstschätzen vorgestellt. Auf die Geschichte der Altäre wird eingegangen, einschließlich derer, die aus anderen Kirchengemeinden nach der Auswanderungswelle von 1990 hier sichergestellt wurden. Nicht unerwähnt bleibt die Orgel auf der Empore. Die Aufmerksamkeit wird auch auf die wertvollen Wandfresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert gelenkt, die in mühevoller Arbeit 1934 von Julius Misselbacher und Gustav Binder freigelegt wurden. Eine Seltenheit stellt die in Siebenbürgen einzigartige Krypta (14. Jahrhundert) mit Grabstellen reicher Patrizier dar.

Eingebunden in einen Besuch der Bergkirche ist natürlich, soweit es möglich ist, auch die große Glocke, zu der die Schäßburger eine besondere Beziehung haben, wie auch die Hermannstädter zu ihrer großen Glocke der Stadtpfarrkirche. Berührend ist die Erwähnung der Großen Glocke in Zusammenhang mit außergewöhnlichen Ereignissen. Auf Wunsch der Betroffenen galt ihr Läuten als Abschied und klangvoll, tröstender Wegbegleiter für all jene, die im Januar 1945 nach Russland deportiert wurden.

Am höchsten Punkt des Berges angelangt, mit einem Blick auf den Seilerturm sowie die beiden entlang der Mauer bergabwärts stehenden Fleischer- und Kürschnerturm, zeichnet sich der Weg nun zum Abstieg ab, jedoch nicht ohne auch dem historischen Bergfriedhof, der wie die gesamte Burg zum Kulturerbe der UNESCO gehört, Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Wie eine Chronik findet jeder interessierte Tourist auch dafür reichlich Information im Reiseführer. Pfarrhaus, Entenplatz, Ledererturm und vor allem der einzigartige Zinngießerturm, die Ringmauer, und das Schänzchen werden von dem Verfasser vorgestellt. Über das Pfarrgässchen führt er sie bis zum Venezianischen Haus (heute Sitz des Deutschen Forums) und richtet dann die Aufmerksamkeit der Leser auf die historischer Unterstadt, die auch vieles zu bieten hat. Die untere und obere Marktzeile fällt mit vielen schmucken Bürgerhäusern auf, die mit ihren Innenhöfen auf ein emsiges Wirtschaften hinweisen. Im Blickfeld stehen auch die eindrucksvollen Gebäude des ehemaligen Gewerbevereins jenes der einstigen Firma Misselbacher, der Stadthaussaal und das ehemalige Handelshaus Teutsch (heute Hotel). Dort, wo einst die Spitalskirche stand und die Spitalsgasse sich in Richtung Hüllgasse abzeichnete, wird der Besucher auf Haus und Wappen der Persönlichkeit des Johann Schuller von Rosenthal aufmerksam gemacht. Ihm ist ein eigenes Porträt gewidmet, das seinen schillernden Lebenslauf darstellt. Der 1904 erbauten und gut instandgehaltenen Synagoge in der Kleingasse ist ebenfalls ein Besuch gewidmet.

Der Rundgang durch die Unterstadt wendet sich nun der Baiergasse zu, wo das von Fritz Balthes entworfene, bekannte Hotel „Zum goldenen Stern“ die Blicke auf sich zieht. Vorgestellt wird dann die bereits erwähnte, große Orthodoxe Kirche „Zur heiligen Dreifaltigkeit“, an der sich das „Bildprogramm byzantinischer Kirchenkunst studieren lässt“. Unweit dieser ist die 1888 erbaute reformierte (calvinistische) Kirche zu besuchen. Weiter entfernt liegt die kleine „Heilig-Geist“-Kirche (15. Jahrhundert) im Siechhof-Stadtviertel neben der Eisenbahnstrecke. Ergänzend bzw. berichtigend wäre hier zu bemerken, dass sie unter den Sachsen nicht als Lepra-Kirche, sondern nur als Siechhofkirche („Sächef-Kirch“) bekannt war und ist, obwohl sie zum Leprosorium gehörte. Dieses besaß ein Krankenhaus für Leprakranke und andere Krankheiten mit zellenartigen Wohnräumen (Stübchen), die so nahe an der Kirche standen, dass man die Predigt im Bett liegend anhören konnte – aus der Kirche selbst und von der Außenkanzel gesprochen. Die Pest wütete später, als die Welle der Leprakrankheit vorüber war. Außerdem mussten nach damaligen Vorkehrungen die Pestkranken isoliert zu Hause bleiben, denn war die Krankheit ausgebrochen, durften die Kranken ihr Haus nicht verlassen und waren auch nicht in der Lage, sich auf den Weg zu machen, um an einem Gottesdienst teilzunehmen. In dem Sinne handelt es sich nicht um eine Pestkanzel, auch wenn es durch Generationen so überliefert wurde.

Vorgestellt werden noch die kleine, 1788 erbaute orthodoxe Kirche „Darbringung der Gottesmutter im Tempel“ im Stadtviertel Cornești, die 1822 ihre Weihe durch den orthodoxen Bischof von Siebenbürgen Vasile Moga erhielt.

Aus den Informationen des Reiseführers geht der multiethniche Charakter Schäßburgs hervor, der sowohl im geschichtlichen Rückblick als auch durch das gegenwärtige Erleben zum Ausdruck kommt. Der Reiseführer umfasst auch viele Literaturhinweise, Tipps aus dem Internet, eine Zeittafel, eine Kurzvorstellung des Autors Jürgen Henkel und Fotografen Martin Eichler sowie in der Buchklappe eine Übersichtskarte. Und wie zum Abschied schließt die Schülertreppe mit ihren vielen Stufen den Reiseführer ab.

Thematisch gut recherchiert, inhaltvoll dargestellt und gestaltet, sind die namhaften Bauten im Detail beschrieben, wobei auf kunsthistorische und allgemein kulturgeschichtliche Aspekte aufmerksam gemacht wird, die auch aus den kunstvollen Fotos sprechen. Ein Fremder findet in diesem Reiseführer viele Informationen mit genauen Erklärungen, kann sich einfühlen, die lebendig dargestellte Geschichte miterleben und somit Antworten auf viele Fragen finden, die er stellen würde, sollte er Schäßburg und seine Burg in einer Touristengruppe besuchen.

Erika Schneider

Schlagwörter: Schäßburg, Stadtführer, Buch, Buchvorstellung, Tourismus, Architektur

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