10. Oktober 2021

Traian Pop – Dorfschreiber von Katzendorf des Jahres 2021

Der Dorfschreiber von Katzendorf für das Jahr 2021 steht fest: Es ist Traian Pop, Autor, Verleger und Herausgeber aus Ludwigsburg. Der 1952 in Kronstadt geborene Preisträger hat am Polytechnikum Temeswar studiert und u.a. als Toningenieur, Texter sowie als Dramaturg beim Deutschen Staatstheater Temeswar gearbeitet. Er gilt als „,Rebell‘ der 80er Jahre, als ,Zorniger‘, wenn nicht gerade als Rädelsführer unter den rumänischen Poeten im Widerstand gegen die Diktatur“, so Georg Scherg im Wikipedia-Eintrag über Pop.
Traian Pop, der neue Dorfschreiber, konnte beim ...
Traian Pop, der neue Dorfschreiber, konnte beim Fest nicht dabei sein. Sein Vorgänger Thomas Perle (Mitte) überreichte die Katzendorfer Katze vertretungsweise Konrad Markus (rechts), assisitiert von Frieder Schuller. Fotos: Margrit Csiky
Frieder Schuller ist der Initiator und Organisator des Dorfschreiber-Preises in Katzendorf (Caţa). Er wird vom Verein „Mit Zeit für Kultur – Kronstadt/Brașov“, vom Verband der Schriftsteller Rumänien, Filiale Kronstadt, und vom Bürgermeisteramt Katzendorf nach eigenem Bekunden „immerhin mit guten Worten“ unterstützt. Mit seiner diesjährigen Wahl hat er wieder eine besondere Persönlichkeit ins Rampenlicht gehoben. Bei der Feier zur Übergabe des Preises im siebenbürgischen Pfarrhaus nannte er Pop einen „Hasardeur“ in Sachen Verlagswesen, der es in seinem 2003 gegründeten Verlag schaffe, die Werke von rumäniendeutschen und rumänischen Autoren zu veröffentlichen, ohne dass er eine Beteiligung an den Produktionskosten voraussetzt! Bisher hat der Pop Verlag mehr als 400 Titel herausgebracht.

Als Autor hat der Geehrte unter dem Namen Traian Pop Traian in Rumänien in den 80er Jahren systemkritische Texte veröffentlicht. Neben Lyrik ist vor allem sein Stück „Minciunica în oraşul piticilor mincinoşi („Die kleine Lüge in der Stadt der Lügenzwerge“) zu nennen, weil es einen Wendepunkt in seinem Leben bewirkt hat: Da die Aufführung der Dramatisierung für das Puppentheater im Jahr 1989 nach zehn Vorstellungen verboten wurde, entschloss er sich 1990 in die Bundesrepublik zu emigrieren.

Wegen eines Corona-Falls in seiner Familie konnte Traian Pop beim „verflixten siebenten“ Dorfschreiber-Fest nicht dabei sein. Deshalb überreichte sein Vorgänger, der Dorfschreiber-Preisträger 2019 Thomas Perle, am Sonntag, dem 19. September, die Katzendorfer Katze vertretungsweise an den Katzendorfer Konrad Markus.

Das Fest hatte jedoch schon am Samstag davor begonnen. Als erster Programmpunkt war eine Lesung von Ingo Schulze vorgesehen, dessen Werke schon mit unzähligen Preisen ausgezeichnet wurden und den Günter Grass als „einen der großartigen Erzähler der neuen Bundesländer“ gewürdigt hatte. Anlässlich seiner Lesereise nach der Veröffentlichung der Übersetzung ins Rumänische des Romans „Peter Holtz, Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ nach Bukarest, Kronstadt und Hermannstadt machte er einen Abstecher nach Katzendorf. Das Besondere an dieser Lesung waren aber nicht nur der bekannte Gast und die große Scheune als Veranstaltungsort, sondern vor allem das Publikum. Auf den Bänken saßen einheimische Roma und ihre Kinder, die man zu dieser Lesung eingeladen hatte. „Ich habe noch nie so ein Publikum gehabt“, gestand Schulze, nachdenklich und gleichzeitig beeindruckt von den wachen Gesichtern und der Lebensweise dieser Menschen, nachdem die Schauspielerin Antonia Petra eine Passage aus dem übersetzten Roman vorgelesen hatte.
Lesung in der Katzendorfer Event-Scheune: (v.l.) ...
Lesung in der Katzendorfer Event-Scheune: (v.l.) die Schauspielerin Antonia Petra, der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze und Frieder Schuller, der Initiator und Organisator des Dorfschreiber-Festes.
Zwischen den Lesungen standen Auftritte des Flöte-Klavier-Duos Rolf Binder und Victoria Nitu sowie die Ethno-Jazz-Sängerin Maria Răducanu auf dem Programm. Die 1967 geborene Künstlerin hat ihren eigenen Stil gefunden, mit dem sie international erfolgreich geworden ist und überzeugte sowohl in den kräftigen als auch in den ganz zarten Passagen.

Mit großem Interesse wurde auch der Auftritt der Roma-Prinzessin Luminiţa Cioabă erwartet. Ihr bürgerlicher Name ist Maria Mihai und sie ist die Tante des aktuellen selbsternannten Roma-Königs Dorin Cioabă. Sie hat sich als Dichterin, Herausgeberin von Zeitungen und Filmemacherin über Roma einen Namen gemacht. Außerdem hat sie bisher mündlich weitergegebene Erzählungen und Gedichte der Roma gesammelt und veröffentlicht. Beeindruckend war ihr Vortrag des Gedichtes „Nu-ţi uita numele, copil de ţigan“ (Vergiss deinen Namen nicht, Zigeunerkind). Am Abend zeigte sie eine kleine Ausstellung mit bunten Roma-Trachten und einen Film über die Deportation der Roma nach Transnistrien. Die Verschleppung rumänischer Juden und Roma in den sicheren Tod nahm vor 80 Jahren ihren Anfang.

Durch die symbolischen Pflanzung einer Trauben-Eiche (Quercus petraea) vor der Event-Scheune beschritt das Fest den Weg aus der Welt der Fiktion in die Realität. Der Ökologe Professor Dr. Tibor Hartel, der die Pflanzung vornahm, wies darauf hin, dass im nahe gelegenen Streitfort (rumänisch: Mercheaşa), das zur Gemeinde Hamruden gehört, eine Hutweide mit vielen uralten Eichen steht. Der „Alte der Karpaten“, eine Bergeiche (Quercus sesilliflora), mit einem Umfang von 9,3 und einer Höhe von 21,3 Metern und einem Alter von etwa 900 Jahren ist der wertvollste Baum in diesem Naturschutzgebiet. Man müsse überall in den Wäldern, aber auf dieser Hutweide ganz besonders auf Naturverjüngung setzen und Eichensprösslinge schützen, weil dieses Naturdenkmal sonst in wenigen Jahren ganz verschwinde.

Hartel, der für den Nationalen Wissenschaftsrat Rumäniens und für den Mihai Eminescu Trust arbeitet und zur Europäischen Sektion der Society for Conservation gehört, suchte den Kontakt zu den Künstlern, weil er hofft, mit ihrer Hilfe eine neue Sicht auf die Zusammenhänge in der Natur und zwischen Natur und Gesellschaft in weiten Kreisen der Gesellschaft bekannt zu machen. Das sagten ihm die vier Dichter Adrian Lesenciuc, Cezar Pârlog, Ciprian Tudor und Iulian Cătălin gerne zu, nachdem sie vor der Scheune aus ihren Werken gelesen und versicherten hatten, dass eine Freundschaft, die unter einer Eiche geschlossen werde, besonders langlebig sei, auch wenn man dabei verschiedene Sprachen spreche.

Margrit Csiky



Bisherige Dorfschreiber von Katzendorf

Seit dem Jahr 1992, also ziemlich schnell nach der Wende, organisiert Frieder Schuller, Autor von Theaterstücken, Gedichten, Drehbüchern, Filmproduzent und Kulturorganisator, im Pfarrhaus in Katzendorf alljährlich ein Kulturtreffen. Es geht ihm darum, „Begegnungen zwischen rumänischen, ungarischen und deutschen Dichtern, Musikern, Malern, Bauern, Roma und Neugierigen“ zu ermöglichen.

„Im ersten Jahr dauerte das Fest eine ganze Woche! Rund 60 Schriftsteller waren aus Deutschland mit einem Bus angereist und ich konnte sie alle bei Familien im Dorf unterbringen“, erinnert er sich und ergänzt: „Zum Abschluss sagte der Schriftsteller und SPD-Politiker Dieter Lattmann, er habe in dieser Woche in Katzendorf mehr über Europa gelernt als in vielen Tagungen und Schulungen.“

Ab dem Jahr 2000 bildeten die Feste den Rahmen für die Vergabe eines Dorfschreiber-Preises. Den Preis, eine Gipskatze mit Schreibfeder, hat der Bukarester Künstler Daniel Răduţă geschaffen und der jeweilige Preisträger darf seinen Preis behalten. Die Wahl des Preisträgers trifft Schuller selbst. Der Dorfschreiber kann „wohnen nach Schreibenslust wochenlang im Pfarrhaus von Katzendorf und sein Preisgeld als tägliches Brot hinnehmen. Er kann und soll sich umsehen, in die Sprache der Dorfbewohner hineinhören, sich wundern, mitreden, um einen Dichterbeitrag zum gegenwärtigen Transsilvanienbild hinzufügen“, heißt es in der Einladung zum diesjährigen Treffen.

1. Dorfschreiber 2011: Elmar Schenkel: „Mein Jahr hinter den Wäldern: Aufzeichnungen eines Dorfschreibers aus Siebenbürgen“
2. Dorfschreiber 2013: Jürgen Israel: „Katzendorfer Tagebuch“ mit einem Vorwort von Dr. Bernd Fabritius und einem Nachwort von Frieder Schuller
3. Dorfschreiberin 2014: Carmen Francesca Banciu: Radio-Interviews aus Katzendorf, die im Deutschlandfunk gesendet wurden
4. Dorfschreiberin 2016: Berlinerin Tanja Dückers
5. Dorfschreiberin 2017: Dagmar Dusil „Auf leisen Sohlen. Annäherung an Katzendorf“
6. Dorfschreiber 2019: Thomas Perle „hinter spitzen siebenbürgen“, seither vermehrt als Dramatiker am Nationaltheater Radu Stanca Hermannstadt tätig
7. Dorfschreiber 2021: Traian Pop

Schlagwörter: Literatur, Dorfschreiber, Katzendorf, Pop, Perle, Kronstadt, Schulte, Schuller

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