30. Dezember 2021

Ich lauere dem Weihnachtsmann entgegen: Claudiu M. Florian in der Reihe „Lebendige Worte“ (XXV)

Claudiu M. Florian, geboren am 2. September 1969 in Reps, ist Diplomat, Historiker und Autor. Ehemaliger Kultur- und Presseattaché der Botschaft von Rumänien in Berlin, Gesandter der Botschaft von Rumänien in Bern, seit 2013 stellvertretender Leiter und seit Dezember 2017 Leiter des Rumänischen Kulturinstituts in Berlin. Sein erster Roman „Zweieinhalb Störche – Roman einer Kindheit in Siebenbürgen“ erschien 2008 im Transit-Verlag, Berlin. Der Autor übertrug seinen Roman ins Rumänische und veröffentlichte ihn in erweiterter Form 2012 unter dem Titel „Vârstele jocului – Strada Cetății“ im Verlag Cartea Românească in Bukarest. Dafür erhielt er 2016 den Literaturpreis der Europäischen Union. Er ist Mitherausgeber des Dokumente-Bandes „Rumänien – Bundesrepublik Deutschland: Beginn der diplomatischen Beziehungen, 1966-1967“, Editura Enciclopedică, Bukarest, 2009. Weitere historische und literarische Beiträge in rumänischen und deutschen Publikationen.
Claudiu M. Florian, 2012 ...
Claudiu M. Florian, 2012
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Das Schreiben trug ich schon lange in mir. Erst allmählich lernte ich, dass eine solche Beziehung unbedingt auf Gegenseitigkeit zu beruhen hat, dass auch ich vom Schreiben getragen werden muss. Frühe Versuche hat es gegeben, in unterschiedlichen Lebensetappen. Später setzte ich mich an einen Roman über meine Armeezeit in Siebenbürgen, zwischen September 1988 und Januar 1990. Als ich dann gar nicht ans Schreiben dachte, während ich schrieb, in der Berliner S-Bahn, nach meiner Versetzung zur Botschaft von Rumänien, wuchs vor meinen Augen ein Textblock heran, gedacht als lauter Szenen der Erinnerung für später, für meine Kinder. Als ich dann bewusst Struktur hinzufügte, wurde daraus ein Roman. Den ich, sei es auch nur um eine Spanne, von mir abschob, in der Absicht, ihn allgemein gültiger werden zu lassen, so dass jeder Zeitgenosse, der ihn liest, einen Teil seines eigenen Lebens darin wiederfindet. Ursprünglich auf Deutsch geschrieben, habe ich ihn eigenzüngig ins Rumänische übertragen, in erweiterter Form, die für würdig gehalten wurde, 2016 den Literaturpreis der Europäischen Union verliehen zu bekommen. Inzwischen liegt die sächsisch-rumänische Geschichte des Buches auf Ungarisch, Mazedonisch, Serbisch, Kroatisch, Italienisch und Bulgarisch vor. Selbiges Buch über die Repser, Seiburger und altreiche Gesellschaft führte mich nach Brüssel, Budapest, Pisa, Zagreb und Neu Delhi. Daraus werde ich mich „heim ins Reps“ zurückholen, und zwar endgültig nach Beendung meines aktiven Dienstes.

Ihr Roman „Zweieinhalb Störche: Roman einer Kindheit in Siebenbürgen“ ist als Teil eines Zyklus gedacht. Wie geht es weiter?

Mit einer Synthese und einer Freske der 70er, 80er und 90er Jahre in Rumänien und später vereinzelt auch in Deutschland. Es ist wahrscheinlich auch ein Derivat meiner Jahre als angehender Historiker, dass ich mich nicht zufrieden geben kann mit Literatur der Literatur und Schreiben des Schreibens wegen, sondern meine, eine Stimme meiner Zeit sein zu müssen.

Wie gelingt es Ihnen als Leiter des Rumänischen Kulturinstituts (RKI) in Berlin, auch die rumäniendeutsche Kultur zu fördern?

Wie sich das gehört! Die rumäniendeutsche Kultur ist Bestandteil des Kulturgutes Rumäniens und auch Bestandteil meiner eigenen kulturellen und seelischen Mitgift. Nicht ferner als am 27. Oktober d.J. haben wir Hannelore Baier zu Gast gehabt, mit dem Referat „Urzeln und Nachbarschaften: Das Siebenbürgische Kulturerbe wird fortgeführt“. Kurz davor, im September und Oktober, die Ausstellung „Fetzen – Gezeichnete Geographien nach alten Stücken in Siebenbürgen und Bessarabien“ in unserer Galerie. Anfang 2020 starteten wir eine Reihe zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Deportation, bestehend aus Mark Schröders Fotoausstellung „Order 7161“, mit einigen der letzten Zeitzeugen, einem Gespräch mit der ehemaligen deportierten Zeitzeugin aus Reps Inge Weiß, Lesungen aus thematischen Romanen von Mariana Gorczyca und Herta Müller, sowie aus einem Gespräch mit Hans Bergel zum Thema „Schicksal der Rumäniendeutschen im Jahr 1945“. In Erinnerung an den 90. Geburtstag Oskar Pastiors haben wir einen literarischen Abend veranstaltet. Dagmar Dusil, Jan Cornelius, Konrad Gündisch, Anneli Ute Gabanyi, Thomas Șindilariu sind ebenfalls im Laufe der Zeit unsere Gäste gewesen, ebenso etliche weitere Rumäniendeutschen. Hans Bergel haben wir ebenfalls, in Anwesenheit, zu seinem 90. geehrt. Ob Siebenbürgen, das Banat, die Bukowina oder Bessarabien, wir berücksichtigen alle Regionen und Provinzen Rumäniens, in denen deutsche Kolonisten Geschichte mitgeschrieben haben. Daneben verzeichnet das RKI Berlin beste Zusammenarbeit, auch bei etlichen der o.g. Projekte, mit der Siebenbürgen-Referentin am Siebenbürgischen Museum Gundelsheim, dem Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam oder der Bildungsstätte Heiligenhof in Bad Kissingen. Rumäniendeutsche Kultur im RKI Berlin zu fördern ist keine Frage des Gelingens, sondern der Einstellung. Sämtliche unserer diesbezüglich eingereichten Projekte wurden von der Bukarester Zentrale gefördert.

Mehrerlei

Auszüge aus dem ersten Kapitel des Romans „Zweieinhalb Störche – Geschichte einer Kindheit in Siebenbürgen“, Transit Verlag, Berlin, 2008

Alles ist mehrerlei. Die Menschen hier wie die Menschen woanders, die eine Sprache wie die andere, unsere Feier zu Hause wie die Feier im rotbraunen Fernseher. Es ist nicht alles eins. Es ist alles zwei. Oder drei. Oder vier.

Es ist Heiligabend, und wir sitzen zu dritt vor dem bunt geschmückten Tannenbaum und singen. Doch singen tun wir nicht zu dritt, nur sitzen, denn die Sprache hilft uns nämlich nicht allen weiter. „O, Tannenbaum …“ ertönt unser kleines Ständchen, von der Großmutter und von mir, wobei der Großvater nur dabeisitzt und leise summt. Er spricht die Sprache dieses Liedes nicht, und rein vom Hören her wird er recht wenig mitbekommen vom Duzen des Nadelbäumchens und von dessen Blühen nicht nur zur Sommerzeit. Allein der Anblick wird ihn wohl feststellen lassen, dass auch im Winter, wenn es schneit, das grüne Gewächs vor unseren Augen in vollem Schmuck auflebt.

Danach ist er es, den ich singend begleite: „O, brad frumos …“, und es ist die Großmutter, die jetzt leise summt, obwohl sie diese andere Sprache des gleichen Liedes versteht und auch spricht. Sie lässt aber den Großvater zu Lied kommen, sind sie doch so selten, die Male, wo wir gemütlich zu dritt sitzen und ich jeden von ihnen begleite. Die Sprachen des Liedes trennen uns weitaus weniger, als uns die Melodie und der Anlass desselben vereint. Ich – ich verstehe beide und weiß auch, dass sie das gleiche erzählen in den beiden Sprachen, deren sich die Großmutter und der Großvater auch sonst jeweils bedienen in all dem, was sie zu sagen haben, und die sich oft in schlichten Einzelheiten ergänzen. „O brad frumos“ heißt auf Rumänisch: „O, schöner Tannenbaum“.

So wie beim Mitsingen bin ich der einzige, der mit beiden mitreden kann in der jeweiligen Sprache. Das liegt daran, dass der Großvater die Sprache der Großmutter nicht spricht und letztere in der Sprache des Großvaters nicht singt. Denn die Großmutter und der Großvater sind selber mehrerlei. (…)

Ich bin Kaiser und König. Selbst bei diesem reichlichen Weihnachtsmahl ist es mir eben gelungen, schneller als der Großvater und die Großmutter den Teller vor mir leer zu räumen. Dafür ernenne ich mich selber zur doppelten Hoheit und gedenke, mich zu erheben, um zu sehen, was drüben, unter dem Christbaum im Mittleren Zimmer, der gewiss auf des Weihnachtsmanns Weg von irgendwoher nach irgendwohin liegt, noch so alles los ist. Dabei rechne ich nicht mit Großmutters ruhigem, gleichwohl keinen Widerspruch duldenden Befehl: – Bleib schön sitzen!

Ob schön oder nicht, ich erstarre auf halbem Weg und stelle fest, dass selbst ein Kaiser und König manchmal höheren Mächten zu gehorchen hat. Da der Weihnachtsmann sich noch nicht hat blicken lassen, lauere ich ihm schon die ganze Zeit, abwechselnd, am Fenster zur Gasse und an der Tür zum Gang, mit seinen langen Dielen entlang des Hauses, entgegen. Da durch die hölzerne Doppeltür bei erwartungsvollem Öffnen ein eisiger Hauch klirrender Kälte hereinzieht, bemerkt die Großmutter schließlich, der Weihnachtsmann käme, wann er eben Zeit hätte und nicht, wann ich es gerne wolle. So dass ich mich nur noch ins Warme zurückziehe und meine Ungeduld einwickeln lasse, an beiden Enden zugeschnürt wie ein am Christbaum hängendes Weihnachtsbonbon, am einen Ende vom rumänischen „Telejurnal“ im rotbraunen Fernseher, stumm verfolgt vom Großvater, und am anderen von den deutschen Weihnachtsliedern im schwarzen Radio, untermalt vom Glockengeläut – so die Großmutter – „aus allen deutschen Domen“. Irgendwann, während meines Pendelns zwischen den fröhlich-aufgeregten, schwarzweißen Menschlein im Fernseher, die immer wieder was vom nächsten Jahr „höchster Bedeutung“, von „Parteikongress“ und „nächster Fünfjahresplan“ und wieder von „Helsinki“ erzählen, und dem Lied „Oh, du Fröhliche“ nebenan, muss der Weihnachtsmann sich bis an den Christbaum heranschleichen – vielleicht jetzt! – und dort seine Geschenke für uns hinterlassen.

Ein komischer Mann, dieser Weihnachtsmann, der erstmal unbemerkt bleiben will, obwohl er doch offensichtlich guten Willens kommt, der sich nicht entscheiden kann, ob er nun „Weihnachtsmann“ oder „Frostmann“ heißt, und der nur einmal im Jahr auftaucht, einmal zwischen dem Geläut aller deutscher Dome und dem Gerede vom Fünfjahresplan! (…)

Während die Großmutter kurz hinüber ins Christbaumzimmer geht, denke ich an die Zeit zurück, als der halbe Schweinsbraten vor mir noch ein ganzes Schwein war. Gekauft worden ist es letzten Frühling auf dem Viehmarkt, der Großvater hat es als Ferkel in einem Sack nach Hause gebracht. Eine Zeit lang sind wir zusammen gewachsen, es im Schweinestall, ich da draußen, im Haus und im Hof. Zu ihm, als es vor dem Füttern tobte, hat der Großvater geschrieen, zu mir, beim Lärmen danach, schreit die Großmutter, doch beide sind zufrieden gewesen, dass wir aßen, denn von Tag zu Tag sind wir gewachsen. Irgendwann hat es mich dann eingeholt, ist viel schneller größer und dicker geworden als ich. Doch der Herbst hat uns getrennt. Während ich in den Kindergarten gekommen bin, ist das Schwein – das schon lange kein Ferkel mehr war – mehr und mehr mit musterndem Blick angesehen worden. Ihm stellte man um die nächste Weihnachtszeit ein besonderes Ereignis in Aussicht, während man von mir und meiner Zukunft etwas langfristiger diskutiert. Schließlich habe ich letzte Woche, beim schon lange angedeuteten besonderen Ereignis, nicht teilnehmen dürfen, da es hieß, ich müsse mich dem täglichen Kindergartengang fügen. Was an jenem Tag mit dem mittlerweile gewichtigen und tief grunzenden Schwein geschehen ist, das hat bei uns im Hof stattgefunden, mit zahlreichen, eifrigen Hilfskräften, geschwätzigen Tanten und kräftig zupackenden Onkels aus der Nachbarschaft, manche bekannt, manche mir weniger bekannt. Dass ich nicht dabei sein durfte am letzten Morgen unseres Schweins, regt mich noch heute, im Nachhinein, auf: Man hat für eine Zeit, über drei Jahreszeiten, auf dem geschlossenen Raum des Hofes zusammen gelebt, was der eine nicht geschluckt hat, hat der andere gekriegt, wo der eine sich bewegte, hat der andere nichts zu suchen gehabt, worauf es beim einen ankam, ging den anderen nichts an. Dennoch war man irgendwie verbunden, und nicht allein deswegen, weil man auf demselben Hof gelebt hat. Einmal, sei es auch nur für eine kurze Zeit, ist man gleich alt gewesen. Das Schwein ist als Schweinskind her zu uns gekommen, bevor es schnell zu wachsen, groß zu werden und tief und tiefer zu grunzen begonnen hat.

In jenem Morgengrauen mit lauter Menschen im Hof und in der allein an diesem Wintertag mit viel Holz vollgeheizten Sommerküche, an jenem Tag mit dem Stürmen des Schweinestalls durch kräftige Männer in ausreichender Anzahl, um das große Tier zu packen, dessen Widerstand zu brechen, es zu fesseln und herauszuzerren, an jenem Tag habe ich als einziger in den Kindergarten gemusst. Ein Schwein zu schlachten, das sei nichts für Kinder. Auch nicht, wenn es das eigene Schwein ist. Außerdem soll man im Kindergarten nicht fehlen: Ist man nur so groß wie ich, hat man von morgens bis mittags dort zu sein und nirgendwo anders, schon gar nicht beim Schlachten.

In der kräftig durchheizten Sommerküche geht das zerlegte Schwein unter kochendem Wasser, in Blechschüsseln und Holzmulden, zwischen knetenden Händen und am Vorabend geschärften Messern, in Schinken, Grammeln, Speckhälften, Fleisch-, Leber- und Blutwürste über. Dabei immerhin habe ich mitmachen können, denn meine Kindergartenzeit war um. In der sonst um diese Jahreszeit verlassenen und kalten Küche quoll die Heiterkeit und Lebenslust der Anwesenden über die Topf- und Tellerränder hinaus, während im Schweinestall sich die Stille legt, die Kälte einnistet, der letzte Schweinemist gefriert und der Futtertrog austrocknet.

Bis zur nächsten Jahreszeit und zum nächsten Ferkel. (…)

Die Großmutter sagt weiter erstmal nichts, schweigt auf den Großvater beruhigend ein und holt Kuchen. Auf das große Holztablett hat sie jeweils ein großes Stück von den selbstgebackenen Apfel-, Rosinen- und Zitronenkuchen gelegt, das sie wiederum vor uns in kleine Stücke schneidet. Ich seh’s kommen, ich weiß es, ich merke es schon an Großvaters vom Weinbecher zum Kuchen wandernden Blick:
– Na, lass dann uns auch mal von diesen Lügen kosten!

Die süßen, kleinen Happen, ob Kuchen, Kekse oder Bonbons, nennt der Großvater „Lügen“. Damit macht er es mir schwierig, das angeblich ausschließlich Böse an einer Lüge zu erkennen. Die Großmutter meint zu mir, Lügen seien immer schlecht, zu lügen sei abscheulich und widerlich und nicht gut. Und verdiene, sofort bestraft zu werden. Das wird dann wohl auch der Grund sein, weswegen der Fernseher oft Fäuste auf den Deckel kriegt: nicht bloß, weil er das Bild sandig zeigt oder ständig nach oben flitzen lässt, sondern vielmehr, weil, wie der Großvater oft behauptet, er voller Lügen steckt. Seit der Nenea Ghiță dann wieder einmal da war, um das rotbraune Gehäuse hinten zu öffnen, und ich, zu meiner Enttäuschung, bei den vielen Lampen und dem fingerdicken Staub kein Menschlein und auch kein einziges Stückchen Kuchen darin entdecken konnte, ist mir klar geworden, dass auch Lügen mehrerlei sind. (…)

Der Fernseher in der Winterküche, im Eck neben jenem Fenster, von dem aus man die Burg am besten sieht, heißt „Dacia II“. So steht es auf dem spannenlangen Schild dicht am riesig-dunkelgrauen Brillenglas, seinerseits erschlossen im rotbraun-lackierten Holzgehäuse. Darunter stehen vier senkrecht eingebaute, kleine Zipfelknöpfe, gefolgt, ganz unten, von einem dicken, klobigen. Der rotbraune Fernseher Dacia II zeigt nicht immer alles richtig. (...) Manchmal verstellen unzählige Flöhe das Bild und andere Male werden die kleinen Menschen da drin, die Geschichten erzählen, schmaler oder breiter, größer oder kleiner gezeigt, als sie in Wirklichkeit sind, einige zitternd, andere dauernd nach oben strebend. Dann haut der Großvater ihm mit der Faust auf den Deckel, damit die da drinnen gefälligst bleiben, wie sie sind. Das scheint Wirkung zu zeigen, denn der Dacia II gibt dann meistens brav und deutlich die Bilder wieder, die man von ihm erwartet. (…)

Der rotbraune Fernseher hat offensichtlich einen Gegner im Haus: das schwarze Radio. (…) Das Radio lässt in der Mitte des abgerundeten, schwarzen Gehäuses ein grünes Lichtlein leuchten und heißt „Blaupunkt“. Seine zahlreichen, doch mittlerweile vertrauten Töne pfeifen jeden Abend ihren Gesang durch die dick gewobene, braune Stoffabdeckung des Lautsprechers, wie aus einem Grillennest. Und eben darauf scheinen die Großmutter und der Großvater zu warten, wenn einer von ihnen an den Knöpfen dreht und beide, ihre Häupter auf einem Polster, dicht beim Radio am Bettende, nebeneinander liegen. Meistens rufen sie selber bekannte Stimmen herbei, indem sie am Knopf herumdrehen. Erwischen sie eine davon, so halten sie die fest und hören aufmerksam der Geschichte zu, die sie zu erzählen hat. Im Unterschied zum Fernseher hat das Radio vom Großvater nie eine Faust auf den Deckel gekriegt, obwohl es oft genug krächzt und die Stimmen manchmal auch gänzlich verliert. Er ist jedes Mal großzügig damit, und es wird erneut an den Knöpfen gedreht und nach anderen bekannten Stimmen gesucht. Sie hören sich meist böse Geschichten an. Gute gibt es nicht so oft wie im rotbraunen Fernseher. Dort sind fast alle Geschichten gut, mit Ausnahme solcher wie die, wo es vorher heißt: „Aus der Welt des Kapitals“. Doch die Großeltern habe ich nie bei einer bösen, bissigen Geschichte, die ihnen nicht zu gefallen schien, das Radio ausschalten sehen. Sie hören jedes Mal umso gespannter zu. Manchmal lachen sie dabei oder schnauben kurz und wütend oder bejahen und ergänzen leise, eh sie sich schließlich, bei beendeter Geschichte, nochmals abgespielter Anfangsmelodie und darauf ausgeschaltetem Gerät, sich noch eine kurze Weile über das eben Gehörte unterhaltend, hellwach dem Schlaf hingeben. (…)

Zur Zeit jedoch geht es dem Fernseher besonders schlimm – so schlimm, dass er selbst auf die Fäuste des Großvaters nicht mehr hören will. Der Nenea Ghiță, der Elektriker ohne Zeigefinger an der rechten Hand, hat sich wieder einmal zu uns einladen lassen, das rotbraune Gehäuse in die Mitte gestellt und die vielen staubigen Lampen der Reihe nach herausgezupft und auf den Tisch um die beiden Weinbecher gelegt. Der Wein ist noch vom letzten Jahr, von der guten ersten Lese, obwohl wir inzwischen im Frühling sind. Doch schließlich weiß auch der Nenea Ghiță nicht mehr, woran es liegt und wieso der Genosse auf dem Bildschirm ständig nach oben eilt, um rasch von unten wieder aufzutauchen. Nach vielem Schimpfen, der Genosse möge doch endlich stillstehen und nicht ständig nach oben wollen, muss der Nenea Ghiță aufgeben und, mit seiner zeigefingerlosen Hand den letzten Becher Ribiselwein ergreifend, vor dem Großvater seine Machtlosigkeit eingestehen. Somit gibt es nur noch die eine Lösung, dass nämlich der Vișan, der neue Meister im Ort, den Fernseher abholt und in seine Reparatur bringt. (…)

Warum unsere Gasse die Burggasse heißt, ist offensichtlich, lässt die hohe Burg über uns sich doch von überall mühelos erblicken. Anders die Hauptstraße, die den Ort von rechts nach links, der Länge nach und mittendurch an die Erde bindet wie ein riesiger, grauer Hosenriemen. Sie heißt „Straße der Republik“, doch ich wüsste nicht wieso, denn hier ist nirgendwo eine Republik zu sehen. Wenn was nicht zu sehen ist, obwohl jedermann es beim Namen nennt, kann es nur ein Märchen sein, ein ersehnter Schatz, oder Indeutschland.

Claudiu M. Florian

Schlagwörter: Literatur, Lebendige Worte, Roman, Reps

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