28. Februar 2022

Die Banater Schriftstellerin Ilse Hehn in der Reihe „Lebendige Worte“ (XXVIII)

Ilse Hehn, Schriftstellerin und bildende Künstlerin, geboren am 15. Mai 1943 in Lovrin im Banat, absolvierte Bildende Kunst an der West-Universität Temeswar und war bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland 1992 als Gymnasiallehrerin für Kunst und Kunstgeschichte in Mediasch in Siebenbürgen tätig. Die Dozentin für Kunst lebt heute in Ulm. Von 2011-2022 Vizepräsidentin des Internationalen EXIL-P.E.N. Sektion deutschsprachige Länder.
Ilse Hehn bei einer Lesung am 16. Oktober 2021 im ...
Ilse Hehn bei einer Lesung am 16. Oktober 2021 im Haus des Deutschen Ostens in München. Foto: Lilia Antipow
1973 veröffentlichte sie mit „So weit der Weg nach Ninive“ ihren ersten Gedichtband im Kriterion Verlag in Bukarest; seither folgten 20 weitere Bände mit Lyrik und Prosa, zuletzt „Tage Ost – West“ (Gedichte, Pop Verlag Ludwigsburg 2015), „Ulm erleben“ (Fotografie und Prosa, Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried 2016), „Sandhimmel“, (Gedichte und Übermalungen, danubebooks Verlag, Ulm 2017) und „Roms Flair in flagranti“ (Prosa, Pop Verlag, Ludwigsburg 2020). Das Buch „Diese Tage ohne Datum“ mit Prosa, Lyrik und bildnerischen Werken der Autorin erscheint im Frühjahr 2022 im Pop Verlag Ludwigsburg. Ihre Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, für ihre literarische Arbeit wurde sie in Deutschland und Rumänien mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Literaturpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes (2014) und dem Donauschwäbischen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg (Hauptpreis, 2017).

Landung

mein Land
kommt als Überraschung von Osten her
ins vergessliche Licht der Demokratie

runter gehts rauf gehts doch
immer runter
der Hofgarten der Politiker frisch gemäht
man zählt die Euros aus dem Westen
kippt Zahlen über falsche Köpfe

ich denke an Menschen Gespräche
unheroisch notwendig
senke den Kopf seh die Baumwurzeln an
vor dem Flughafen
ausgeschlagen in Schatten

Spätnachmittag
April
(Rumänien 2010)

Temeswar. Ein Befund

“Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte
das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte
ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.“
(T. S. Eliot „Das öde Land“)


Eine Oper ist Zentrum im
Verkehr der Gesten
die Bäume haben anscheinend aufgegeben
zu fragen wie Fuß fassen in diesen Zeiten
zwischen Einkaufswagen hat man jetzt
Palmen gepflanzt
im Supermarkt addiert die Kassiererin
das Verlangen nach Posten nach Arbeit
ihr geht alles so leicht von der Hand
unterdessen greifst du nach Klopapier
nach Aprikosen und Salat ohne
Nachdenken ohne Sorge um Konfusion
Nimmt man den Schatten weg das Seufzen
schlendert die Stadt aufrecht
steifbeinig wie Stühle
Wände überlassen dir ihre Träume – ein Sack
gefüllt mit Hühnerfutter
du betrachtest aus östlichem Fenster
die riesige Leuchtreklame FORTSCHRITT
schaust nicht weiter hinaus als bis zum Ende der
Tragfläche ohne Flugticket in der Tasche
Farben vorsichtig gestreut kopfauswärts
Teile von Grün dem Aug entlassen schießen ins Kraut
ein Stein wie ein Tier in der alten Stadtmauer
unter seiner Zunge wuchsen die Jahre fest

Die Tageszeitung in der Hand
wir gehn ihr auf den Leim
(2010)

Die Heimat, die Zunge

(Für Werner Kremm)

Heimat – gerettete Zunge

Ach, du lieber Augustin – die Kunst am Rande
des Nichts zu leben als sei alles in Ordnung.

Monstranzäugig ein Ziborium – nenn es
Muttersprache, Beinhaus, Fahnenstange,
auch Marktplatz oder Rettungsboot,
nenn es Gelächter, wo großäugige Wörter rollen,
nenn es Ort jenseits der Wand.

Der Tag süffelt maisgelbes Licht,
verschmilzt mit dem Asphalt, mit der listigen
Hintertür der Zeitung Adevărul
und über demokratischen Schlamm schiebt
sich langsam das Roma-Gold:
Paradiesäpfel mit leichtem Gewicht.

Der Versuch, auf Füchsen zu reiten.

Nichts mehr geht bis aufs Blut,
die Pferde sind tot, es lebe der Gaucho,
die Pampa verloren an den Westen.

Ein schwachbrüstiger Server die Zunge,
Leviathan aus Blech.
(Rumänien 2010)

Am Rande von Kairo

Was nicht fragt sind Bilder in den
Farben Ägyptens, Finger abflammender
Bäume, Frachtensegler im Strom,
was du denkst ist zerkratzte Traumschlacke im
Gelächter der Sprache, sie reißt
Menschenschatten nicht auf, nicht
Mechanismen, Tabellen, Umsätze, Verträge,
während ich notiere, wo ich bin,
1. Februar 2010, zerfällt in Dinge die
Stunde, sandig rauen Flugsand –
Aufleuchten inmitten
von Staub.

Sonne lässt Fetzen fliegen, am
Kehlkopf angetrocknet meine Zunge,
der Tag verkauft, was ihm nicht gehört.
Zieh Leine, Poesie!

Sonnengott Re

Wiegtest dich Gott in Sicherheit,
nährtest die Himmelsbarke,
in deinem Widerschein der Schädel des
Menschen,
Windbeutel, Sandtier,
man fraß dir aus der Hand.

Getilgt durch Schatten Zeit,
nur dein Name blieb ungelenk aufrecht,
blutleeres Zeichen, ohne
Scheu berührt inmitten der heutigen Sonne.
Bilder, sich zurücklehnend im Stein,
gegen Tageslicht betrachtet die
erstarrten Farben Braun, Ocker, Blau,
während Bloßstellung sie einschneit wie
gequälte Zungen.

Mit einer Tageszeitung unterm Arm der
Mann neben mir,
bewaffnete Soldaten, ihre Abtastblicke,
Redensarten, aufgeteilt in Hirnhälften,
flirrende Luft,
Müdigkeit, aufgeschminkt im Schatten,
Touristenbusse.

Ein Stück Wüste glänzt irgendwo,
als wär’s ein Schluck Wasser.
(Ägypten, Theben-West)

Wir – Spiel der Gezeiten

Zerfressen das Ufer – wehrhafter Rand der
Austernmuschel.
Gleich Botschaften krallen Wellen ins
Fleisch der Felsen – Feinde, darüber ein
spinnenförmiger Himmel, der Dolch Sonne,
dort Vögel, Decksteine, reglos auf den Klippen.
Umarm mich, sagst du, drückst mein Knie an
den Stein,
ablesbar deine Küsse wie am gefälteten Gneis die
Metamorphose des Steins.
Dickbäuchige Nester der Kormorane an den Klüften der
Felswände, Inseln (augenklein) verschwinden im Dunst
der Welle, im Gehör des Wassers,
am Rand der Erde:
Finistère.

Wir ergreifen den Mittag, das ertrunkene Land,
Armor, Watt und Meer eingescannt in deiner Haut,
zärtlich nass unsere Zunge, als wär’s ein anderes Leben,
nicht eingeschlossen im Kern einer Traube,
in der Haut der Schlüsselblume (matt unter der Oberfläche,
ängstlich)
wir – Spiel der Gezeiten.

Die scharfe Klinge der Steine im Brennpunkt flimmernder
Hitze zeichnet das Abbild Weite –
dieses Gleiten der Kähne, gelöst wie
unsere Worte, herrenlos frei die Linie der Vögel.

Am dünnen Seil hängt der Augenblick, schutzlos unsere
Helle, die geöffnete Stunde, (doch) der Atlantik trägt den
Himmel voller Weiterungen, vertraut sich selbst.

Entflogen die Felder, ihr buntes Harlekinskleid, jeder
Flicken durch windenüberwucherte Erdwälle gegen den
anderen abgesteppt, fern der träge Schritt bretonischer
Kühe, die dampfende Senke Land –
finis terrae.

Gewohnheiten der Krebse zwischen der Last der Steine,
die Küste stößt mit roten Granitzähnen ins Wasser,
zersplittert Zeit;
manchmal bringt das Meer seine Schwächen mit,
in Gebärden, empfindsam,
als gäb’s einen Beweis für sein Geheimnis, als wöge es
Licht, zerstäubt in stürzendes Silber.

Marmor / Florenz I

(Für H. S.)
Unser Fernsein miteinander am Rand möglicher
Wälder, mit Adern durchzogen wie Blätter,
löwenköpfig die Stadt, ein Sarg aus piatra dura;

Liebende aus echtem
Marmor, ohne die Gnade der Wärme,
des Bettlers abgewetztes Fell,
an den Brüchen spielt das Licht mit
verirrten Hautflüglern.

Für einige Stunden schlägt die Sonne Rad,
kocht Gelb über unseren Lungen, versiegelt mit Kupfer
die Risse. Du meidest schmale Gehsteige, dein
leises Schnaufen in der Hitze – ein viel zu
großes Tier im Asphalt, das
Aug, eine Baumöffnung, atmet nervös.

Der Arno führt Holz,
Regenzeichen.
Ein brauner Wasserfaden – verdunkelter Schutz,
Einsamkeit von Monaden.

Es ist nicht der Tod / Florenz II

Den Zünder suchen unter der Haut,
zu verstehen das Erinnerte, Hölle, Fegefeuer, Paradies,
unter Dantes verzinktem Lorbeer.

Längst hat die Stadt uns vergessen,
undeutlicher Rest wir, grauer Belag,
flache kleine Wellen über staubigem Stein, Touristen.
Akrobaten auf der Piazza della Repùbblica, zu ihren
Füßen das Stundenglas aus Jetzt und Sofort, Münzen darin,
Taschenhändler am Rand der Szene, Algerier vielleicht,
versprüht vom Leben – durch den Abend wie Fledermäuse
werden sie huschen, ihre Angst eine anwachsende Spirale.

Um uns verkrusteter Glanz Domfassade, daneben Giottos
Campanile, angepflockt in der Hitze. Kühle der Schläfe – das
Baptisterium, weißgrüne Hirnströme, Geometrie.
Vor dem Palazzo Vecchio Kopien, nackte
Sieger, Bühnendekoration, Hochzeitsgäste, ausgeblichen,
unweit lümmelt Ponte Vecchio, auf Sommer poliert, darunter
Arno im Schlamm, das Gesicht nach unten.

Kaum vernehmbar die Funksignale der Farben in Kirchen,
den Uffizien, Bilder, panzerverglast, von Checkpoints bewacht,
Dantes Haus schattengestreift, Piazza Santa Maria Novella
entzündet durch Licht, im Bahnhofsrevier Postkartenverkäufer,
Nutten, einige Bäume, Tristesse des Ortes.

Nach 23 Uhr fällt der Abend in sich zusammen,
über uns das Gesicht der Stadt, abgeschminkter Himmel aus
ihrer Mundhöhle linst. Wir erreichen
Piazza Santa Elisabetta, Hotel Brunelleschi, steigen in den
byzantinischen Turm, hohlen Kolben aus Stein, sechstes
Jahrhundert, Nacht schneit uns ein,
traumverstümmelt, ganz von dieser Welt.
Es ist nicht der Tod, der uns schreckt.

Sogno

„Über der Seele das unnütze Flattern
Dessen, was nie war noch sein kann, und alles ist.“
(Fernando Pessoa „Er Selbst“)


Nackt das Gesicht
Farben der Nacht lose
Schlaf – ungesicherte Spur

Landschaft fährt in mich ein
von innen gehört das
Geräusch des Wassers schäumend

Geisterschiffe
wirre Taktstöcke in meinem
Rippenlicht

Die Nahtstellen offen
fall ich
aus jeder Sprache

aus allen Häusern die ich nicht baute
von allen Gartenmauern
auf denen ich nie kletterte

Traum –
unübbar wie Kindheit
wie der Tod
(Vieste, Apulien)

Abend, romantisch infiziert

Die Sonne heute
ihre angemalten Lippen
das habgierige Brennen

Nun hat sie ihren Flammentaumel eingestellt

Wir tropfen den Tag zu mit flügelsanfter Zärtlichkeit
schlucken Austern wie verführte Engel
spülen den Mund mit rotem Samt

Der Uferhang
sein Schaumleib
die Zuckungen der Sterne
(Cancale, Bretange)

Aus der Vertäuung

Nebel über Klang von Wolken
das Stimmenregister letzter Farben

zeichnet Denkfiguren in die Luft verlischt
Nachhall von Schrift

Dieser Eindruck man hätte Zeit
eine Spur hinter sich

Schreiben

Zwischen dem bezeugenden Bleistift
und dem Unaussprechlichen
legst du dich in die Schrift,

in ihre Schattierungen,
sie durchdringt die Haut deiner Wörter, in
Helle, Dunkelheit, Wunden und

Regenbogen –

du kleidest dich tintenblau,
in Wasserklarheit

Wasserrauch

Amnesie der Schrift

Zärtliche Schreibschrift, Schrift des Verschwindens
Über deiner Milde heute Überwachung, Bildschirm,
Buch gibt sich online, gibt sich süßem Handel hin im
Kartenzimmer digitaler Freaks
Buch wird E-Book
Doch nicht vergessen unsere papiernen Geheimgärten,
unsere heimlichen Liebschaften, unsere nächtlichen Freunde,
Leben, das keimt in den Tiefen der Zeilen,
das entspringt den Arabesken gezeichneter Buchstaben
Schrift – Geburtsort, Dorf meiner Sprache
Erinnerungen an das Dorf, an die sprechenden Hüllen,
an all die verborgenen Winkel, verloren heut im
Treibsand der Tastatur

Februar 2022

Dieses in das Jahr gestoßene Speer,
diese Angsttrunkenheit, die verletz-
ten Umarmungen, diese vergifteten
Cantabile der Herzharfen, diese
Leere in den Trittstellen der
Tage, in den Schlupfwinkeln der
Räume, wo wir uns am sichersten
glaubten, diese Flucht in den
Treibsand Erinnerung, jener Puls-
schlag entlegener Tage, das
Paradiso, wohin man flüchtet,
sich fragt, was ist gewiss, außer
dem Veilchen, das wild aus der
Brust des Winters sprießt, sich
hinwegsetzt über die Narben
der Erde.

Schlagwörter: Lebendige Worte, Schriftstellerin, Lyrikerin, Banat, Ilse Hehn, Literatur, Kunst, Mediasch, Ulm

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