27. Mai 2022

Lebendige Spuren eines authentischen Künstlers: Reinhardt Schuster stellt in Gundelsheim aus

Die Sonderausstellung „Zeitspuren. Gemälde von Reinhardt Schuster“ wurde am 13. Mai im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim am Neckar eröffnet. Zur Vernissage auf Schloss Horneck kamen rund 20 Personen erstmals nach der Pandemie zusammen.
Ausstellungseröffnung im Siebenbürgischen Museum, ...
Ausstellungseröffnung im Siebenbürgischen Museum, von links nach rechts: Dr. Irmgard Sedler, Reinhardt und Valentina Schuster, Bürgermeisterin Heike Schokatz und Dr. Markus Lörz. Foto: Werner Sedler
Dem am 1. September 1936 in Brenndorf geborenen Maler und Zeichner Reinhardt Schuster sei es gelungen, „den radikalen Bruch mit der in Rumänien in der Nachkriegszeit dominanten Kunstpraxis des sozialistischen Realismus zu vollziehen“, sagte einführend Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums e.V. Als Schüler von Hans Mattis-Teutsch sei ihm das auch nicht schwergefallen. „Auch dem puren Intellektualismus der rein geometrischen Abstraktion, die im Lande als ein noch begehbarer Ausweg aus dem Vorgeschriebenen galt, konnte er sich nicht bedingungslos unterordnen, kamen doch hier die Emotionen zu kurz“, betonte Sedler. „Reinhardt Schusters künstlerische Visionen haben letztlich eine eigene, unverwechselbare Ausdruckweise gefunden, die ein authentisches Gefühl zu vermitteln imstande ist, die zugleich eine Resonanzbereitschaft für die kunstästhetischen Experimente seiner Zeit verrät, wie da wären Abstrakter Expressionismus, Lettrismus und Kinetische Kunst, und doch wieder etwas ganz Neues, anderes zu sein scheint. Hinterfangen von der Poesie der Dinge um uns herum – Artefakte des Alltags oder des Geistes, von der Faszination der Natur –, wollen Reinhardt Schusters Leinwände als Zustandserscheinungen von Welt und Leben, gefiltert durch das Wesen des Malers sein. Hierfür bricht er Strukturen auf, schafft Raum und Licht durch starke Farben und klare Linien und erfindet sich als Künstler immer wieder neu.“

Die Ausstellung widme sich „den künstlerischen Spuren eines Menschen, der stets auf Neue den Spuren des Geistes in der Materie nachging und weiter nachgeht“, sagte die Vorsitzende des Museumsvereins, die der Retrospektiv-Ausstellung „emphatische Betrachter mit Kunstsinn und Geduld“ wünschte.

Konzipiert wurde die Ausstellung von Dr. Markus Lörz, dem leitenden Kurator des Museums, der sich freute, Reinhardt Schuster und seine Frau Valentina sowie die Gundelsheimer Bürgermeisterin Heike Schokatz bei der Eröffnung begrüßen zu können. Lörz dankte der „Dorfgemeinschaft der Brenndörfer“ (HOG Brenndorf) für die Unterstützung der Ausstellung, die ein großes, reiches Werk aus über 60 Schaffensjahren zeige. Der Kunsthistoriker übergab das Wort an den Künstler, der in lebendigen Worten über sein Werk und seine künstlerische Ausdrucksweise reflektierte.

Der Titel „Zeitspuren“, der bei der Vorbereitung der Ausstellung gefunden wurde, habe auch die Auswahl der Bilder bedingt, „die im Laufe vieler Jahre entstanden sind und in denen die historischen und sonstigen Ereignisse Spuren hinterlassen haben“, sagte Reinhardt Schuster. So gehe es in der Ausstellung unter anderem um das Ende des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende kommunistische Diktatur in Rumänien, den Diktator selbst (siehe Titel „Satrap“), die Deportation, die Gefährdung allgemein (siehe „Gefährdetes Haus“), den Widerstand (siehe „Barrikaden“ in Temeswar), das gewaltsame Ende des Systems (siehe „Zusammenbruch“), die massive Auswanderung (siehe „Verlassenes Haus“ und „Die Sachen packen“). All diese Werke finden die Besucher in der Ausstellung.

Es stelle sich die Frage, in welcher Form sich all diese Themen in ein Bild umsetzen ließen, „um nicht bei einer Illustration der Ereignisse zu bleiben, sondern ein Kunstwerk zu werden“. Im Hintergrund sei einerseits „die Stimme der großen alten Dame Malerei“ hörbar, die den Künstler auffordere, sich mit ihr selbst zu befassen. Dem Künstler sei andererseits bewusst: „Nie erschöpft sich die Kunst schneller als dann, wenn sie sich nur um sich selbst dreht.“ In diesem Spannungsfeld habe er in seinen Bildern persönliche Lösungen gefunden, die in der Ausstellung zu sehen sind, sagte der siebenbürgische Maler. Zugleich bedauerte er: „Leider hat noch nie ein Bild einen Krieg verhindert, kann aber ein Memento sein, es nicht so schnell dazu kommen zu lassen.“

Als Gegensatz dazu gebe es ganz friedliche Motive in der Kunst, z.B. „die fantastische Erfindung der Menschheit, die Schrift“. In den „Schriftbildern“ schreibe der Maler keinen Text – dafür gebe es die Schriftsteller –, sondern er verwende die Buchstaben als Motiv für ein Bild. Schuster hält es dabei mit Wassily Kandinsky, „der da sagte: Buchstaben sind praktische, nützliche Dinge, aber gleichzeitig schöne Form und innere Harmonie“.

Reinhardt Schuster ging noch weiter, indem er immer neue Buchstaben und Schriftzeichen erfand, die – im Sinne Kandinskys – schöne Form und Harmonie aufweisen. „Ob wohl Oskar Pastior angesichts der ihm zugedachten ‚Großen Pastiorale‘ geschmunzelt hätte? Oder der Franzose Champollion, wenn er noch leben und versuchen würde, den ,Neuen Stein von Bonetta‘ zu entziffern wie einst den Stein von Rosetta, was ihn 1822 zur Entzifferung der ägyptischen Schrift geführt hat?“, fragte Reinhardt Schuster und antwortete vielsagend, dass dabei nichts herausgekommen wäre: „Denn alles ist reine Erfindung ohne Logik.“ Den „Neuen Stein von Bonetta“ hat er übrigens auch als Anspielung auf eine Bonner Schule mit Kindern aus hundert Ländern geschaffen und dafür ebenso viele neue Schriftzeichen erfunden.

Die Sonderausstellung „Zeitspuren. Gemälde von Reinhardt Schuster“ wird bis zum 7. August zu den üblichen Öffnungszeiten des Museums, dienstags bis sonntags von 11.00-17.00 Uhr im Museum auf Schloss Horneck gezeigt.

Siegbert Bruss

Schlagwörter: Ausstellung, Siebenbürgisches Museum, Reinhardt Schuster, Malerei, Brenndorf

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