19. September 2022

Befreiende künstlerische Handlung: Neue Zeichnungen von Gert Fabritius im Museum Bistritz

Die Ausstellung „O TEMPORA, O MORES!“ des siebenbürgischen Künstlers Gert Fabritius wird bis zum 30. September d. J. im Museum Bistritz gezeigt.
Gert Fabritius: „Ataraxis, die ...
Gert Fabritius: „Ataraxis, die Unerschütterliche“, Zeichnung 2022, Foto: GFabritius
„Gestaltungskraft und eine ,ungebremste Lust am Zeichnen‘ prägen bis in die Gegenwart die Kunst des 1940 geborenen deutschen Künstlers siebenbürgischer Herkunft Gert Fabritius. Seine im Tagebuch-Rhythmus entstehenden Zeichnungen der letzten Jahre zeigen sich als befreiende künstlerische Handlung mit Blick auf sich selbst und die Unwägbarkeiten des alltäglichen Zeitgeschehens: Menschliches, Allzu-Menschliches, Reflexionen über die Tagespolitik, über Gott und die Welt fügen sich […] zu einem Bild persönlicher wie allgemein gesellschaftlich-aktueller Befindlichkeiten in Krisenzeiten.“ Soweit das Wort der beiden Kuratoren Dr. Irmgard Sedler und Dr. Alexandru Constantin Chituţă, die in einer Kooperation ihrer Häuser – dem Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim und dem Brukenthal Museum – auf Einladung aus Bistritz ebenda eine Auswahl der in jüngster Zeit entstandenen Zeichnungen des in Hamburg lebenden Künstlers zeigen.

Zu sehen ist eine kleine Auswahl von knapp 25 Blättern und einem Skizzenbuch, die in ihrer Gesamtheit wesentliche Charakterzüge des zeichnerischen Spätwerks des Künstlers offenbaren.
Präsentation der rumänischen Ausgabe des ...
Präsentation der rumänischen Ausgabe des Deportationsbandes "Skoro damoi" am 17. August 2022 im Kreismuseum Bistritz, von links: Dr. Alexandru Chituţă, Direktor interim des Brukenthalmuseums, Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim e.V., und Dr. Alina Ilia Sabo, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums in Bistritz.
Die Ausstellung unter dem Titel „O TEMPORA, O MORES!“ thematisiert den Wandel der Zeiten und beklagt mit ihm den Verfall der Sitten. Um diesen zu zeigen, wählt Fabritius einen breiten, weichen Grafitstift, mit dem er in schnellen, entschlossenen Zügen seine Figuren und Sätze auf das Papier bannt. Manchmal ergänzt er um rote oder tiefschwarze Schatten, collagiert Fetzen verworfener Arbeiten darüber. Jedem seiner Blätter ist eine bemerkenswerte Dynamik des Denkens und Zeigens eigen, nie scheint es einen Zweifel zu geben. Seine Thesen und Statements formuliert Fabritius stets in direkter Beziehung zu einem Ereignis, einer Nachricht oder einem unmittelbar vorhergehenden Gespräch. Die Bezugspunkte sind kein Geheimnis, sie lassen sich schnell finden, und die Zeichnungen selbst sind der ganz persönliche Kommentar.

In diesem Frühjahr, nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn, ist die Zeichnung „Ataraxis, die Unerschütterliche“ entstanden. Fabritius erklärt: „Ataraxis ist die Allegorie der Unerschütterlichkeit, sie ist eine mutige Frau. Sie trägt eine große Ruhe in sich. In meinen Augen trägt sie aber vor allem die Hoffnung der Welt. Die Hoffnung, die wir jetzt unbedingt brauchen. Sie ist zwar dünn und ausgezehrt und sie steht in einer kargen, wenig verheißungsvollen Landschaft, aber doch zögert sie nicht, den Ertrinkenden aus dem Schlamassel zu ziehen.“

Gert Fabritius: „Hoffnung“, Zeichnung 2022, Foto: ...
Gert Fabritius: „Hoffnung“, Zeichnung 2022, Foto: GFabritius
Dann setzt Fabritius, mit Blick auf ein ebenfalls in diesem Jahr entstandenes Blatt fort: „Eine Blüte unserer Dipladenia war zu Boden gefallen, und ich musste sie aufheben. Sie war so schön, und ich wollte sie nicht so traurig auf dem Boden liegen sehen. Wie ich mich dann zu ihr nach unten beugte, verstand ich, dass ich sie in meine Zeichnung, an der ich gerade arbeitete, einfügen musste. So gibt es jetzt von mir auch so etwas wie eine Blumencollage. Ein ganz stilles, leises, vielleicht auch etwas wehmütiges Blatt. Ich bin selbst ganz überrascht davon, und ich mag es sehr. Ich habe es ,Hoffnung‘ genannt.“

Eigentlich schlägt Fabritius gern andere, nämlich kritische, warnende Töne an. Er scheut keine lauten Bilder, in denen unsere Gegenwart als gefährlicher Totentanz aufscheint: „Die heftigen Strudel, die wir zurzeit erleben und in denen wir stehen, haben das Zeug, Europa den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dem Feind das Kreuz entgegenhalten hilft dabei nicht. Wir sollten uns nicht täuschen lassen von den Kräften des Bösen und auch nicht in seinen mörderischen Tanz einwilligen.“ Dies ist der andere Ton, der durch die Ausstellung führt. Beide im Wechselspiel zueinander sehen zu können, macht den Reiz der schön kuratierten Schau aus.
Eröffnung der Ausstellung von Gert Fabritius am ...
Eröffnung der Ausstellung von Gert Fabritius am 17. August 2022 im Kreismuseum Bistritz, von links: Dr. Alexandru Chituţă, Direktor interim des Brukenthalmuseums, Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim e.V., und Alexandru Gavrilas, Direktor des Kreismuseums Bistritz
Die Ausstellung ist bis zum 30. September d. J. im Museum Bistritz zu sehen. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr. Ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen und einer Einführung des Kuratoren-Teams Sedler/Chituţă in rumänischer Sprache ist in der Ausstellung erhältlich.

Beatrice Ungar (HZ)

Schlagwörter: Gert Fabritius, Ausstellung, Bistritz, Siebenbürgisches Museum

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