27. Februar 2026

Urzeln feiern Jubiläen in Franken

Der Brauch der Urzeln reicht weit zurück zu den Handwerkszünften im siebenbürgischen Agnetheln (rumänisch: Agnita). Die Urzeln begleiteten und beschützten ursprünglich die Bruderschaftslade, die festlich vom alten zum neuen Gesellenvater getragen wurde. Der Brauch entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem größeren Fest, dem „Mummenschanz der Zünfte“, das 1689 in Agnetheln erstmals urkundlich erwähnt wurde. In Deutschland wird der Urzelnbrauch von Jung und Alt begeistert fortgeführt. Voriges Jahr feierte die Urzelnzunft Sachsenheim ihr 60-jähriges Bestehen, heuer berichten nun die Urzeln in Franken über ihr 25-jähriges Jubiläum und die Urzelnzunft in Geretsried über ihr 40-Jähriges.
Als 2001 der von Georg und Doris Hutter organisierte erste Urzellauf in Nürnberg von der Siebenbürger Blaskapelle Nürnberg e.V. begleitet wurde, war es ein erster Schritt, einen siebenbürgisch-sächsischen Brauch aus dem Mittelalter einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. Die Organisatoren des Nürnberger Fastnachtszuges erkannten das wertvolle Kulturerbe der Urzeln und die Parallele zu den traditionellen Nürnberger Schembartläufern, so dass wir bald gemeinsam mit ihnen den Fastnachtszug anführen durften. Heuer liefen wir am 15. Februar allerdings unter Nr. 8, um die Pferde vorne im Zug nicht scheu zu machen. Denn die Urzeln knallen ohrenbetäubend und tragen am Gesäß große, laute Kuhschellen.

Wie immer fuhren die Urzeln auch heuer mit der U-Bahn zum Aufstellplatz in der Bayreuther Straße, nachdem sie sich vorher im Haus der Heimat (HdH) Nürnberg versammelt und gestärkt hatten, wo das am Vortag von fleißigen Helfer/innen zubereitete Urzelkraut schon köstlich duftete. Was jedoch über die Jahre beim Umzug passierte, änderte sich mit der Zeit. Denn oft können verpflanzte Bräuche nicht genau so ablaufen wie in der Heimat. Zum Beispiel fanden die Krapfen, die früher in Quetschen für die Zuschauer/innen mitgenommen wurden, in Nürnberg zerquetscht wenig Zuspruch, so dass später gefüllte Krapfen im Bollerwagen mitgetragen und mit Serviette verteilt wurden. Das ist sehr teuer und für die über 50 000 Faschingsbegeisterten am Straßenrand dann sowieso zu wenig. Also werden nur noch selbstgebackene Krapfen an Bekannte verteilt, die das Gebäck zu schätzen wissen. Neben unseren beeindruckenden Knaller/innen gab es diesmal drei Reifenschwingende: Yvonne Langer, Ute Schuster und den siebenjährigen Samuel Hausl, die zu den Akkordeonklängen von Alfred Untch gekonnt ihr gefülltes Weinglas durch die Luft wirbelten. Richtiges Urzelwetter (sonnig und kalt) machte die Stimmung perfekt und ergab ein schönes Gruppenfoto vor dem Weißen Turm.
Urzeln und Darsteller des Nösner Ochsenlaufs ...
Urzeln und Darsteller des Nösner Ochsenlaufs vereint vor dem Weißen Turm Nürnberg. Foto: Uwe Kamilli
Eine Tradition ändern wir nicht: Bevor wir uns im HdH zum Urzelkraut setzen, bieten die Urzeln eine Show von Kunstfertigkeiten im Reifenschwingen und Knallen für die Helfenden und Ehrengäste sowie für die Landsleute, die beim „Ochsenlauf“, einem Nösner Brauch des Winteraustreibens, initiiert und organisiert von Annemarie Wagner, teilgenommen haben und anschließend den Tag mit den Urzeln im HdH verbringen.

Nach dem Essen sprachen die Ehrengäste Grußworte: Werner Henning, Vorsitzender des HdH-Vorstandes und Nürnberger Stadtrat, Rainer Lehni, Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V., und Manfred Binder, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern, der den Urzeln auch eine Urkunde überreichte. Die Bundesjugendleiterin der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland, Natalie Bertleff, war auch Ehrengast und Annette Folkendt, die Vorsitzende des Kreisverbandes Nürnberg, überreichte der Urzelsprecherin Doris eine Blume.

Zu den Highlights aus den 25 Jahren zählen, dass inzwischen auch mehrere Nicht-Agnethler/innen begeisterte Urzeln sind und dass Quartiere hinzukamen, in denen der Agnethler Urzelbrauch gepflegt werden konnte: in Weisendorf bei Brigitte und Gerhard Berner, in Hilpoltstein bei Karin und Dietmar Roth. Einladungen zu Umzügen in der Region blieben nicht aus. Inzwischen organisieren Maja Gerstacker-Roth und Uwe Kamilli die Teilnahme an den Umzügen in Hilpoltstein, Wolframs-Eschenbach, Thalmässing, Pleinfeld, Greding, Abenberg, Mitteleschenbach. Es gab Auftritte der Urzeln beim Kinderfasching des Bürgervereins Nürnberg-Langwasser, bei der Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft Noris Banatoris, in Thessaloniki (Griechenland) und ab 2023 regelmäßig im Deutschen Hirtenmuseum Hersbruck. Reifenschwingerinnen waren früher auch Gitte Henning und Sabine Herberth, Musiker dazu Christian Fuss und der Franke Reinhold Burkart.
Gute Stimmung beim Reifenschwingen zu den ...
Gute Stimmung beim Reifenschwingen zu den Akkordeonklängen von Fred Untch Foto: Uwe Kamilli
Besonders erfreulich ist das Engagement der jungen Leute: Robert Roth und Yvonne Langer hatten 2011 die Idee, T-Shirts mit dem selbst entworfenen Urzel-Logo produzieren zu lassen. Als wir Buttons zum Verschenken erstellen wollten mit der Vorgabe, dass es nachhaltig sein und zum Handwerkerbrauch passen soll, produzierte Martin Faff Leder-Urzelchen. Den Trend zu den Buttons aus Plastik oder Metall werden wir wohl nicht stoppen können, sehr wohl aber können wir Alternativen aufzeigen. Und sechs Urzelpaare haben seit 2016 geheiratet: Roth, Pelger, Langer, Schuster, Kießig und Schorr.

Auf die Frage: „Was ist wichtig beim 25. Jubiläum?“ kann es nur eine Antwort geben: die Zukunft, also der Nachwuchs. Das sind die Urzelchen und der kleine Reifenschwinger.

Die zwölf anwesenden Kinder standen im Mittelpunkt und durften eine Schnitzeljagd spielen. Ingrid Hausl hatte sich Urzeliges ausgedacht, also drehte sich alles um Peitschen, Schellen, Masken, Reifen, was auch den Kleinsten offensichtlich Spaß machte.

Der Bundesvorsitzende Rainer Lehni ein Urzel? ...
Der Bundesvorsitzende Rainer Lehni ein Urzel? Klar! Hier beim Grußwort im Haus der Heimat. Foto: Heike Mai-Lehni
Die traditionelle Urzeltaufe wurde freilich nicht ausgelassen. U.a. wurde Rainer Lehni, der als Urzel am Umzug teilgenommen hatte, getauft. Der Burzenländer musste den zugehörigen Spruch auch auf Agnethlerisch sprechen. Das ging flott. Bis zum nächsten Besuch will er das Peitschenknallen noch üben. Hirräääi! Zu den bewährten Klängen des Musikers Alfred Untch wurde getanzt, zum Schluss auch gesungen und dann gemeinsam aufgeräumt. Es feierten mehr als 120 Personen das 25-jährige Urzeljubiläum, allen sei herzlich gedankt. Auch den Förderern dieser Veranstaltung: Haus der Heimat e.V. Nürnberg, Kreisverband Nürnberg und Landesverband Bayern. Ganz besonders danke ich jedoch all jenen Menschen, die unserem Agnethler Handwerkerbrauch in diesen 25 Jahren die Ehre gegeben haben: durch Mitmachen bei der Brauchtumspflege, Vorbereitung der Veranstaltungen, Nähen von Urzelanzügen, Herstellen von Masken und Peitschen, Kochen und Backen, und vor allem das Heranführen der Kinder an die Pflege des Brauches auch in Franken. Hirräääi!

Doris Hutter

Schlagwörter: Urzeln, Franken, Brauchtum, Fasching, Nürnberg, Rainer Lehni

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